Automobil: Haute Voiture

Bugatti ist der Inbegriff von Luxus, Design und ordentlich Wumms unter der Haube. Die Serien-Hypersportwagen sind die exklusivsten und teuersten der Welt und werden dementsprechend nur von einer kleinen Auto-Elite gefahren. Was kaum jemand weiß: Hergestellt werden die PS-Biester in einem kleinen Ort im Elsass.

Von Anna-Lena Gröner

Fußballstar Christiano Ronaldo fährt einen, der „Terminator“ Arnold Schwarzenegger ebenso und die wohl erfolgreichste amerikanische Sängerin Beyoncé schenkte ihrem Mann, Rapper und Musikproduzent Jay-Z, mal eben einen zum Geburtstag – für mehr als zwei Millionen Dollar. Die Automarke Bugatti steht für Leistung und Luxus. Die Sportwagen werden nur streng limitiert produziert, genau an die Wünsche der Kunden angepasst und bringen 1000 und mehr PS auf die Straße. Von 0 auf 100 in 2,4 Sekunden.

„Die Höchstgeschwindigkeit allein ist für Bugatti nicht Maß aller Dinge. Unsere Fahrzeuge können mehr als nur unglaublich stark beschleunigen und sehr, sehr schnell fahren“, sagt Bugatti Präsident Stephan Winkelmann. Und für dieses „mehr“ reist die Kundschaft oft persönlich zum Bugatti-Firmensitz und -Werk. Dieses liegt nicht etwa in einer großen Weltmetropole, sondern im elsässischen 9300-SeelenÖrtchen Molsheim. Wer als Kunde herkommt, erfährt die volle „Molsheim Experience“ auf dem 23 Hektar großen Firmengelände. Empfangen wird man im historischen Château St. Jean aus dem Jahr 1857, das umgeben ist von einer beachtlichen grünen Parkanlage. Im Schloss werden Interessierte in die Geschichte der Bugatti Familie eingeweiht, um ein umfassenderes Verständnis für die Bugatti Werte zu bekommen.

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Im Chateau St. Jean werden die Bugatti-Kunden empfangen. Fotos: Bugatti

Ein Dreirad nimmt Fahrt auf

Die Geschichte der Bugatti Familie geht weit zurück: Gründer und Patron der Automobilmarke ist Ettore Bugatti. Er stammte aus einer italienischen Künstlerfamilie, auf die heute noch der Anspruch auf das einzigartige Design zurückzuführen ist. Das Design-Credo heute: Form follows Performance (Form folgt Leistung). Bereits mit 17 Jahren stattete der junge Ettore ein Dreirad mit einem Motor aus – der Startschuss für eine große Karriere. Mit 21 Jahren zog er mit seiner Familie nach Frankreich und arbeitete als technischer Leiter in der Produktion bei De Dietrich, einem elsässischen Automobilhersteller.

Später nahm Ettore Bugatti die französische Staatsbürgerschaft an, erwarb 1909 eine stillgelegte Färberei im französischen Molsheim und gründete hier das Unternehmen Bugatti. Sein Sohn Jean stieg später in das Unternehmen seines Vaters ein und prägte den Stil maßgeblich. Gemeinsam strebten Vater und Sohn bei ihren Entwürfen immer nach einer Verschmelzung von Kunst und Technik. Große Erfolge im Rennsport, aber auch erfolglose Modelle wie der Royale, der ausgerechnet zur Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre auf den Markt kommt und das Unternehmen fast in den Ruin treibt, werden durchlebt.

Nachdem der italienische Unternehmer Romano Artioli 1987 die Bugatti-Namensrechte kaufte und daraufhin die Bugatti Automobili SpA gründete, wurden auch die Produktions- und Montagehallen nach Italien verlegt. „Romano Artioli ist ein Stück lebende Geschichte unserer Marke. Dank seiner Initiative und durch seine Mühen wurde Bugatti in der Moderne wiederbelebt“, sagt Winkelmann. Die Geschäfte liefen jedoch schleppend, trotz erstklassiger Sportwagen.

1998 übernahm der Volkswagen Konzern Bugatti und verlegte den Firmensitz zurück an seinen Ursprung. Die historischen Gebäude auf dem Gelände wurden aufwändig restauriert und es wurde mit dem Bau des hochmodernen Ateliers begonnen. Mit Beginn der Fertigung des Bugatti Veyron wurde das Unternehmen 2005 endgültig zurück an die Spitze katapultiert.

Die Bezeichnung „Atelier“ für das Produktionsgebäude wurde bewusst gewählt. Auf die Geschichte des Hauses angelehnt, verkörpert es tatsächlich das, was man unter einem Atelier versteht: statt dreckiger Werkstattböden und dunklen Produktionsstraßen betritt man einen lichtdurchfluteten offenen Raum mit poliertem, weiß glänzendem Boden. Hier entstehen die Luxus-Sportwagen zum größten Teil in mühevoller Handarbeit.

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Modernes Design und PS-starker Luxus vor dem historischen Gemäuer des Bugatti-Grundstückes.

Wie in einem Labor der Zukunft werden im Atelier in Molsheim aktuell der Bugatti Chiron für knapp 3 Millionen Euro und der 5 Millionen Euro Divo gefertigt. Der Divo ist eine Hommage zum 110. Geburtstag, den die Marke in diesem Jahr feiert. Ihn wird es nur 40 Mal geben – alle Modelle waren bereits vor der offiziellen Weltpremiere ausverkauft.

Auch die Kundenanfrage an den Chiron war in den ersten anderthalb Jahren so hoch, dass die Produktion des auf 500 Einheiten limitierten Hypersportwagens bis Ende 2021 ausgeplant ist. Etwa sechs Monate dauert es, bis die insgesamt 1800 Teile zu einem 1500 PS starken Luxuswagen verarbeitet werden. Auf Wunsch dürfen Käufer sogar selbst Hand anlegen und einen Tag an ihrem neuen Wagen mitschrauben. Doch bevor es soweit ist, wird der zukünftige Lieblingswagen auf dem Bugatti-Gelände Probe gefahren, die Farbwahl für den neuen Sportwagen wird festgelegt und in der Kundenlounge wird das Geschäft bei einem Gläschen besiegelt.

Die meisten Bugatti-Kunden kommen aus den USA, aber auch Deutschland, England, die Schweiz, Österreich und Dubai seien starke Einzelmärkte für das Unternehmen. Damit das Geschäft mit dem Luxus auf vier Rädern weiterhin so gut funktioniert, arbeitet man bei Bugatti ständig daran, die Marke für die Zukunft abzusichern. Wie steht es dabei um die Elektromobilität? „Ihr gehört sicherlich die Zukunft, das kann man an den aktuellen Entwicklungen der gesamten Automobilindustrie ganz klar sehen“, sagt Stephan Winkelmann.

Um Leistungen abzurufen, wie sie bei den neuesten Bugatti Modellen gefragt sind, würde ein Elektromotor schnell an seine Grenzen kommen. „Ob, beziehungsweise wann die Batterietechnologie auch diesen Ansprüchen genügt, das wird eine spannende Frage. Ich freue mich jedenfalls auf die Zukunft.“ Und für diese analysieren die Bugatti-Ingenieure alle alternativen Antriebe und Konzepte, um einen neuen Bugatti zu entwickeln. Vielleicht heißt es bei den Luxus-Sportwagen irgendwann: durch 230 Volt auf 400 km/h?