Das Villinger MPS-Studio war in den 70er-Jahren sehr renommiert: Die Musik von Klassik bis Jazz, die hier aufgenommen und veröffentlicht wurde, war weltweit bekannt. Seit 2022 kümmert sich ein Verein um den besonderen Ort. Führungen, Konzerte und Veranstaltungen wiederbeleben den Spirit von einst.
Text: Joachim Schneider
Heutzutage ist die Einfahrt durch einen Zaun zweigeteilt und Besucherinnen und Besucher des MPS-Studios müssen aufpassen, dass sie die richtige Seite erwischen. Es ist die rechte. Früher war diese Zufahrt schicker und großzügiger, zumal Hans-Georg Brunner-Schwer seine üppigen Maybach-Automobile auf das Firmengelände einer ehemaligen Nudelfabrik steuern musste. Die großen Tore zeugen davon, dass das Nebengebäude zur Garage umfunktioniert wurde. Das Hauptgebäude aber steht für die noch viel größere Leidenschaft des SABA-Erben, der sich gerne HGBS rufen ließ. Der Hobby-Klavierspieler liebte die Musik und gründete eine kleine, aber feine Schallplattenfirma namens MPS – Musik Produktion Schwarzwald, die das Schwarzwaldstädtchen Villingen in die große, weite Welt der Musikkultur katapultierte.
Über 1000 Produktionen von Jazz über Unterhaltung bis hin zu Klassik entstanden in dem Studio auf der Baar. In den Hochzeiten sorgten bis zu 60 Mitarbeitende für Aufnahmen, Verpackung und Vertrieb. Größen des Jazz, aber auch Musiker wie der Klaviervirtuose Friedrich Gulda kamen, um im Schwarzwald ihre Musik aufzunehmen, die auf der ganzen Welt Beachtung fand, darunter Schallplatten, die heute Kultstatus besitzen: Manch seltene Stücke auf Vinyl erzielen vierstellige Summen. Dabei ging es damals am wenigsten um Profit, sondern darum, eine gute Zeit und Spaß zu haben. Die Ergebnisse gaben dem Labelchef Recht.
Wie so oft spielten bei so einer legendären Geschichte ein paar schicksalhafte Zufälle eine Rolle. Kein Zufall war der Erfolg der 1835 gegründeten und Anfang der 1920er-Jahre in Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt August Schwer Söhne umbenannten GmbH, kurz SABA. Bald stand die Firma an vorderster Front, was die Entwicklung von Radiogeräten anging, so entwickelte SABA auch den Volksempfänger, ein willkommenes Propagandainstrument im Dritten Reich. Nach dem Krieg waren Schwarzwälder Firmen wie SABA, Grundig und Dual in der Unterhaltungselektronik eine Weltmacht.

Große Musik auf kleinen Tonbändern
Jazz lernte Hans Georg Brunner-Schwer im Krieg kennen. Als 17-Jähriger musste er den feindlichen Funk abhören. Was die amerikanischen Piloten vorgespielt bekamen, nämlich Bigband-Swing, entfachte seine Leidenschaft, die ein ganzes Leben lang anhielt.
„Und dieses Gerät ist quasi Schuld an allem“, sagt Töni Schifer, Vorsitzender des MPS-Studio-Vereins bei seinem Rundgang durch die Räume des Studios und zeigt auf ein tragbares Tonbandgerät, kaum größer als ein Kofferradio: Zwar hat SABA den Wettstreit um ein neues Medium verloren, die Compact Cassette von Philips hat schließlich gewonnen, doch dafür wurde ein anderer Grundstein gelegt: 1958 begann SABA Musik aufzunehmen, um die kleinen Tonbänder zu bespielen, 1963 kamen auch Schallplatten hinzu. Dabei begann die Firma auch eher unbekannte Jazz-Aufnahmen von Übersee nach Deutschland zu holen. Hans-Georg Brunner-Schwer war damals der technische Leiter und sein Bruder Hermann der kaufmännische.
Fünf Jahre später verkaufte die Familie einen Großteil ihrer SABA-Anteile an den US-amerikanischen Konzern General Telephone & Electronics Corporation (GTE); und der Musikliebhaber Brunner-Schwer wurde hauptberuflich Plattenlabelchef und Tonstudiobetreiber. Er kaufte die eigenen Produktionen zurück und gründete MPS. Dabei hatte der Hobby-Pianist und Klavier-Enthusiast schon vorher in Musikerkreisen vorgefühlt. 1963 lud er den Starpianisten Oscar Peterson in seine Villa zur Hausparty ein und schnitt das Konzert mit: Die Aufnahmetechnik setzte neue Maßstäbe, die Atmosphäre ebenso.


Luxus und Hightech im Studio
Auch die denkmalgeschützten Studioräume verströmen eine entspannte Atmosphäre und die Aura vergangener Zeiten. Hübsche Lampen hängen über dem Empfangs- und Thekenraum. Alte Spirituosenflaschen reihen sich auf den Regalen aneinander. Die großzügige Ledergarnitur im nächsten Zimmer schaut einladend um die Ecke. Aber natürlich war nicht die Gemütlichkeit ausschlaggebend für den großen Erfolg der Musikproduktion im Schwarzwald, sondern die technische Einrichtung des Studios und die daraus resultierende Qualität der Aufnahmen. MPS stand – nicht ganz ernst gemeint – schließlich auch für „Most Perfect Sound“. Das für damalige Verhältnisse riesige Mischpult hätte von Siemens geliefert über eine Million Mark gekostet, HGBS ließ es kurzerhand selber bauen. Im Aufnahmeraum steht der größte Flügel der Welt: Beim Modell 290 „Imperial“ von Bösendörfer sind die linken, äußeren Tasten schwarz markiert, es sind neun mehr als üblich, die 97 Tasten bedeuten acht volle Oktaven. Und noch mehr Bass.
Hier finden auch wieder Konzerte statt, gut 50 lederbespannte Ballonstühle – allesamt alte Originale – unterstreichen den musealen Charakter und einen erlesenen Geschmack. Der berühmte, mittlerweile 82-Jährige, jamaikanische Pianist Monty Alexander war vergangenes Jahr zum dreijährigen Vereinsjubiläum zu Gast. Klingt alles ganz groovy, wie viele der Musikstücke aus dem Studio in Villingen, doch das war nicht immer so. Nachdem HGBS 2004 nach einem Autounfall gestorben war, passierte erst einmal nicht viel.

Neuer Verein, neues Glück
Schließlich wurde ein Verein zur Erhaltung des Gebäudes und seines wertvollen Interieurs gegründet, in den 2010er-Jahren wurde alles unter Denkmalschutz gestellt, doch der damalige Verein schien überfordert: „Eine Katastrophe“, sagt Joachim Schifer, der seit Jahrzehnten Töni genannt wird. „Wir mussten erst einmal aufräumen, offene Reiniger standen auf wertvollen Geräten, und über Monate Archive sortieren.“ Töni Schifer stammt aus Villingen und war Mitbetreiber von Nastrovje Potdam, Kultladen und T-Shirt-Druckerei. 1999 ging er nach Berlin, gründete dort eine Grafikagentur und ein Plattenlabel, 2020 kam er zurück – nicht zuletzt aufgrund dieses Monuments der (deutschen) Musikgeschichte. In Kontakt mit MPS kam er schon 1999, als er ein Buch über das Label gestaltete und veröffentlichte. Seit 2022 gibt es einen neugegründeten Verein mit 200 Mitgliedern und mit ihm als Vorsitzenden. „Wir sehen uns schon in der Tradition von HGBS und MPS zumindest, was etwas abseitige und exotische Musik betrifft. Hier wollen wir auch keine Konkurrenz zum Jazz-Club Villingen sein, sondern bewegen uns mehr zwischen Avantgarde, Experimental, Alternative, Jazz und Noise.“
„Wir sehen uns schon in der Tradition von HGBS und MPS zumindest, was etwas abseitige und exotische Musik betrifft. Hier wollen wir auch keine Konkurrenz zum Jazz-Club Villingen sein, sondern bewegen uns mehr zwischen Avantgarde, Experimental, Alternative, Jazz und Noise.“ – Töni Schifer
Monatliche Führungen und welche nach Vereinbarung stehen ebenso im Programm wie Konzerte und Lesungen: Aufnehmen im Tonstudio geht natürlich auch. Es müssen Termine vereinbart, Sponsoren gesucht, Fördergelder beantragt, das Plattenarchiv wieder vervollständigt und Arbeiten organisiert, dazu das manchmal sonderbare Vereinsleben bewältigt werden. „Allein bei mir laufen 30 bis 40 Stunden Arbeit im Monat an“, sagt Schifer. Und das alles ehrenamtlich.
Zwar gibt es viel tolle Musik und reichlich Geschichten von musikbesessenen Erben und den mitunter exzentrischen Musikern zu erzählen, doch nicht nur die coole alte Zeit wird hier gefeiert, sondern auch die Zwangsarbeit in den SABA-Werken soll thematisiert werden. Und – quasi als Sichtbarmachung der historischen Aufarbeitung und dem Paradigmenwechsel – gibt es das Anliegen, die Richthofenstraße in Oscar-Peterson-Straße umzubenennen. Ein kanadischer Jazzpianist statt des Jagdfliegers (Manfred von Richthofen) aus dem Ersten Weltkrieg als Namensgeber, wäre ein schönes Signal aus der ehemaligen Kasernenstadt.
„Wir wollen zudem über den Tellerrand blicken“, sagt Schifer und verweist auf die aktuelle Konzertreihe „200 Hertz – female sounds“, die außergewöhnliche, ganz unterschiedliche Musikerinnen vorstellt, die, wie sonst überall, auch bei MPS unterrepräsentiert waren. Die Konzerte locken Besucher aus ganz Deutschland an. Kunstschaffende wie Besucher reisen übrigens einen Tag früher an, weil die Verbindungen mit der Bahn so schwierig sind. Und weil es so schön ist bei der Musik Produktion im Schwarzwald.
Studioführungen
29. August und 19. September
Konzerte
18. September: Ramón Valle Cuban Quartet
5. September: 200 hertz - Female Sounds mit Marta Warelis & Mariá Portugal
25. September: Møster!
Informationen und Tickets: www.mps-studio.de