Die 58-Jährige ist eine bekannte, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Literaturprofessorin. Beim Espresso spricht sie über den Buchbetrieb, das Schreiben in einfacher Sprache und Johann Peter Hebel.
Text: Christine Weis • Fotos: Santiago Fanego
Annette Pehnt kommt mit dem Fahrrad ins Freiburger Sedanviertel. Sonnenstrahlen drängen an diesem Maivormittag behutsam durch die Gewitterwolkendecke. Die Tische im Innenhof des Jos Fritz Cafés füllen sich allmählich. Am Tag zuvor saß Pehnt sechs Stunden im Zug auf der Fahrt von Hildesheim nach Freiburg. Die Strecke pendelt sie regelmäßig, seit sie 2018 das Literaturinstitut der Universität Hildesheim leitet. „Ein Glücksfall“, sagt sie über die Stelle. Annette Pehnt lehrt Schreiben. Das bedeutet vor allem: viel lesen. Für diese Arbeit sind die langen Bahnfahrten sogar nützlich. Selbst die Verspätungen der Deutschen Bahn nimmt sie inzwischen mit mehr Gelassenheit in Kauf. Früher sei das anders gewesen, als zu Hause noch drei Kinder auf sie warteten. Aus Freiburg wegzuziehen, kommt für sie nicht infrage. „Zeitlich gesehen liegt mein Lebensmittelpunkt wahrscheinlich eher in Hildesheim“, sagt sie. „Aber emotional bin ich Freiburg viel stärker verbunden. Hier habe ich mein halbes Leben verbracht.“
Die gebürtige Kölnerin kam in den Neunzigern in den Breisgau, studierte Anglistik, Keltologie und Germanistik, ihre Dissertation schrieb sie zum Thema „Wahnsinn in der irischen Literatur“. Im deutschsprachigen Literaturbetrieb gehört sie längst zu den festen Größen. Sie erhielt unter anderem den Hermann-Hesse-Preis, den Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr literarisches Gesamtwerk und in diesem Jahr den Johann-Peter-Hebel-Preis. Vor 25 Jahren erschien ihr Debütroman „Ich muß los“ – gleich im renommierten Piper Verlag. Dort entdeckte sie Lektor Thomas Tebbe. Immer noch arbeiten die beiden zusammen. „So eine feste Verlagsbindung ist heute nicht mehr die Regel“, sagt Pehnt. Vieles erfolge inzwischen über Agenturen und Auktionen, ist schnelllebiger, marktorientierter. Piper halte treu zu ihr, auch wenn mal ein Buch weniger erfolgreich sei. Eigentlich laufe es gut, aber allein vom Schreiben hätte sie nie leben können, vor allem nicht, da sie die Haupternährerin der Familie sei.
„Ich wollte wissen, was entsteht, wenn der ganze sprachliche Ballast, das permanente Gerede wegfällt, all die Floskeln und vorgefertigten Phrasen, die wir ständig verwenden.“
Inzwischen hat Pehnt über 20 Bücher veröffentlicht: Romane, Erzählungen, Essays, Kinderbücher, auch ein Lyrikband ist darunter. Die Autorin lässt sich auf kein Genre festlegen. „Ich will nicht immer wieder dasselbe Buch schreiben, nur in anderen Varianten“, sagt sie. Jede neue Arbeit beginne mit einer anderen Frage, aus der sich die literarische Form entwickelt. Ihr jüngstes Buch heißt „Einen Vulkan besteigen“, eine Geschichtensammlung in einfacher Sprache. „Ich wollte wissen, was entsteht, wenn der ganze sprachliche Ballast, das permanente Gerede wegfällt, all die Floskeln und vorgefertigten Phrasen, die wir ständig verwenden.“ Inhaltlich geht es in den 35 Texten vor allem um Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Da ist die Frau, die sich auf einen Hochsitz im Wald zurückzieht. Oder der Mann, den die Dorfgemeinschaft ausschließt.
Die Idee entstand im Rahmen des Projekts „LIES!“ des Literaturhauses Frankfurt, das sich an Menschen mit Leseschwäche, mit kognitiven Einschränkungen und wenig Deutschkenntnissen wendet, oder auch generell an jene, die gewöhnlich nicht zum Buch greifen. Wie kommt man an diese Zielgruppen heran? „Ehrlicherweise ist das schwierig. Aber manchmal gelingt es“, antwortet Pehnt. Vor Kurzem habe sie in Dresden vor einer solchen Gruppe gelesen.
„Hebel war ein früher Pionier der Zugänglichkeit.“
Vielleicht liegt darin auch eine Verbindung zu Johann Peter Hebel. Mit seinen Kalendergeschichten erreichte er vor über zweihundert Jahren Menschen weit über die gebildeten Zirkel hinaus. „Hebel war ein früher Pionier der Zugänglichkeit“, sagt Pehnt. Einer, der wusste, wie man Geschichten für Viele schreibt, und genau hingeschaut hat. Einige seiner Themen wie Krieg, Politik und soziale Ängste seien erstaunlich aktuell. Pehnt beeindrucken auch seine Naturbeobachtungen: „Es gibt da alle möglichen Fundstücke, beispielsweise eine verrückte Geschichte über eine Schlange – ich habe noch nie so eine feine und genaue Beschreibung gelesen.“

Annette Pehnt lebt in Freiburg und Hildesheim. Neben ihrer Professur ist sie immer wieder auf Lesetour, schreibt in einem Kollektiv und arbeitet spartenübergreifend in verschiedenen Konstellationen, etwa mit dem Freiburger Musiker und Performer Harald Kimmig. Am 13. August, um 20.30 Uhr, ist sie bei der Grether Nach(t)lese in Freiburg zu Gast.