Auf einem Acker in Freiamt erzeugen Solarmodule Strom, während darunter Kleegras für eine Biogasanlage wächst. Für die Betreiber Jan Hormes und Hannes Böcherer ist Agri-PV ein Beispiel dafür, wie die Energiewende auf dem Land funktionieren kann – auch wenn die politischen Rahmenbedingungen kompliziert sind.
Text: Christine Weis • Fotos: Santiago Fanego
Neben dem Fußballplatz im Freiämter Ortsteil Mußbach steht seit Kurzem eine Agri-PV-Anlage. Wenn man den Blick von hier über die Schwarzwaldlandschaft schweifen lässt, zeigt sich, wie viele Arten erneuerbarer Energien es in der Gegend gibt: Auf den Höhen drehen sich Windräder, auf den Dächern der Bauernhöfe und Wohnhäuser, der Schule und des Vereinsheims glitzern Solarzellen, und die Kuppel einer Biogasanlage ragt ebenfalls ins Sichtfeld.
Die Gemeinde Freiamt mit seinen fünf Ortsteilen, etwa 5200 Hektar Fläche und circa 4200 Einwohnern zählte zuletzt 625 Photovoltaikanlagen, 44 Balkonsolarkraftwerke, sechs Kleinkraftwasserwerke, zahlreiche Holzhackschnitzelheizungen und sechs Biomasseanlagen. Nun kommt eine weitere Form erneuerbarer Energieerzeugung hinzu: eine Agri-PV-Anlage. Agri-PV steht für Agri-Photovoltaik und bezeichnet die gleichzeitige Nutzung einer Fläche für Landwirtschaft und Solarstrom.

aufnehmen.
Realisiert hat die Anlage die ortsansässige Firma Solar-Energiesysteme Böcherer GmbH (ESB) mit den Geschäftsführern Jan Hormes und Hannes Böcherer. Die Brüder ungleichen Nachnamens leiten das sechsköpfige ESB-Team und sind Gesellschafter der „Jan und Hans Solar eGbR“, die die Agri-PV-Anlage betreibt. Sobald die Leitung des Verteilernetzbetreibers Netze BW ausgebaut ist, soll sie Ende September nach gut einem Jahr Bauphase erstmals Strom produzieren, berichten die beiden bei einem Vororttermin Mitte September. Die Sonnenenergie muss allerdings nicht direkt ins Netz fließen, denn zur Anlage gehört ein Batteriespeicher mit einer Kapazität von 4,8 Megawattstunden (MWh), der sechs Stunden lang Strom aus der Anlage aufnehmen kann. Das entspricht ungefähr dem Jahresverbrauch eines Vierpersonenhaushaltes.
„So ein Akku, der ausschließlich grünen Strom speichert, ist bislang einmalig in der Region“, sagt Jan Hormes. Damit lösen die Betreiber zwei Probleme, die an Sonnentagen zunehmend auftreten: überlastete Netze und ein Überschuss an Solarstrom. „Wir agieren mit der Anlage markt- und netzdienlich“, beschreibt Hormes das Prinzip. Der Strom soll möglichst dann ins örtliche Netz fließen, wenn er dort gebraucht wird, etwa in den Abendstunden, sobald die Menschen zuhause sind und der Verbrauch entsprechend steigt. Gleichzeitig lässt sich die Einspeisung in Zeiten verschieben, in denen Solarstrom am Markt höhere Preise erzielt.


Die 1562 PV-Module sind in sieben Reihen auf den zwei Meter hohen Gestellen, den Trackern, montiert, die dem Sonnenstand folgen. Die Anlage umfasst 2,2 Hektar reine PV-Fläche. Der Abstand zwischen den Reihen beträgt elf Meter. Lediglich direkt unter den Trackern kann der Boden nicht bewirtschaftetet werden, auf den restlichen 90 Prozent wächst Kleegras, das der Mußbacher Landwirt Harald Reinbold für seine Biogasanlage nutzt. Ihm gehört auch das Feld, das er an die Betreiber verpachtet hat.
„Wir agieren mit der Anlage markt- und netzdienlich.“ — Jan Hormes
Bei dieser sogenannten privilegierten Agri-PV-Anlage mit vereinfachtem Baugenehmigungsverfahren darf die landwirtschaftliche Hofstelle nicht weiter als 300 Meter entfernt sein, erklärt Jan Hormes. Die doppelte Nutzung der Fläche mit Landwirtschaft und Energieerzeugung sei der entscheidende Mehrwert gegenüber einer klassischen PV-Freiflächenanlage, betonen die Brüder. So überzeugend ihr Argument klingt, so herausfordernd ist die Wirtschaftlichkeit. Die Kosten der Anlage beziffern sie auf 1,6 Millionen Euro – eigene Arbeitsstunden nicht einmal vollständig eingerechnet. „Unser Vorteil ist, dass wir die gesamte Wertschöpfungskette, außer den Materialien, im Haus haben“, erklärt Hannes Böcherer. Zudem konnten sie sich beim Bau auf bewährte Partnerfirmen wie Billharz Energiesysteme aus Gutach oder den Baggerbetrieb Benjamin Rosa aus Freiamt verlassen. In 15 bis 20 Jahren soll sich die Anlage amortisiert haben, abhängig davon, wie sich Strompreise und Vermarktung entwickeln.
Doppelter Ertrag, hohe Kosten
Hormes und Böcherer geht es noch um etwas anderes: „Wir haben die Agri-PV auch deshalb gebaut, weil wir zeigen wollen, dass sich so eine Anlage auch ohne den Bonus von 2,5 Cent pro Kilowattstunde rechnet“, sagt Hormes. Mit dem Bonus ist ein zusätzlicher Förderaufschlag im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für Agri-PV gemeint, weil deren Konstruktion mit dem Trackersystem aufwendiger und damit teurer ist als die klassischen Flächenanlagen. Doch damit die Förderung greift, brauche es seitens der Europäischen Kommission noch eine beihilferechtliche Genehmigung, erklärt Hormes. Denn es dürfen nicht ohne weiteres einzelne Formen der Solarstromerzeugung staatlich stärker gefördert werden, weil das den Wettbewerb verzerren kann. Das ist etwa der Fall, wenn die Strompreise an der Börse aufgrund globaler Krisen stark steigen und geförderte Anlagen dadurch hohe Einnahmen erzielen. Deshalb fordert die EU für die beihilferechtliche Genehmigung einen Mechanismus, mit dem ein Teil solcher zusätzlichen Erlöse wieder abgeschöpft werden kann. „Andere europäische Staaten wie Frankreich sind dem nachgekommen. Hier warten seit zwei Jahren vergebens darauf“, sagt Hannes Böcherer.
„Ein Batteriespeicher kann das Geschäftsmodell verbessern, verteuert die Anlage aber erheblich. Das muss man wissen.“ — Hannes Böcherer
Die Unsicherheit über die künftigen Förderbedingungen blockiere auch den Bau neuer Anlagen. EBS habe mehrere Auftragsanfragen zum Bau ähnlicher Anlagen, die aufgrund der Gesetzeslage derzeit nicht umgesetzt würden. „Ein Batteriespeicher kann das Geschäftsmodell verbessern, verteuert die Anlage aber erheblich. Das muss man wissen“, erläutert Hannes Böcherer und mahnt: „Auf dem Weg zur Energiewende sollten wir uns aber nicht von der Politik aufhalten lassen.“

Agri-PV noch eine Nische
Die Bundesregierung hat das Ziel ausgegeben, dass bis 2030 vier Fünftel des Stroms aus erneuerbaren Quellen produziert werden sollen. Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie lag der Anteil 2025 bei rund 55,1 Prozent. Größter Nettostromerzeuger war die Windkraft mit 25,4 Prozent, gefolgt von der Photovoltaik mit 17,4 Prozent. Eine staatliche Statistik zur Agri-PV gibt es nicht. Das Bundeslandwirtschaftsministerium sieht in ihr eine Möglichkeit, den Konflikt um knappe Flächen zu entschärfen, da Landwirtschaft und Stromerzeugung auf demselben Grundstück stattfinden. Agri-PV soll dabei höchstens 15 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche einnehmen. Baden-Württemberg gehört zu den Bundesländern, die Agri-PV gezielt erproben. 2021 starteten das baden-württembergische Landwirtschafts- und das Umweltministerium gemeinsam mit dem Fraunhofer ISE die „Modellregion Agri-Photovoltaik Baden-Württemberg“. Inzwischen werden dort unterschiedliche Systeme und landwirtschaftliche Nutzungen untersucht wie Obst-, Beeren- und Weinbau und Tierhaltung mit Hühnern. Eine 1,2 Hektar große Praxisanlage gibt es beispielsweise in Oberkrich-Nußbach auf dem Obsthof Vollmer, der Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Brombeeren anbaut.
Vom Holzbau zur Energieerzeugung
Zurück in Freiamt. Jan Hormes (40) und Hannes Böcherer (36) führen seit 2022 gemeinsam die Geschäfte von ESB. Zum Portfolio gehören Planung und Bau von PV-Anlagen samt Speichersystemen. Rund 60 Prozent der Aufträge entfallen auf Gewerbegebäude, der Rest auf Wohnhäuser. Die Wurzeln ihres Unternehmens liegen jedoch nicht in der Solarenergie, sondern im Holzhandwerk. Der Familienbetrieb Holzbau Böcherer auf dem Allmendsberg in Mußbach reicht mehrere Generationen zurück. Jan Hormes lernte Bauzeichner in einem Emmendinger Ingenieurbüro, eher er in den elterlichen Betrieb einstieg. 2008 gründete er gemeinsam mit seinem Vater und Zimmermann Hans Böcherer aus dem bestehenden Betrieb heraus das Unternehmen Solarenergiesysteme Böcherer GbR. Die Verbindung lag nahe: Wer Häuser und Dächer baut, kann darauf auch Solaranlagen installieren.
„Wir haben in Freiamt 2012 das erste Passivhaus der Region mit PV, Dämm- und Lüftungstechnik gebaut“, sagt Hormes. Sein Bruder Hannes kam 2020 in die Firma. Der Speditionskaufmann arbeitete einige Jahre bei einem Handelsunternehmen in Nürnberg, bevor er in die Heimat zurückkehrte und die Firmenanteile seines Vaters übernahm, der seit Kurzem im Ruhestand ist. Die Zimmerei haben die Geschwister mittlerweile aufgegeben, um sich ganz auf Solartechnik zu konzentrieren.
Für die Energiewende braucht es den Mix aus Sonnen- und Windenergie, leistungsfähige Stromnetze und effektive Speicher, sagt Hannes Böcherer. Er und sein Bruder Jan Hormes denken bereits über den nächsten Schritt nach: Im kommenden Jahr soll der Strom der Agri-PV-Anlage eine Schnellladestation mit 500 Kilowatt Leistung versorgen. Dort könnten dann Lastwagen und Busse den Tank füllen. „Solche Stationen kennt man bislang vor allem von Autobahnen. Wir wollen das in Freiamt realisieren“, sagt Böcherer. Damit wäre der Ort um eine weitere regenerative Energieanlage reicher.