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  • Spielen 06/2026

Bernhard Hanel: Der Spielplatzkünstler

  • 23. Juni 2026
Bernhard Hanel
Bernhard Hanel in der Modellwerkstatt der KuKuk freiflug GmbH. Foto: Jasper Walter
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Bernhard Hanel aus Oberried will die Welt kinderfreundlicher machen. Seit 30 Jahren baut er Kletterlandschaften und bringt Spielgeräte in Kriegsgebiete. Seine Firmen setzen inzwischen knapp zehn Millionen Euro um. Hier erzählt der Künstler, welche politische Dimension Spielen hat und warum er es mit seinem Weltkinderforum sogar bis zum Nobelpreis schaffen will.

Text: Julia Donáth-Kneer

Ganz oben in Oberried, kurz hinter Kirchzarten, dort, wo kaum noch Höfe sind, ist erstmal nichts zu sehen, nur der Hahn kräht. Dann kommt Bernhard Hanel aus dem Stall, er strahlt, sein Gesicht ist gebräunt, die Haare kraus. Er stellt sich als Berni vor und führt ins winzige Holzhaus am Hang. Im Inneren schlängelt sich eine selbstgebaute Treppe aus vielen kleinen Holzkisten und robusten Seilen in den oberen Stock. Hanel, der so nahbar wirkt, ist ein international tätiger Unternehmer. Seine Mission: Die Kindheit retten. Dafür bauen er und sein Team weltweit kreative Spielstätten.

Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Robin Wagner, den er im Kunststudium kennengelernt hat, gründete er die Firma Kukuk – der Name steht für Kunst, Kultur, Konzeption. Vor rund 30 Jahren begannen die beiden damit, Schulhöfe zu gestalten. „Die Grundidee war, was brauchen Kinder für Räume, um gesund und gut aufwachsen zu können?“, sagt der gebürtige Stuttgarter. Bernhard Hanel und Robin Wagner sind Künstler, keine Architekten. Also begannen sie, Fachleute einzustellen, gründeten ein Planungsbüro und erhielten größere Aufträge. Inzwischen gehören drei eigenständige GmbHs zur Gruppe, es gibt einen eigenen Verein und eine Schweizer Schwesterfirma. Insgesamt arbeiten rund 80 Menschen für Kukuk, der Umsatz liegt bei acht bis zehn Millionen Euro im Jahr.

Sehr populär wurde die Kukuk-Box, mit der sie Spielplätze in Überseecontainern bauen. „Nichts lässt sich besser transportieren als ein Container. Und es gibt ja auch nichts Standardisierteres auf der Welt“, erklärt Hanel. Die Kukuk-Box kann man einfach aufklappen wie einen Geschenkkarton, die Aufbauzeit liegt laut Angaben der Hersteller bei rund vier Stunden. Im Inneren gibt es Balancier- und Klettermöglichkeiten, eine Rutsche, auch das Dach ist bespielbar. Ursprünglich war die Kukuk-Box für Krisengebiete gedacht. Der erste Auftrag kam von der Caritas Schweiz, die eine Spielmöglichkeit in den Gazastreifen bringen wollte, dort aber nichts bauen durfte. Inzwischen beauftragen auch Städte in Deutschland und der Schweiz die Kukuk-Box. Manche ließen damit den Spielplatz von Ort zu Ort wandern wie einen Wochenmarkt, berichtet Bernhard Hanel. Andere nutzten ihn als Provisorium auf Baustellen. Und es haben sich weitere Verwendungsmöglichkeiten ergeben: so sind Chill-, Workout- oder Skateboxen entstanden. Je nach Ausstattung kostet ein Container 20.000 bis 50.000 Euro.

Kukukbox
Bernhard Hanel baut mit seiner Firma Kukuk-Box Spielwelten in Überseecontainer und verschickt sie in die ganze Welt – hauptsächlich in Krisen- und Kriegsgebiete. Jedes Kind muss spielen, davon ist er überzeugt. Auch und vor allem diejenigen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Dieser Spielcontainer steht in der Ukraine.

Obwohl die Boxen einen hohen Spielwert haben, können sie kein vollständiger Ersatz für einen wirklich guten Spielraum sein, findet Hanel: „Der hat mehr Aspekte. Natur ist ein wichtiger Faktor. Außerdem verschiedene Welten aus Holz, Stein, Sand, Pflanzen, Wasser, die verschiedene Materialerlebnisse bringen.“ Es brauche Orte zum Verstecken ebenso wie unterschiedliche Herausforderungen, damit sich ein kleines Kind ausprobieren kann und ein größeres nicht gähnend am Rand steht. „Ein guter Spielplatz ist mehr als dreimal runterrutschen und auf einem Hopstier schaukeln“, sagt der Profi.

Jedes Kind kann spielen

Inzwischen gibt es hunderte Boxen weltweit. Sie stehen unter anderem im Nahen Osten, in Kirgisien und an mehreren Stellen im kriegsgebeutelten Kiew. In diesen Krisen- oder Kriegsgebieten mangelt es an fast allem, warum sind da ausgerechnet Spielräume so wichtig? Bernhard Hanel muss nicht lange überlegen: „Wir bauen Orte, an denen Kinder wieder Kinder sein dürfen. Es gibt nichts Wichtigeres, vor allem für traumatisierte junge Menschen, als dass sie wieder ins Spielen kommen, in das Vertrauen in sich selbst.“

Im Spiel verarbeiten Kinder Erlebtes, lernen logisches Denken, steigern ihr Selbstbewusstsein und fördern ihre Konzentration. Wer nicht spielt, lernt schlechter, wie man Konflikte löst, Kompromisse schließt oder sich in andere hineinversetzt. Dass es nachteilig für ein Kind sein kann, wenn es nicht spielt, darin ist sich die Medizin längst einig: Antriebslosigkeit, Entwicklungsverzögerung, schlechtere Kompensation von Stress können die Folgen sein. Hanel sieht das genauso drastisch: „Nach meiner Erfahrung ist es für die frühe kindliche Entwicklung eine Katastrophe.“ Es brauche reale Erfahrungen, die Kinder auf dem Spielplatz ebenso wie in der Natur erleben können: Was ist hart, was ist weich, was ist hoch? „All das lernen sie im Spiel. Immer wieder ausprobieren, scheitern, aufstehen, noch mal probieren.“

Hanel erzählt von Kindern in China, die fast ausschließlich mit digitalen Medien aufwachsen und gar nicht wissen, was freies Spiel ist. Und er berichtet von einem Ausflug nach Hanoi in Vietnam, wo sein Team auf Jungs und Mädchen traf, die schon in der ersten Klasse nervös, hibbelig und gestresst waren. „Das Problem ist, dass sie schon ab der frühesten Kindheit schulisch sozialisiert werden, mit viel Druck und kaum Freizeit, damit sie möglichst früh lesen, schreiben, rechnen lernen. Es war sicher gut gemeint, aber genau das Falsche“, sagt Hanel. Er und sein Team ließen daraufhin eine Straße sperren und errichteten große Spielstraßen. Und auf einmal, so erzählt er es mit glänzenden Augen, spielten die Kinder wie verrückt, ohne Anleitung oder Aufforderung. „Jedes Kind kann spielen, es ist wie ein Ur-Impuls“, betont der 57-Jährige, der selbst mit drei Geschwistern aufgewachsen ist. Um ihn herum sind und waren immer Kinder: Er hat vier leibliche und zwei Stiefkinder. Seine Eltern sind beide Lehrer, der Vater hat die Waldorfschule in Stuttgart mitgegründet.

Einmal war Hanel in Addis Abeba und beobachtete dort im dreckigen Chaos inmitten einer riesigen Kreuzung zwei Mädchen, die völlig selbstversunken in ihrem Spiel waren. „Wie in einer Glocke, die haben alles andere ausgeschaltet“, erinnert sich der Experte. „Das ist das Schöne daran: Spielen ist reine Gegenwart. Jetzt ist jetzt. Und das, was erlebt wird, ist real.“ Ob im Jemen, in Nepal oder in der Schweiz – alle Kinder spielten gleich. „Sie beschäftigen sich mit dem, was ist. Sie legen sich etwas zurecht, spielen damit, lösen auf, arrangieren neu und so weiter. Natürlich ist jedes Kind anders, das eine ist forsch und schubst andere weg, das nächste eher zurückgezogen. Aber die Art, wie sie die Welt spielend kennenlernen, ist überall dieselbe.“

Kukuk
Hanel sagt: Ein idealer Spielplatz vereint verschiedene Materialerlebnisse und bietet Platz zum Klettern und Verstecken. Hier im Uhrzeigersinn von oben links: Schneckenhaus aus Glas und Holz sowie Holzkletterwelt auf der Landesgartenschau in Würzburg, Riesenrutsche im Schweizer Gstaad und Felsenspielplatz in Basel.

Seit den 1990er-Jahren organisiert Hanel mit seinem Verein Kukuk-Kultur Schulausflüge ins Ausland. Nach dem Ende der Kämpfe im damaligen Jugoslawien begann er, mit Schulklassen nach Sarajevo zu fahren, damit die Kinder und Jugendlichen vor Ort helfen können, zum Beispiel Kindergärten wiederaufzubauen. Immer noch organisiert der Verein solche Projekte 12- bis 15-Mal pro Jahr, zuletzt in Mazedonien und im Kosovo. Offenbar kommt das bei den Kids gut an: „Selbst diejenigen, die anfangs keine Lust hatten, weil sie lieber am Meer chillen wollen, sind nach wenigen Stunden voller Elan dabei“, erzählt Hanel. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sei wahnsinnig mächtig.

Friedensnobelpreis für alle Kinder

Wenn Spielen doch so absichtslos ist, wie wichtig sind dann überhaupt Geräte? „Sie motivieren natürlich, sich zu bewegen und in den Körper zu kommen und so weiter. Für das eigentliche Spiel braucht man keinen Spielplatz, nur Materialien wie Sand, Wasser, Äste und Blätter“, sagt Hanel. Wer wie er selbst mitten in der Natur wohnt, kann einfach die Tür öffnen und die Kinder sind stundenlang beschäftigt. An Feld- und Walderfahrungen mangelt es in urbanen Umgebungen, deshalb wollen Hanel und Kukuk mit ihren Spielwelten dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche trotzdem so viel Naturerlebnis wie möglich bekommen. Er berichtet von einem Spielplatz in Berlin-Prenzlauer Berg, der so konzipiert sei, dass ihn sogar die 12- bis 14-Jährigen regelmäßig nutzen. „Ich bin überzeugt: Wenn sie die richtigen Angebote bekommen, wollen auch Teenies nicht den ganzen Tag am Handy daddeln.“

 Vor einiger Zeit wurde der Spielplatzbauer mit einem Zitat aus einem Interview mit der „Süddeutsche Zeitung“ bekannt. „Spielplätze sind eine Bankrotterklärung unserer Gesellschaft“, hieß es da. Zu der Aussage stehe er nach wie vor, sagt Bernhard Hanel und legt nach: „Wie kann eine Gesellschaft eines der elementarsten Bedürfnisse der Menschen einfach wegorganisieren? Warum braucht es überhaupt bestimmte Plätze, warum ist nicht alles bespielbar?“ Er träumt von einer Welt, in der alle gemeinsam ihre Zeit verbringen, jung und alt, arm und reich. „Wie auf einem italienischen Platz in der Abendstimmung, wo Gemeinschaft ganz aus sich selbst heraus entsteht.“ In Deutschland seien Spielplätze viel zu oft traurige Orte ohne echte Begegnungsmöglichkeiten.

„Wie kann eine Gesellschaft eines der elementarsten Bedürfnisse der Menschen einfach wegorganisieren? Warum braucht es überhaupt bestimmte Plätze, warum ist nicht alles bespielbar?“ Bernhard Hanel

Bernhard Hanel hat eine Mission, die ihn durch die vergangenen drei Jahrzehnte trägt. Längst hört man ihm zu – hierzulande und weit darüber hinaus. Im Sommer veranstaltet er bereits zum dritten Mal das World Child Forum, das als Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum ebenfalls in Davos stattfindet. In diesem Jahr erwartet er rund 300 Teilnehmende aus rund drei Dutzend Ländern. Die Grundidee ist klar: „Es ist nicht in Ordnung, wenn die mächtigsten Menschen der Welt über die Zukunft bestimmen, ohne diejenigen zu hören, die es am meisten betrifft“, erklärt er. Kinder könnten viel freier denken als Erwachsene: „Ihnen fällt es nicht schwer, Visionen zu entwickeln. Die Erwachsenen flicken Probleme, Kinder können sich auch eine ganz andere Zukunft vorstellen, in der alles möglich ist.“

Sein unumstößlicher Glaube an dieses Alles-ist-möglich treibt den Spielkünstler schon sein Leben lang an. In diesem Jahr hat er zum Beispiel eine bemerkenswerte Initiative ins Leben gerufen: Hanel hat vorgeschlagen, alle 2,4 Milliarden Kinder der Welt für den Friedensnobelpreis 2026 zu nominieren, um Kinderrechte zu stärken. Mehrere Parteien unterstützen sein Anliegen. Im August will er dafür vor dem deutschen Reichstag eine riesige Spielwelt errichten, in der je ein Kind aus jedem Land der Welt spielen soll. Kann das funktionieren? „Das wird klappen“, sagt Hanel wohlwissend, dass er dafür noch zwingend strukturelle und finanzielle Unterstützung braucht. Er strahlt trotzdem.

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