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Bechtle Microsoft World: Ins Handeln kommen

  • 9. Juli 2026
Linus Neumann bei der BMSW
Ein Hacker als prominenter Gastredner: Linus Neumann bei der Bechtle Microsoft World.
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Wir sind im Jahr vier nach der Veröffentlichung von ChatGPT und dem Jahr drei nach dem Start des KI-Assistenten Copilot von Microsoft. Beim IT-Branchentreff Bechtle Microsoft World im Juni in Offenburg geht es deshalb nicht mehr darum, dass Unternehmen generative KI anwenden, sondern wie sie ihnen nutzt.

Text: Kathrin Ermert

Gibt es bereits strategische KI-Projekte in der Organisation? Sind dadurch die Kosten gesunken? Ist der Umsatz gestiegen? Von der Hauptbühne der riesigen Edeka-Halle der Messe Offenburg richtet Paul Zeinhofer, KI-Chef der österreichischen Bechtle-Tochter Smart Point, diese Fragen ans Publikum und bittet um Handzeichen. Bei jedem Punkt gehen weniger Arme nach oben. Das entspreche den Ergebnissen repräsentativer Umfragen, sagt Zeinhofer: „Insgesamt steigern gerade einmal elf Prozent der Unternehmen durch den Einsatz von KI ihren Umsatz.“ Diese Pioniere – er nennt sie „Frontier Firms“ – bringen Menschen und Agenten zusammen. „Arbeit wird da neu gedacht, mit der KI im Mittelpunkt“, erklärt Zeinhofer. Sie nehme den Mitarbeitenden autonom Aufgaben ab, damit die mehr Zeit für anderes haben.

„KI darf kein Werkzeug für IT-Profis sein.“ – Paul Zeinhofer, Smart Point

Allerdings löse die Technologie allein keine Probleme – man müsse Anwendungsfälle suchen, bei denen sie einen unterstützen kann. Und zwar möglichst niederschwellig: „KI darf kein Werkzeug für IT-Profis sein“, mahnt Zeinhofer. „Wir müssen Mitarbeitende so unterstützen, dass sie vielleicht gar nicht merken, wenn sie mit KI arbeiten.“ Das zeigt ein Beispiel aus der Pflege: Für das Haus der Barmherzigkeit hat Smart Point ein Dokumentenmanagementsystem mit Agenten erstellt, das Wissen schnell dort zur Verfügung stellt, wo die Menschen gerade arbeiten. Es entlaste die Mitarbeitenden, die so mehr Zeit mit den Menschen verbringen könnten. „Wichtig ist dieses Prozessdenken“, betont Zeinhofer.

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Führungskräfte müssen vorangehen

So weit wie dieses Pflegeheim ist die Mehrzahl der Unternehmen allerdings noch nicht, beobachtet Christian Malzacher. „Drei von vier reden, nur einer handelt“, sagt der Business Manager für Modern Work und AI bei Bechtle bei der Bechtle Microsoft World (BMSW). Das habe auch mit den großen Veränderungen zu tun, die mit KI einhergehen: „Sie ist kein Werkzeug, sie ist Organisationsentwicklung.“ Malzacher plädiert dafür, mit Lippenbekenntnissen aufzuhören und ins Handeln zu kommen. Das beginne im Management. „Wenn Führungskräfte KI anwenden, hat das einen größeren Impact als Schulungen“, betont Malzacher. Und es brauche eine Person im Unternehmen, die verantwortlich ist und KI vorantreibt – für alle Abteilungen als einheitliche „Governance“. Bei einem Dutzend oder mehr KI-Agenten im Unternehmen stellt sich die Frage: Wer führt die? Malzacher ist klar: „Der Agent ist Teil des Teams, deshalb muss er von der Führungskraft verantwortet werden.“

Das größte Hindernis ist, wenn das C-Level über KI spricht, sie aber nicht anwendet.“ – Stephanus Schulte, Microsoft

Stephanus Schulte von Microsoft Deutschland betont zudem: „Eine große Zahl von Agenten bekommt man nicht mehr manuell geregelt.“ Dann brauche es eine Architektur. „Governance und Automatisierung sind für Skalierbarkeit und Sicherheit unerlässlich“, sagt Schulte und berichtet von einem Lebensmittelgroßhandel, der für Ausschreibungen, bei denen große Datenmengen abgeglichen werden müssen, KI einsetzt. Das spare viel Zeit, selbst inklusive der menschlichen Kontrolle. Solche erfolgreichen Beispiele lösten oft einen Reflex aus: „Können wir das auch so machen?“, hört der Microsoft-Manager oft. Doch so funktioniere es nicht. Damit sie etwas bewirkt, müssten Unternehmen die künstliche Intelligenz ihren Zielen und ihrem Bedarf anpassen. Und auch hier gilt laut Schulte wieder: Es muss oben anfangen: „Das größte Hindernis ist, wenn das C-Level über KI spricht, sie aber nicht anwendet.“

IT unterstützt Industrie

Digitalisierung verändert nicht nur Büroarbeitsplätze, sondern auch industrielle Produktion. Das bringt die IT- und OT-Welt zusammen, also die Informations- und die Operationstechnologie. Beispielsweise Bechtle Freiburg mit dem Waldkircher Sensorenhersteller Sick, bei dem in den zurückliegenden Jahren mit wachsender Produktvielfalt die Komplexität stark gestiegen ist. Sick produziert heute mehr als 40.000 Produkte und verkauft sie in über 50 Ländern, was intern zu Herausforderungen bei Fokussierung, Standardisierung und Vertrieb führe, berichtet Volker Glöckle, Leiter der Sparte Automatisierung bei Sick, auf der BMSW. Das macht sich, wie zuletzt wiederholt zu lesen war, in den Kosten des Unternehmens bemerkbar: „Unser größtes Problem momentan: Der Umsatz ist da, aber die Rendite zu gering. Über längere Zeit können wir das nicht stemmen.“

„Wir können die Applikationen in den Prozessen, brauchen aber von oben eine IT-Architektur.“ – Volker Glöckle, Sick

Deshalb müssten Kompetenzen gebündelt, Produkte standardisiert und das Portfolio reduziert werden, beispielsweise in dem man modulare, anwendungsspezifische Plattformen entwickelt. Daran arbeitet das Industrieunternehmen gemeinsam mit dem Bechtle-Systemhaus. „Wir können die Applikationen in den Prozessen, brauchen aber von oben eine IT-Architektur“, sagt Glöckle. Wie komplex diese Herausforderung ist, zeigt eine Grafik, die der Sick-Manager mitgebracht hat. Sie sieht wie ein Wimmelbild aus, wurde von Mitarbeitenden erstellt und zeigt das vielfältige Zusammenspiel von Mensch und Maschine in der Sick-Produktion und -Logistik.

Kein Abbau von IT-Stellen in der Region

Auch bei die BMSW geht es wimmelbildgleich zu. Fast 1900 Menschen sind gekommen – neuer Rekord. Er zeigt die Dringlichkeit, die Unternehmen umtreibt, sich mit den digitalen Themen auseinanderzusetzen. Das Angebot der BMSW, die Netzwerk Südbaden wieder als Medienpartner begleitet, ist enorm mit den sechs Themenwelten Modern Work & AI , Security, Cloud, Business Application, Public Secor sowie Executive Track. Es ist nicht möglich, alles anzuhören und anzuschauen, denn vieles läuft parallel in den mittlerweile zwei großen Hallen der Offenburger Messe.

„Viele Mittelständler sind unsicher, wie sie mit KI starten sollen, weil ihnen oft die Kapazität dafür fehlt.“ – Alexander Hübner, Bechtle Offenburg

Der Angst etwas zu verpassen – neudeutsch: „fear of missing out“ oder kurz: Fomo – begegnet Bechtle mit Technologie. Der Veranstalter zeichnet alle Vorträge als Audiodatei auf, transkribiert sie und stellt die Zusammenfassungen zum Nachlesen in die Mediathek. „Das kann eben die KI“, sagt Udo Stiefvater. Der Freiburger Bechtle-Geschäftsführer ist sehr zufrieden mit der siebten Ausgabe der BMSW. Die Stimmung sei gut, einen Abbau von IT-Stellen, der teilweise beginnt, weil KI immer besser programmiert, sieht er in der Region nicht. KI stehe auf der Agenda der Mittelständler. Viele seien unsicher, wie sie mit dem Thema starten sollen, zumal ihnen oft die Kapazität dafür fehle, beobachtet Alexander Hübner, Geschäftsführer von Bechtle in Offenburg. Entsprechend gut würden die Angebote für Führungskräfte auf der BMSW angenommen, wie das Greenfield oder der Executive Track, wo Entscheiderinnen und Entscheider Fragen platzieren können: Was ist für mein Unternehmen sinnvoll und praktikabel? Wie setze ich KI datensicher ein?

Das Unternehmen schützen, nicht die IT

Über ähnliche Themen spricht Linus Neumann. „Man kann KI sicher bauen, aber das ist nicht einfach“, sagt der bekannte Berliner Hacker und Experte für IT-Sicherheit. Die KI „Mythos“ des US-amerikanischen Unternehmens Anthropic könne sogar Systeme hacken, obwohl es ihr niemand beigebracht hat. Das Gute daran ist laut Neumann: „Es wird immer weniger Schwachstellen in der Software geben.“ Der Nachteil: Jemand müsse sie patchen, ehe sie ausgenutzt werden, und die Zeit dafür werde immer kürzer. Große Unternehmen könnten sich das leisten, kleine eher nicht. Zumal kleine Nischen-Softwareprodukte für CRM oder ERP im Gegensatz zu den Produkten großer Anbieter wie Microsoft kein Preview ihrer Schwachstellen von Anthropic bekommen hätten.

„Es darf nicht sein, dass wir die IT vor den Leuten schützen. Wir sollten sie für die Leute bauen. Die Devise muss lauten: Das Business schützen, nicht die IT.“ – Linus Neumann, Hacker und Speaker

IT-Sicherheit ist das zentrale Thema von Neumann, der als Diplom-Psychologe nicht nur auf die Software, sondern auch auf die Menschen schaut. Seine These: ITler hätten es geschafft, ihr Fachwissen von den Nutzerinnen und Nutzern fernzuhalten. „Cybermystifizierung“ nennt Neumann das. Zudem hätten sie die Schuld für gehackte Systeme auf andere gelenkt, nämlich auf diejenigen, die Links klicken. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass Menschen nun mal überall draufklicken“, betont Neumann. „Es darf nicht sein, dass wir die IT vor den Leuten schützen. Wir sollten sie für die Leute bauen. Die Devise muss lauten: Das Business schützen, nicht die IT.“ Der Hacker plädiert für eine andere Herangehensweise: zu schauen, was die Angreifer machen, um zu verstehen, was das in Unternehmen auslöst. Der Haken daran: „Die Unternehmen kontaktieren uns immer erst in der Krise“, erzählt Neumann. Und dann säßen Unternehmensleitung, IT und Security erstmals zusammen an einem Tisch. Prävention müsse man aber vor der Krise angehen, und zwar in dem man Silodenken auflöst.

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