Die Firma Pizzaboxx gibt es seit 31 Jahren, sie hat die Lieferung der kreisrunden Leckerei in Freiburg überhaupt erst etabliert. Doch die wenigsten kennen die Geschichte der Betreiberin. Ein Porträt.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Santiago Fanego
Es gibt Menschen, die lassen sich treiben, andere planen jeden Schritt. Und dann gibt es jene, denen das Schicksal Knüppel zwischen die Beine wirft und die irgendwie durchkommen müssen. Zu Letzteren gehört Ulrike Hansen-Becker, von allen nur Bobby genannt. Ihre Geschichte ist so einzigartig wie bewegend. Denn Hansen-Becker, damals Ende 30, war rund um die Jahrtausendwende ziemlich eingespannt: Sie arbeitete als Tanzpädagogin, hatte drei kleine Kinder und einen Mann, der lange Tage und viele Abende als Gastronom beschäftigt war. Sven Hansen ist Sohn des Eigentümerpaares, das den „Roten Bären“ über viele Jahrzehnte führte. Das Gasthaus, dessen Betrieb bis ins Jahr 1311 lückenlos nachgewiesen werden kann, gilt als ältestes Deutschlands. Sven Hansen hat den elterlichen Betrieb jedoch nie übernommen, dazu kam es nicht. Er wurde im „Schwarzen Adler“ in Oberbergen zum Koch ausgebildet, lernte Restaurant- und Hotelmanagement in Berlin und Frankfurt, Mitte der 1990-er-Jahre brachte er schließlich eine neue Idee an den Start. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Markus Flügel, heute Leiter der Südstar-Getränkemärkte, eröffnete er in Freiburg einen Pizzabringdienst. Das Konzept: Statt einer vorgegebenen Speisekarte kann man sich im Schachtelsystem alles so zusammenbasteln, wie man möchte. Der erste Pizzaboxx-Laden eröffnete 1995 in der Habsburger Straße in Freiburg-Herdern, ein Jahr später folgte der Standort Freiburg-Haslach, danach Littenweiler und Emmendingen.
So hätte es weiter gehen können. Doch es kam anders. 2003 starb Sven Hansen im Alter von nur 36 Jahren bei einem Autounfall. Zurück blieben seine Frau und die drei Kinder – zehn, sieben und zwei Jahre alt. Für Bobby begann die schwerste Zeit ihres Lebens. Die Tanzlehrerin hatte von Gastronomie keine Ahnung, hatte sich zuvor nie mit den operativen Notwendigkeiten der Pizzaboxx beschäftigt. Eine Wahl blieb ihr nicht. „Ich dachte nur, ich muss handeln, damit der Betrieb weiter bestehen kann“, sagt Ulrike Hansen-Becker beim Gespräch in Herdern.
Sie saß viele Stunden mit ihrem Vater, einem Volkswirt, der jahrzehntelang das damals sogenannte Aussteuerhaus „Bett und Tisch“ in der Freiburger Innenstadt geführt hatte, zusammen, sprach mit einem Banker, einem Anwalt, einem Steuerberater sowie mit den Betreibern der Filialen. Am Ende war klar: Der jüngste Standort in Emmendingen wird verkauft, Littenweiler und Haslach laufen unter den jeweiligen Betreibern weiter, Ulrike Hansen-Becker übernimmt die Filiale in Herdern.


Den eigenen Weg finden
Die heute 63-Jährige ist eine zarte Person, zierlich, grauhaarig, mit offenem Blick und noch offenerem Herzen. Ihre Bescheidenheit wirkt echt, wenn sie sagt: „Man muss sagen, das Einzige, was ich in dem Moment machen musste, war, das Ganze am Laufen zu halten.“ Ihr Team sei eine riesige Hilfe gewesen. „Die waren allesamt super“, betont Ulrike Hansen-Becker. Ein paar Probleme habe es gegeben, als sie anfing, Entscheidungen zu treffen, die anders waren als jene, die man von ihrem verstorbenen Mann gewöhnt war. „Ich musste erst meinen eigenen Weg finden, aber dann wusste ich: Ich werde es so machen, wie ich es für richtig halte.“ Unterstützung bekam sie auch aus Haslach. Dort betreibt Jürg Altenkämper die Pizzaboxx seit 1996. Der 61-Jährige ist ein guter Freund der Familie. Sven Hansen gehörte zu seinen engsten Vertrauten, sie kannten sich aus Teenie-Zeiten, hatten schon früher zusammengearbeitet, unter anderem in dem kultigen, inzwischen längst geschlossenen Gasthaus „Teuffels Küche“ in Hugstetten. Altenkämper, hochgewachsen und schlank, gehört zu den bodenständigen Menschen, bei denen man die jahrzehntelange Gastronomieerfahrung spürt. Er war als Saisonarbeiter in halb Europa unterwegs – von Sylt bis in den Tessin, an den meisten Stationen war Sven Hansen dabei. Beim Gespräch in Haslach trägt er ein Pizzaboxx-Shirt, scheint nahezu jeden Passanten zu kennen, grüßt hier, winkt dort. Er hatte keine Sorgen, ob Ulrike Hansen-Becker das hinbekommen werde, meint er und erklärt: „Sie ist da wahnsinnig tapfer reingegangen. Und ich hatte das Gefühl, das wird schon irgendwie. Und das stimmte dann ja auch.“
Freundschaftlich ist das Verhältnis zwischen Hansen-Becker und Altenkämper auch, wenn es ums Business geht. Die Marke gehört Ulrike Hansen-Becker, aber die Standorte der Pizzaboxx sind einzeln geführt und operieren unabhängig voneinander. „Wir sind immer im Austausch“, sagt sie. „Wir machen gemeinsame Qualitätskontrollen und Speisekarten, klären die Preissituation untereinander.“ Dazu gehören transparente Absprachen und gemeinschaftliche Entscheidungen, aber am Ende wählt jeder das, was für seinen Standort am besten funktioniert. Denn jede Filiale hat ihre Besonderheiten. In Herdern etwa ist veganer Käse ein Muss, in Haslach funktioniert er nicht. Und während der Mittagstisch in Bobbys Filiale einer der größten Umsatzbringer ist – die umliegenden Firmen und Krankenhäuser bestellen regelmäßig in großen Mengen –, spielt er in Haslach, wo kaum Bürogebäude sind, bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Dafür merkt Jürg Altenkämper in Ferienzeiten kaum Umsatzrückgang, während die Villenviertel rund um die Habsburger Straße wie leergefegt sind.

Generell machen allen Filialen dieselben Probleme zu schaffen: Die Preise steigen, die Verpackungssteuer schreckt die Kundschaft ab, und die Menschen halten ohnehin ihr Geld zusammen. Vergangenes Jahr gingen die Umsätze um rund 20 Prozent zurück. Der teuerste Faktor sei die Dienstleistung – die Fahrerinnen und Fahrer, die das Essen ausliefern, das Team, das die Pizza backt. „In diesem Jahr sieht der Umsatz bislang nicht besser aus. Das heißt: weder Erholung noch Zuwachs“, sagt Hansen-Becker, als Netzwerk Südbaden sie in ihrer Filiale besucht. Sie entschuldigt sich kurz, das Telefon klingelt. Der Anrufer möchte zwei Pizzen in die Innenstadt geliefert bekommen, dazu einen Salat mit Extrawünschen. Hansen-Becker nickt freundlich, notiert alles, berät kurz zum Dressing und sagt dann: „Wie bitte? Um 16 Uhr? Das schaffen wir nicht.“ Sie bleibt freundlich und legt auf. Es ist 15.50 Uhr. Ulrike Hansen-Becker zuckt mit den Schultern. „So etwas passiert mindestens einmal am Tag.“ Hinter ihr rödeln zwei Pizzabäcker, ein Fahrer schneit herein und holt eine Vorbestellung ab.
Der Markt wird enger
Zehn Festangestellte arbeiten in der größten Pizzaboxx-Filiale in Herdern, vier Festangestellte sind es bei Jürg Altenkämper in Haslach, in Littenweiler etwa genauso viele. Dazu kommen jeweils rund 40 Minijobbende. Es waren auch schon mehr als 60. Doch der Markt ist enger geworden seit der Coronapandemie, als viele Restaurants begannen, Außerhaus-Speisen anzubieten. Jürg Altenkämper demonstriert das am Beispiel Lieferando. Allein in seinem Verbreitungsgebiet gibt es inzwischen rund 165 Anbieter. Früher waren es weniger als 40. Auch Hansen-Becker kommt um Lieferando nicht mehr herum, obwohl sie es bis vor Kurzem versucht hat. Daneben sind Uber Eats und Wolt die bekanntesten Verteiler. Letztere versuchen gerade erst in Freiburg Fuß zu fassen, mit Uber hingegen arbeitet Hansen-Becker nicht, Altenkämper schon.

Die Pizzaboxx ist für Jürg Altenkämper mehr als ein Job. Er wüsste gar nicht, wohin mit sich, wenn er sie nicht hätte. Er kommt jeden Tag für ein paar Stunden, macht bis aufs Pizzabacken alles, was anfällt: Hintergrunddienste, Telefonannahme, Hausmeistertätigkeiten, fährt auch mal das Essen aus. „Ich weiß gar nicht, wie das die Leute durchhalten, die nicht gerne zur Arbeit gehen“, sagt Altenkämper, der in diesem Jahr 30-Jähriges an seinem Standort feiert.
Auch Ulrike Hansen-Becker ist fast immer vor Ort, packt überall mit an. Seit 2010 ist sie wieder verheiratet, die Kinder sind inzwischen aus dem Haus und im ganzen Land verteilt, sie ist gerade zum ersten Mal Oma geworden. Sie hätte gerne mehr Zeit, um ihr Enkelkind zu sehen und sich um die eigenen Eltern zu kümmern. „Für eine gutlaufende Gastronomie muss man viel geben. 50 Prozent Einsatz reichen nicht“, sagt sie. Bobby, die Quereinsteigerin, behauptet sich seit mehr als 20 Jahren, hat große Lieferketten Kommen und Gehen sehen. Doch nun sucht sie langsam eine Nachfolge für das Lebenswerk, das ihr Mann erdacht und sie vollbracht hat.