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Judith Holofernes: „Ich bin das Chaos“

  • 3. Juni 2026
Judith Holofernes
Judith Holofernes. Foto: Marco Sensche
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Judith Holofernes war Frontfrau der erfolgreichen Indieband „Wir sind Helden“. Seit sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr singen kann, schreibt sie Bücher. „Hummelhirn“ heißt ihr neuestes. Darin erinnert sie an ihre Kindheit in Berlin und Freiburg sowie an die vergeblichen Versuche, mit ihrem Anderssein nicht anzuecken. Und es ist auch eine Liebeserklärung an ihre Mutter.

Text: Christine Weis

Als Kulturschock beschreibt Judith Holofernes den Wechsel von Berlin nach Freiburg in ihrer ernsten und zugleich humorvollen Autobiografie „Hummelhirn“. Darin erzählt die 49-jährige Autorin und Musikerin von ihren ersten 13 Lebensjahren – betrachtet mit dem Wissen ihrer erst 2022 diagnostizierten ADHS-Erkrankung. Freiburg war nicht Berlin, aber es „war grün, innen wie außen, dazu verhältnismäßig links und aufgeweckt für eine so hübsche Kleinstadt, und gerade groß genug, um fast nicht langweilig zu sein.“ Und doch: Es war ganz anders als das Wilde, das Ungebändigte der alternativen Wohngemeinschaften in den Westberliner Bezirken Kreuzberg und Neukölln, mit ihren wechselnden Besetzungen, mit dem selbstorganisierten Kinderladen Kakadu, wo Kinder Wände und Möbel mit Körperfarbe bemalten und die Eltern beim Vornamen nennen sollten.

Geboren wurde Judith Holofernes im November 1976 in einer dieser WGs. Ihre Mutter, die Literaturübersetzerin Cornelia Holfelder-von der Tann, stammt wie auch ihr Vater Martin Holfelder aus Villingen im Schwarzwald. Sie kannten sich seit ihrer Jugend, gingen beide in den Siebzigern nach Berlin und lebten zusammen, bis sie sich als lesbisch outete. Er zog weiter, lebte zeitweise in Landkommunen, ging zum Meditieren nach Indien ins Bhagwan-Zentrum Poona, schließlich mit neuer Familie nach Wuppertal. Die Mutter ging 1982 mit der sechsjährigen Judith nach Freiburg, wo sie bis heute lebt.

Es liegt nicht an Freiburg, dass sich das Mädchen fehl am Platz fühlte. Aber hier fällt die Andersartigkeit deutlicher ins Auge als in den Westberliner Kommunen. Eine Szene in der Emil-Thoma-Grundschule bringt es auf den Punkt: „Die Eltern der anderen Kinder beäugten mich mit einer Mischung aus Mitleid und kaum verhohlener Abneigung. Ob meine Seltsamkeit mit dem unkonventionellen Lebenskonzept meiner Mutter zu tun hatte? Man musste vielleicht Nachsicht mit dem Kind haben, auch wenn es komisch war.“ Vielleicht ist die Staudinger Gesamtschule im Stadtteil Haslach der passendere Ort für das „komische Kind“. In den Augen der konservativen Freiburger war es die Schule für Problemkinder, ein „Auffangbecken für Hippies, Freaks und Alternative“. Doch mehr und mehr wird klar, dass es nicht am Umfeld liegt, dass sich das Mädchen vor der Wirklichkeit abwendet und sich in Bücher- und Comicwelten flüchtet, den Klassenclown spielt, selten an der richtigen Bushaltestelle aussteigt, fast nie die Schulunterlagen dabeihat. Zudem ist sie häufig krank, hat Asthma und Allergien. „Ich bin das Chaos“, schreibt sie.

Und man spürt ihren Verdruss: Sie möchte das nicht. Sie will alles richtig machen, gibt sich Mühe, findet sich in dieser komplizierten Welt nicht zurecht, ist überfordert, fällt aus dem Rahmen, eckt an – und versucht zugleich, nett zu sein. Unaufhörlich prüft sie ihr Verhalten: Was ist nett, was nicht? Nicht nett ist zum Beispiel Vieles in der Ferienfreizeit: singen, summen, seufzen, weinen, Heimweh haben, kein Kartenspiel können, kein Badminton können, kein Volleyball können, kein Beachball können, immer nur lesen. Sie bewegt sich „wie eine betrunkene Hummel durch die Welt“ – und man folgt ihr bei der Lektüre auf diesem Hummelflug bis ins Teenageralter, wo sie mit Gitarre und Freunden „auf dem Boden sitzend, eine Herde Paviane, an strategisch wichtigen Knotenpunkten“ wie dem Augustinerplatz, am Bertoldsbrunnen oder im Stadtgarten ihre Zeit verbringt.

Die chronologische Erzählung wird immer wieder unterbrochen: von Erinnerungen an Wir-sind-Helden-Konzerte, von Songtexten, Szenen aus dem heutigen Leben, Gesprächen mit Freunden oder dem Lektor. Die Form folgt dem Inhalt, spiegelt die sprunghafte, assoziative Bewegung der Gedanken, die mit der späten Diagnose einhergeht. Explizit benennt Holofernes sie nicht – und erklärt das auch: „Ich will ein Buch für alle komischen Kinder schreiben, nicht nur für die, die auf genau dieselbe Art komisch sind, wie ich.“

Zuckerbrot und Rinderbrühe

Vor allem setzt Holofernes mit diesem Buch ihrer Mutter ein Denkmal. Mama Cornelia ist allgegenwärtig – und man schließt diese grenzenlos geduldige, zugewandte Frau beim Lesen unweigerlich ins Herz. Wie sie Drachentorten backt, Monster bastelt, ihre Arbeit um das oft kranke Kind herum organisiert. Wie sie Zuckerbrote schmiert und Rinderbrühe kocht, verlorene Schulsachen, Schals, Mützen und Jacken zum x-ten Mal ersetzt, Schlüssel nachmachen lässt. Wie sie bis spät in die Nacht an ihren Übersetzungen sitzt, einen Untermieter aufnimmt, um die Miete bezahlen zu können. Wie sie keinen Unterschied macht zwischen Hoch- und Niederkultur, das „Lustige Taschenbuch“ ebenso gelten lässt wie „Die unendliche Geschichte“, verletzte Krähen rettet und Hunde aus dem Tierheim holt.

Ihre adlige Herkunft hat Cornelia Holfelder – mit vollem Namen Andrea Cornelia Holfelder, Reichsfreiin von und zu der Tann-Rathsamhausen – abgestreift; nur gelegentlich blitzt sie auf, etwa in einer goldenen Kronleuchte oder einem Mahagonibeistelltisch zwischen Ikea- und Sperrmüllmöbeln. Und dann steht da dieser schlichte, berührende Satz: „Meine Mutter war mein Zuhause, und wenn sie nicht da war, war ich heimatlos.“

Am Ende ist „Hummelhirn“ mehr als eine Coming-of-Age-Geschichte und klüger als ein nachträgliches Diagnosenarrativ. Es ist ein Buch über das Anderssein, das sich jeder vorschnellen Einordnung entzieht. Holofernes schreibt nicht, um zu erklären, sondern um spürbar zu machen, wie es ist, mit einer Welt klarzukommen, in die man eigentlich nicht hineinpasst.

Buchcover Hummelhirn von Judith Holofernes

Judith Holofernes: Hummelhirn
Das Buch ist im März erschienen, hat 340 Seiten und kostet 24 Euro.

Judith Holofernes heißt bürgerlich Judith Holfelder-Roy. Sie ist mit Sebastian „Pola“ Roy, dem Schlagzeuger von „Wir sind Helden“, verheiratet und lebt mit ihm und den zwei gemeinsamen Kindern in Berlin. Von 2000 bis 2012 war sie Sängerin und Songschreiberin der erfolgreichen Indieband, danach brachte sie zwei Soloalben heraus. Seit 2017 kann sie aufgrund einer vermuteten neurologischen Stimmstörung nicht mehr als Sängerin auftreten. Neben dem aktuellen Buch hat sie 2015 einen Band mit Tiergedichten und 2022 mit „Die Träume anderer Leute“ eine Autobiografie über die Zeit im Musikbusiness zwischen Karriere, Kindern und Krankheit veröffentlicht. Sie betreibt mit „Salon Holofernes“ einen Podcast und kreiert exklusiv für ihre Fans auf der Plattform Patreon Lieder, Texte und Kunstwerke.
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