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Blasmusik: Den richtigen Ton treffen

  • 5. November 2026
Tuba
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Tuba, dicke Backen, Bierzelt? Die Vorurteile gegenüber Blasmusik sitzen fest. Dabei leisten die Vereine wertvolle Arbeit für Musik und Gesellschaft. Die Eindrücke eines Intonations-Workshops und der Besuch am neuen Verbandsstandort in Staufen zeigen, wie modern Blasmusik sein kann.

Text: Kathrin Ermert

Für die Mitglieder der Stadt- und Feuerwehrmusik Laufenburg (SFL) beginnt das Wochenende nicht auf dem Sofa oder in der Bar, sondern bei der Probe. Freitagabends trifft sich der Musikverein zum gemeinsamen Üben. Diesmal schon um 19 Uhr statt wie sonst um 20 Uhr. Denn statt der normalen Probe findet Ende September ein Intonations-Workshop statt. Der Gehörbildungslehrer Markus Rombach will den Laufenburger Hobbymusikerinnen und -musikern erklären, wie sie den richtigen Ton treffen. Denn das ist bei Blasmusikinstrumenten nicht so einfach wie beim Klavier, wo man nur die korrekte Taste drücken muss.

Rombach weiß, wovon er redet. Der 58-Jährige ist selbst Bläser von Kindesbeinen an. Mit seinen sieben Geschwistern spielte er im Blasmusikverein des Bonndorfer Ortsteils Gündelwangen, den sein Vater leitete. Er studierte an der Musikhochschule Freiburg Saxofon und Musiktheorie, lehrte dort und in Karlsruhe später selbst. Heute unterrichtet er vor allem Kinder, aber auch immer mehr Erwachsene am Saxofon und gibt Kurse in Dirigieren und Gehörbildung sowie die Intonations-Coachings für Blasorchester. „Das mache ich wirklich gern“, erzählt Rombach auf der Fahrt nach Laufenburg. „In Musikvereinen trifft man immer nette Menschen. Das ist ein bisschen wie Heimkommen.“

Markus Rombach

„In Musikvereinen trifft man immer nette Menschen. Das ist ein bisschen wie Heimkommen.“

Markus Rombach (58) spielte mit seinen sieben Geschwistern er im Blasmusikverein, den sein Vater leitete. Er studierte an der Musikhochschule Freiburg Saxofon und Musiktheorie. Heute gibt er Saxofonunterricht, Kurse in Dirigieren und Gehörbildung sowie Intonations-Coachings für Blasorchester.

Allein am Hochrhein gibt es mehr als 100 Musikvereine, in denen rund 5500 Menschen musizieren. Er gehöre zu den größten Kreisverbänden in Baden-Württemberg, teilt der Blasmusikverband Hochrhein mit, der wiederum Mitglied im Bund Deutscher Blasmusikverbände (BDB) ist. Unter dem Dach des BDB, der Ende September sein 100. Jubiläum gefeiert hat, sammeln sich im äußersten Südwesten der Republik 16 Mitgliedsverbände mit rund 1000 Vereinen und 70.000 Musizierenden. Das Repertoire der Blasmusik geht längst weiter über traditionelle Märsche hinaus, reicht von Rock und Pop über Filmmusik und Jazz bis zu Klassik. Die Vereine engagieren sich für den musikalischen Nachwuchs, sorgen für Zusammenhalt in ländlichen Regionen ebenso wie in Stadtteilen und Kleinstädten – und kämpfen dennoch nach wie vor gegen hartnäckige Vorurteile. „Viele kennen gar nicht die Wirkung von Musikvereinen“, sagt Christoph Karle, der die Akademie des BDB in Staufen leitet. „Für mich sind sie Kulturträger, Einsamkeitsprophylaxe und Kitt für die Gesellschaft.“

Der Ideallinie annähern

Ähnlich sehen es die SFL-Mitglieder in Laufenburg. „Es geht nicht nur um die Musik, sondern auch um die Gemeinschaft“, sagt Katrin Thoma, die Vorsitzende des Vereins, der einen eigenen Proberaum samt Instrumentenlager, Teeküche und Toiletten hat. Nach der Probe trinkt man hier noch etwas, die Jüngeren gehen gemeinsam aus. So war das schon, als sie mit 16 Jahren ins Orchester kam. Thoma, die als Erzieherin arbeitet, spielt Fagott und ist seit 20 Jahren Vereinsvorsitzende. Ihr Stellvertreter Ralf Tolksdorf ist ähnlich lang dabei und hat die halbe Familie im Orchester. Er spielt Horn, seine Frau Querflöte, sein Sohn Schlagzeug und seine Schwiegertochter Klarinette. 35 Frauen und Männer zählt das SFL-Orchester, der älteste ist 72, der jüngste 15 Jahre alt. Alle sind Laien, außer dem Dirigenten Illia Kravchenko.

Stadt- und Feuerwehrmusik Laufenburg
Gehörbildungslehrer Markus Rombach (vorne dirigierend) coacht Blasmusikorchester in Sachen Intonation wie Ende September die Musikerinnen und Musiker der Stadt- und Feuerwehrmusik Laufenburg.
Stadt- und Feuerwehrmusik Laufenburg

Der muss heute hinten Platz nehmen. Auf dem Dirigierpult hat Markus Rombach einen großen Bildschirm platziert, damit alle sehen können, worum es an diesem Abend geht: „Live-Coaching für Blasorchester. Intonation ist für jeden Menschen erlernbar“ steht zu Beginn darauf. Die Vereinsmitglieder haben vor dem Workshop schon eine Hausaufgabe erledigt: mit Stimmgerät die Tonleiter hoch- und runtergespielt, die Werte in eine Grafik eingetragen und damit ihr persönliches Intonationsprofil erstellt. Es zeigt, wo und wieviel die gespielten Noten ober- oder unterhalb der Ideallinie liegen. Das tun sie bei allen, es hat mit der Physik der Blasinstrumente zu tun. „Jeder hat Probleme“, sagt Rombach und betont, er wolle niemanden vorführen. Und oft seien es die gleichen Differenzen, zum Beispiel spielten Saxofone meist das zweigestrichene D zu hoch. Er rät, das Intonationsprofil auswendig zu lernen, um bewusst gegensteuern zu können. Denn beim einzelnen Instrument fallen Abweichungen vielleicht kaum auf, im Orchester addieren sie sich jedoch und lassen mitunter die Ohren klingeln. „Je weiter Töne auseinander liegen, desto schneller schwingt es“, erklärt Rombach die sogenannte Schwebung.

In den nächsten drei Stunden geht es darum, sich der Nulllinie anzunähern. Markus Rombach erzählt einiges über Terzen und andere Intervalle sowie über Cents, die entsprechende Maßeinheit. Die Orchestermitglieder hören viel zu und dürfen auch auf ihren Tuben, Hörnern, Posaunen, Saxofonen, Klarinetten, Flöten und dem Fagott spielen. Eine Bläserhymne, ein Kanon, ein Bachchoral. Alle zusammen und nach Stimmen getrennt. Mit Tönen oder auch mal nur mit Luft. Mit dem ganzen Instrument oder nur ins Mundstück. Es sind Profitricks- und -techniken, die Rombach den Hobbymusizierenden verrät. Luft sowie die sogenannten Stütze und der Ansatz, also wie und mit welcher Kraft man ins Instrument bläst, wirken sich auf jeden Ton aus. Wie beim Sport brauche es Training, erklärt Rombach. Er empfiehlt zum Beispiel, feste Luftballons mit dem Mundstück aufzupusten.

Die Technik hört mit und hilft dabei, zu hoch oder zu tief gespielte Töne zu erkennen. Die vielen Bildschirme, die Rombach aufgebaut hat, zeigen die Abweichungen. Doch im Orchester müssen die Musizierenden ohne Hilfsmittel auskommen. Deshalb ist es wichtig, das Gehör zu schulen, damit die Ohren die richtige oder auch falsche Intonation erkennen. Das könne man zum Beispiel mit guter Musik tun, rät Rombach und warnt: „Man kann sich an schlechte Intonation gewöhnen ähnlich wie an Lärm, den man nicht mehr wahrnimmt.“

Ein Hotel für Musik und andere

Dass sich Laienmusizierende drei Stunden lang mit Intonation beschäftigen, verdeutlicht die Entwicklung der Blasmusik. Die lässt sich auch in der Gewerbestraße in Staufen erkennen. Hier hat sich der Dachverband BDB einen schicken Neubau geleistet, der 2024 eröffnet wurde und 24 Millionen Euro gekostet hat. Das ist durchaus bemerkenswert, denn der Verband hat eigentlich gar kein Geld. „Wir sind ein Non-Profit-Unternehmen“, betont BDB-Akademieleiter Christoph Karle. Es gab einen einmaligen Zuschuss vom Land in Höhe von 9 Millionen Euro. Weitere Mittel konnte der BDB mit dem Verkauf des Grundstücks generieren, auf dem das alte Akademiegebäude gestanden hatte. Doch ein weiterer großer Teil der Investition sei von der Bank gekommen, sagt Karle: „Wir haben aus eigener Kraft in die Zukunft investiert und müssen jetzt schauen, dass wir das Gebäude vermarkten.“

Dafür denkt der umtriebige Akademieleiter weit über die (Blas-)Musik hinaus. Karle hat eine ähnliche Biografie wie Intonationscoach Markus Rombach. Der 60-Jährige stammt aus St. Ulrich, wo er mit acht Jahren begann, in der Trachtenkapelle Trompete zu spielen. „Der Musikverein war mein Tor zur Welt“, sagt Karle. Deshalb sei es ihm ein Herzensanliegen, jungen Menschen ähnliche Erlebnisse zu ermöglichen. Er studierte in Freiburg erst Physik, dann Musik und kam 1999 von der Musikhochschule direkt zum BDB, wo er die Leitung der damals neu gegründeten Akademie übernahm. Bis 2024 war er zudem geschäftsführender Präsident des Verbands. Dieses Ehrenamt hat er mit der Eröffnung des Neubaus abgegeben, um sich auf die Geschäftsleitung von Hotel und Akademie konzentrieren zu können. Denn tatsächlich ist der BDB-Neubau ein Hotel mit eigener Küche, Housekeeping, Wäscherei und Verwaltung samt 60 Mitarbeitenden.

Christoph Karle

„Musikvereine sind Kultur­träger, Einsamkeits­prophylaxe und Kitt für die Gesellschaft.“

Christoph Karle (60) stammt aus St. Ulrich, begann mit acht Jahren, in der Trachtenkapelle Trompete zu spielen, studierte in Freiburg erst Physik, dann Musik und kam 1999 von der Musikhochschule direkt zum BDB, wo er die Leitung der damals neu gegründeten Akademie übernahm.

Die 164 Einzel-, Zwei- und Mehrbettzimmer sowie die 13 Tagungsräume beziehungsweise Musiksäle – je nach Nutzung – sollen von Gästen aus vielen verschiedenen Bereichen gebucht werden: Wirtschaft, Wissenschaft, Schulen und natürlich von der Akademie selbst. „Wir wollen das Gebäude mit Leben füllen und wirtschaftlich stabilisieren“, formuliert Karle sein Ziel. Beim Besuch an einem Montagnachmittag Ende September macht es den Eindruck, als würde dies bereits gelingen: Eine Gruppe älterer Damen checkt gerade für einen Tanzworkshop ein, in einem Probenraum bauen sich derweil Alphörner auf, während nebenan eine Wirtschaftsdelegation tagt. Die Auslastungsquote des Hotels bestätigt, dass die Richtung stimmt. Sie ist von 50 Prozent im ersten Jahr auf jetzt 60 Prozent gestiegen. Karles Ziel: 75 Prozent, um bald Gewinn zu schreiben.

BDB-Akademie in Staufen
Der Blasmusikdachverband BDB hat 2024 einen 24 Millionen Euro teuren Neubau bezogen: ein großes Hotel, das auch Gäste außerhalb der Musik nutzen sollen.

Die BDB-Akademie selbst, die es seit 1999 gibt, beschäftigt nur drei Mitarbeitende. Für ihr umfangreiches Kursangebot sorgen rund 300 Dozentinnen und Dozenten auf Honorarbasis, zu denen auch Markus Rombach zählt. Sie ist keine Musikschule, hier finden keine wöchentlichen Flöten- oder Saxofonkurse statt, sondern in erster Linie Weiterbildungsangebote für Profis und Amateure beziehungsweise Halbprofis, also vor allem Multiplikatoren. Die Kurse belegen Musiklehrkräfte, Orchester- und Chorleitungen, aber auch viele Kinder und Jugendliche, die an Musikcamps teilnehmen oder Leistungsabzeichen absolvieren – vergleichbar einem Übungsleiterschein im Sport –, um selbst Nachwuchs zu unterrichten. Einige Mitglieder des Laufenburger Musikvereins SFL haben früher auch dem Nachwuchs das Musizieren beigebracht, erzählt die Vorsitzende Katrin Thoma. Mittlerweile macht das die Musikschule Bad Säckingen.

Es ist nach 22 Uhr, als die Orchestermitglieder in Laufenburg ihre Instrumente einpacken. Stühle und Notenständer bleiben stehen. Das ganze Wochenende wird zusammen mit dem Schweizer Musikverein aus Wil, den Illia Kravchenko auch dirigiert, für die gemeinsamen Konzerte im Herbst geprobt. „Morgen früh um 9 Uhr geht es weiter“, ruft die Vereinsvorsitzende in die Runde, schaut auf die Uhr und ergänzt. „Ein Bier ist jetzt aber noch erlaubt.“

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