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Kienzler Stadmobiliar: Werben, warten, parken

  • 27. Mai 2026
Fahrradparker von Kienzler Stadtmobiliar
Fahrradparkhäuser: abschließbar, überdacht und als doppelstöckiger Systeme maximal flächengenutzt.
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Von der Litfaßsäule zur Bike Box: Das Kinzigtaler Unternehmen Kienzler Stadtmobiliar hat sich vom Produzenten analoger Werbeträger zum Anbieter urbaner Infrastruktur gewandelt.

Text: Christine Weis • Fotos: Alex Dietrich

Vor drei Jahren kaufte der Künstler Stefan Strumbel die letzte Litfaßsäule der Firma Kienzler Stadtmobiliar. Seitdem steht sie vor dem Kesselhaus, seinem Atelier- und Kunstraum in Offenburg. Die Säule passt zu dem historischen Industriegebäude als Marker einer analogen Zeit. Erfunden hat den runden Turm zum Plakatieren der Buchdrucker Ernst Litfaß 1855 in Berlin. Knapp 100 Jahre später eröffneten die ersten Fußgängerzonen in Deutschland – für den Steinmetzmeister Bruno Kienzler aus Hausach im Kinzigtal ein entscheidender Impuls. Er erkannte ein Marktpotenzial für Litfaßsäulen und startete 1954 mit deren Produktion und dem deutschlandweiten Vertrieb.

Aus seinem Betrieb namens Kunst und Natursteine wurde Kienzler Stadtmobiliar, aus der Werkstatt im Ortskern ein Standort im Gewerbegebiet. Schritt für Schritt wuchs das Sortiment: Plakatanschlagtafeln, Fahrgastunterstände mit Werbeflächen – die sogenannten Wartehallen –, Fahrradüberdachungen und City Light Boards kamen hinzu. Die Litfaßsäule wurde indes allmählich zum Auslaufmodell.

Fahrradboxen in der Herstellung bei Kienzler Stadtmobiliar
Doppelstockfahrradparker von Kienzler
Kienzler produziert verschiedene Radparksysteme, auch mehrstöckig und mit Schließanlagen, zudem unterhält es ein Buchungsportal für die Radboxen.

Mobiliar für Mobilität

Ab 2014 erweiterte das Unternehmen sein Portfolio um Fahrradparksysteme mit Onlinezugang, die heute vor allem an Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen, Bildungseinrichtungen, in Geschäftszentren oder in großen Wohnanlagen zum Einsatz kommen. Für diese Radparker hat Kienzler ein eigenes Buchungs- und Zugangssystem entwickelt. Per App, Chipkarte, QR- oder PIN-Code lassen sich Stellplätze in Sammelanlagen oder Einzelboxen reservieren und öffnen. Nach Unternehmensangaben gehört das „KINUS“-Portal inzwischen zu den größten in Europa.

„Wir haben eine hohe Fertigungstiefe, das sieht man an den verschiedenen Gewerken wie Holz- und Metallbau oder Elektrotechnik.“ – Sebastian Hildbrand

Radparksysteme und Fahrgastunterstände machen heute jeweils rund die Hälfte des Geschäftsvolumens aus. „Wir haben insgesamt rund 30.000 Wartehallen und 1000 Radparksysteme mit 30.000 Stellplätzen realisiert“, sagt Sebastian Hildbrand. Der 41-Jährige ist seit 2017 im Unternehmen, begann als Betriebsleiter und übernahm 2020 die Geschäftsführung. Die knapp 100 Mitarbeitenden verdoppelten den Umsatz in den vergangenen sechs Jahren, der aktuell im niederen zweistelligen Millionenbereich liegt. Neben dem Stammsitz in Hausach betreibt Kienzler Stadtmobiliar eine Niederlassung in Willich bei Düsseldorf als Montage- und Vertriebsstandort mit zehn Mitarbeitenden.

Sebastian Hildbrand Geschäftsführer von Kienzler Stadtmobiliar
Sebastian Hildbrand Geschäftsführer von Kienzler Stadtmobiliar

Die Nachfrage habe über Jahre von klaren politischen Signalen zugunsten von ÖPNV und Radverkehr profitiert, erklärt Hildbrand. Gleichzeitig sei zu beobachten, dass Kommunen derzeit Investitionen stärker abwägen – eine Entwicklung, die weniger branchenspezifisch sei als vielmehr Ausdruck der angespannten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Finanzsituation vieler öffentlicher Haushalte. Zu Kienzlers Kundschaft zählen vor allem Kommunen, öffentlichen Verkehrsverbünde und die Deutsche Bahn. „Wir hoffen, dass die politisch Verantwortlichen die nachhaltige Verkehrstransformation wieder stärker forcieren“, sagt Hildbrand.

Er hat eine klare Vorstellung, wie sich die Mobilität der Zukunft gestaltet: unter anderem durch flexible Angebote vom ÖPNV bis hin zu Mitfahrdiensten und zentralen Verkehrskontenpunkten. Das sollen Orte sein, an denen Menschen etwa vom Bus aufs E-Bike umsteigen. Dafür brauche es App gestützte Leihstationen mit Lademöglichkeiten, komfortable Wartebereiche und digitale Parksysteme. Ein Blick auf die Visualisierung eines solchen urbanen Raums auf der Firmenwebsite zeigt, wie das aussehen kann: nur ein Pkw, viele Fußgänger und Radfahrende, breite zweispurige Fahrradwege, viel Grün, S-Bahn – und dazwischen Produkte von Kienzler-Stadtmobiliar wie Sitzbänke mit integrierten Schließfächern oder Bike-and-Ride-Boxen.

„Wir hoffen, dass die politisch Verantwortlichen die nachhaltige Verkehrstransformation wieder stärker forcieren“. – Sebastian Hildbrand

Kienzler hat zudem einen Uban-Multi-Tree entwickelt, eine runde Holzsitzbank, montiert auf einem massiven Betonsockel, aus dem eine Baumkonstruktion ragt, die mit Kletterpflanzen wie Glyzinien oder Wildem Wein bestückt werden kann. „Das ist unsere Antwort auf Klimaanpassung für versiegelte und aufgeheizte Innenstädte“, sagt der Geschäftsführer. Die Citybäume sorgen für Begrünung, Beschattung und sind auch für Insekten und damit für die Biodiversität gut. Noch sei das ein Nischengeschäft, aber eines mit Perspektive, ist Hildbrand überzeugt.

Vor dem Verwaltungsgebäude ist mit dem Parklet ein weiteres innovatives Produkt aufgebaut. Das ist ein modular zusammensetzbarer quadratischer Podest, das Platz für Sitzhöcker, Pflanzkübel, Fahrradständer oder Schließfächer bietet. Damit können Straßen oder Autoparkplätze einfach zu Aufenthaltsräumen umgenutzt werden.

Gabelstapler auf dem Firmengelände von Kienzler Stadtmobiliar
LKW von Kienzler bei der Beladung im Werk in Hausach
Kienzler hat eine eigenen LKW-Flotte, transportiert, montiert und wartet ihre Produkte.

Made im Kinzigtal

Hinter den Ausstellungselementen am Eingang des Firmengeländes läuft die Produktion. Auf rund 30.000 Quadratmetern reihen sich mehrere Hallen aneinander, dazwischen fahren Gabelstapler, lagert Material, stehen Fertigteile zum Abtransport bereit.

Hildbrand geht voraus, öffnet eine schwere Stahltür zur Schlosserei. Funken sprühen, es riecht nach Metall, es wird gebohrt, gefräst, geschweißt. „Wir haben eine hohe Fertigungstiefe, das sieht man an den verschiedenen Gewerken wie Holz- und Metallbau oder Elektrotechnik“, sagt der Firmenchef. In der nächsten Halle werden gerade blaue Stützen für Haltestellen in München verladen. Geliefert wird mit der eigenen Lkw-Flotte. „Wir bieten alles aus einer Hand – von der Entwicklung über Produktion und Montage bis zu Wartung und Service“, erläutert Hildbrand. Zudem fertige man nach individuellen Vorgaben. Das seien ihre Vorteile gegenüber den Wettbewerbern – insbesondere aus den Ländern in Osteuropa oder Fernost, die auf standardisierte Serienfertigung setzen.

Pulverisierungsanlage in Betrieb bei Kienzler Stadtmobiliar

Die Pulverbeschichtungsanlage steht an diesem Freitagnachmittag bereits still. „Die Kollegen arbeiten hier in einer Viertagewoche zu je zehn Stunden“, sagt Hildbrand. „Einige von ihnen arbeiten zusätzlich noch in der eigenen Nebenerwerbslandwirtschaft, das ist typisch für das Kinzigtal.“ Derweil liegen die Fertigungsteile schon bereit: Komponenten für Wartehallen der Stadt Ulm, die am nächsten Morgen einen anthrazitfarbenen Anstrich bekommen. In der Durchlaufanlage werden sie beschichtet und anschließend im Ofen eingebrannt. So entstehen langlebige Oberflächen in den Farbtönen, die die jeweiligen Auftraggeber bestellt haben, erklärt Hildbrand und zeigt auf eine Musterplatte mit unterschiedlichen Kolorierungen.

Fahrgastunterstand auf dem Firmengelände von Kienzler Stadtmobiliar
Bauteile für Fahrgastunterstände in München
Kienzler realisierte bis dato rund 30.000 Fahrgastunterstände, die auch Wartehallen heißen.

Auf dem Weg zur nächsten Halle, in der die Fahrradparksysteme vormontiert werden, stehen Bike-Boxen für die Österreichische Bundesbahn. Die Einzelgaragen haben Stromanschluss, Innenbeleuchtung sowie Stauraum für Helm und Regenbekleidung. Drinnen wird an einer Sammelschließanlage mit Holzwänden, PV-Anlage auf dem Dach und auf zwei Parkebenen gewerkelt. „Ein ähnliches Fabrikat für 60 Räder haben wir vor Kurzen am Technischen Rathaus in der Offenburger Innenstadt aufgestellt“, sagt Hildbrand. Nur eine Radminute entfernt ist der Ausstellungsort Salmen, und vor dem Eingang steht eine Litfaßsäule, ebenfalls aus dem Hause Kienzler, wo 2023 die letzte das Werk verlassen hat.

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