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Hohner: Schwingende Metallzungen 

  • 29. Juli 2026
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In Trossingen baut Hohner Mundharmonikas und Akkordeons für den Weltmarkt vom Balkan bis Kolumbien. Ein Besuch beim Instrumentenhersteller, dessen Geschichte mit dem Uhrmacherhandwerk begann. 

Text: Christine Weis • Fotos: Alex Dietrich 

Billy Joel, Stevie Wonder und Ozzy Osbourne haben musikalisch wenig gemeinsam, doch ein Instrument verbindet die Männer: eine Hohner Harp. Gerade bei Ozzy Osbourne staunt man schon über die Mundharmonika (auf Englisch: Harp), doch ehe er sich dem Heavy Metal verschrieben hatte, spielte er Blues. Und dieses Genre war es, das die Mundharmonika Anfang des 20. Jahrhunderts populär machte, bevor sie in anderen Musikrichtungen von Country bis Rock Einzug hielt. „Die USA, das Ursprungsland des Blues, sind nach wie vor der größte Absatzmarkt für die Hohner Mundharmonika“, sagt Produktmanager Gerhard Müller bei einer Werksführung in Trossingen. „Auch Asien ist ein wichtiger Markt, dort wird weniger Blues, sondern mehr Klassik und Jazz gespielt. Die Mundharmonika ist ein Allrounder.“

„Die USA, das Ursprungsland des Blues, sind nach wie vor der größte Absatzmarkt für die Hohner Mundharmonika“ – Gerhard Müller

Es gibt verschiedene Arten mit mehr und weniger Tönen und rund 70 Varianten. Die Modelle heißen Little Lady, Golden Melody, Blues Harp oder Rocket. „Topseller sind die Special 20 und unser ältestes Modell, die Marine Band 1896“, sagt Müller und bleibt bei dem Folgeverbundwerkzeug stehen: Die Maschine stanzt und prägt Deckel aus Metall. Das gleichmäßige Klacken klingt beinahe wie ein Rhythmusinstrument. Dazu kommt das Klirren, wenn die Deckel am Ende der Anlage in einen Behälter fallen. Bis zu 6000 Stück schafft sie durchschnittlich am Tag. Gerade produziert sie für die Marine Band 1896. Die eingeprägte Jahreszahl verweist auf die Patentanmeldung, das Konterfei von Matthias Hohner auf die Unternehmensgeschichte, die Konstruktion wurde bis heute fast unverändert beibehalten. Auf den nächsten Maschinen werden Profile in Messingplatten gefräst, daraus werden anschließend die Stimmzungen gestanzt. 

Nach der Vorfertigung folgt die Montage. Zunächst werden die feinen Stimmzungen auf der Stimmplatte fixiert. Jede muss in den passenden Schlitz, die langen für die tiefen Töne, die kurzen für die hohen, ähnlich wie bei Orgelpfeifen. Dann werden die Stimmzungen präzise ausgerichtet, vernietet und im Lösevorgang richtig eingestellt, damit sie später leicht und gleichmäßig schwingen können.

Viele Arbeitsschritte bis die Stimmzungen der Mundharmonika schwingt und stimmt.

Anschließend geht es ans Stimmen. In einer schalldichten Kabine sitzt Amran Rizvic. Vor ihm liegt eine neue Stimmplatte sowie eine Masterplatte mit den Referenztönen. Weicht ein Ton von der Sollfrequenz ab, trägt Rizvic mit einer Feile hauchdünne Späne von der Stimmzunge ab, bis der Ton passt. Er verlässt sich dabei lieber auf sein Ohr als auf elektronische Stimmgeräte. Die gestimmten Stimmplatten werden danach auf den Kanzellenkörper, der je nach Modell aus unterschiedlichen Materialien wie Holz, Kunststoff oder Metall hergestellt wird, montiert. Am Ende der Montagekette werden die Deckel verschraubt oder aufgenagelt. 

Rund eine Million Mundharmonikas produziert Hohner in einem Jahr.

Bevor die Mundharmonika gereinigt und verpackt wird, führen erfahrene Mitarbeitende die Endkontrolle durch. Sie spielen jedes Instrument an. Gerhard Müller greift sich eines und spielt gekonnt ein paar Bluestakte. Seit 42 Jahren arbeitet er für Hohner. Begonnen hat mit einer Lehre zum Musikalienhändler, heute ist er Produktmanager für Mundharmonikas. „In der Musikstadt Trossingen kann jedes Kind schon in der Grundschule ein Musikinstrument lernen. Blockflöte, Mundharmonika und Akkordeon gehören selbstverständlich dazu“, berichtet Müller.

Von den rund 130 Mitarbeitenden spielen knapp 60 Prozent ein oder mehrere Instrumente, einige auch im eigenen Werks- und Akkordeonorchester. Wer Interesse hat, kann hausintern Unterricht nehmen und bekommt dafür in der Woche eine ganze Stunde frei. 

Vom Uhrmachen zum Instrumentenbauer 

Hohner ist Weltmarktführer für Mundharmonikas. Die Preisspanne reicht von einfachen Einsteigermodellen für zehn Euro bis zur Konzertausführung „Silver Concerto“ für rund 6500 Euro. Wie bei vielen Schwarzwälder Unternehmen liegen die Wurzeln im Uhrmacherhandwerk. Die Geschichte der Mundharmonika beginnt allerdings nicht im Schwarzwald, sondern in Wien. Dort entwickelten Orgelbauer das handliche Instrument ursprünglich als Hilfsmittel zum Stimmen ihrer Orgeln. In den 1830er-Jahren brachte ein Uhrenhändler eine Mundharmonika nach Trossingen. Uhrmacher Christian Messner nahm das Instrument auseinander und baute es nach. Matthias Hohner (1833–1902) war ebenfalls Uhrmacher, eignete sich Messners Fertigkeiten im Instrumentenbau über Umwege an und machte sich 1857 selbstständig. Aus der kleinen Werkstatt wurde im Laufe der Jahrzehnte ein global agierendes Unternehmen. 1982 zog Hohner aus der Innenstadt an den heutigen Standort im Gewerbegebiet. 

In den vergangenen Jahren haben wir ein gesundes Wachstum erzielt und 2025 einen Rekordumsatz erwirtschaftet.“ – Michael Mantay

Die Geschichte verlief nicht nur geradlinig. Nach einer Phase der Diversifizierung ab den 1960er-Jahren geriet das Unternehmen wirtschaftlich unter Druck. Seit der Eingliederung in den taiwanesischen Konzern KHS im Jahr 1997 konzentriert sich Hohner wieder auf seine Kernsegmente. „In den vergangenen Jahren haben wir ein gesundes Wachstum erzielt und 2025 einen Rekordumsatz erwirtschaftet“, sagt Marketingleiter Michael Mantay. Konkrete Umsatzzahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt. Mantay führt die positive Entwicklung unter anderem auf die starke Musikcommunity zurück. Viele Menschen würden heute gerade über digitale Kanäle zum analogen Instrument finden. Auf Youtube erklären beispielsweise zahllose Tutorials, wie sich die Mundharmonika-Passage aus Billy Joels Hit „Piano Man“ nachspielen lässt. 

Mehr als 90 Prozent der Hohner-Produktion gehen in den Export. Deutschland trägt lediglich etwa acht Prozent zum Umsatz bei. Die beiden wichtigsten Geschäftsfelder Mundharmonika und Akkordeons machen jeweils knapp die Hälfte aus. Bei den Stückzahlen liegen die Mundharmonikas mit einem Produktionsvolumen von einer Million deutlich vor den viel komplexeren Akkordeoninstrumenten, von denen etwa 1200 im Jahr in Trossingen herstellt werden. Darüber hinaus fertigt Hohner Melodicas sowie Blockflöten und bietet einen Reparaturservice an. Rund 70 Prozent der Instrumente entstehen am Stammsitz in Trossingen, der Rest in den beiden Werken in China und Italien. 

Ein ganzes Orchester in einem Instrument 

Wie die Mundharmonika gehört auch das Akkordeon zur Familie der Zungeninstrumente, bei denen schwingende Metallzungen die Töne hervorbringen. Für Hohner war das Akkordeon deshalb 1903 eine naheliegende Ergänzung. „Auch beim Akkordeon zählen wir zu den international führenden Herstellern. Besonders dynamisch entwickelt sich derzeit der Markt in Lateinamerika“, sagt Marketingleiter Michael Mantay.  

Bei der Instrumentenherstellung sind Präzision und Musikalität gefragt.

Während das Akkordeon in Kolumbien als Herzstück der Vallenato-Musik gilt und auch in Frankreich oder Italien große Popularität genießt, fristet es in Deutschland eher ein Nischendasein. „Völlig zu Unrecht hat das Akkordeon hierzulande ein verstaubtes Image“, findet Petra Zellmer. Die studierte Akkordeonistin und ausgebildete Handzuginstrumentenmacherin arbeitet seit 34 Jahren bei Hohner. Für sie ist das Akkordeon „ein ganzes Orchester in einem Instrument“. 

„Das Gola-Akkordeon klingt besonders warm, weich und ausgewogen.“ Petra Zellmer

Anders als die Mundharmonika, die aus vergleichsweise wenigen Komponenten besteht, setzt sich das Akkordeon aus Tausenden Einzelteilen zusammen. In der Schreinerei entstehen zunächst die Gehäuse aus Buche, Erle, Ahorn oder Fichte. Danach werden sie mit Celluloid überzogen. Wochenlang trocknet die Oberfläche, bevor sie geschliffen und poliert wird. Erst dann werden Bassmechanik, Stimmstöcke und -zungen sowie Blasebalg eingebaut.  

Petra Zellmer präsentiert das Modell Gola, benannt nach ihrem Entwickler Giovanni Gola, der 1952 aus Italien nach Trossingen kam. „Das ist unser Flaggschiff“, sagt sie. Exklusiv sind Fertigung und Preis: Rund ein Jahr vergeht von der Bestellung bis zur Auslieferung, mehr als 30.000 Euro kostet ein Exemplar. „Sie klingt besonders warm, weich und ausgewogen“, erklärt Zellmer. Bestimmte Obertöne werden gezielt gedämpft, was dem Instrument seine charakteristische Klangfarbe verleiht.  

Parallel zur Tradition arbeitet Hohner an Neuentwicklungen. Mit der Varia One kommt demnächst ein Modell auf den Markt, bei dem sich auf der Bassseite zwischen klassischem Standardbass und Melodiebass umschalten lässt. Eine weitere Innovation heißt Hohner XS. Das kleine und deutlich günstigere Akkordeon wurde speziell für Kinder ab vier Jahren kreiert. Vielleicht, so hofft Zellmer, bringt es eine neue Generation mit dem Akkordeon in Berührung. Für Rückenwind sorgt derzeit auch die Wahl zum Instrument des Jahres, dadurch ist das Akkordeon häufiger in den Medien. Doch so populär wie etwa in Kolumbien, wo Akkordeonbands ganze Arenen füllen, werde es in Deutschland wohl vorerst nicht. 

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