Baustellentechnik: „Die Chinesen denken immer groß“

Mehr als zehn Jahre lang war das Neuenburger Unternehmen m-tec bereits mit seiner Baustellentechnik am chinesischen Markt aktiv, ehe es 2014 vom Großkonzern Zoomlion übernommen wurde. Von da an ging es steil bergauf mit dem dortigen Geschäft. Im Gespräch erzählt Geschäftsführer Michael Meding von der Erfolgsgeschichte.

Von Daniel Ruda

Der 57-Jährige empfängt im Poloshirt, „m-tec joins Zoomlion“ auf die Brust gestickt. Vor ein paar Tagen ist er gerade von einem seiner regelmäßigen China-Trips zurückgekehrt. Vereinbart ist das Treffen für eine kurze Mittagspause, am Ende dauert es länger als zwei Stunden.

Herr Meding, können Sie die chinesische Unternehmenswelt anhand einer Anekdote beschreiben?
Unvergessen bleibt für mich eine Situation im Jahr 2014, nachdem wir von Zoomlion übernommen worden sind, einem der größten Baumaschinenhersteller in China, ein Konzern mit Milliardenumsätzen. Als wir den ersten Businessplan gemeinsam erstellt hatten, standen da anvisierte Zahlen, die haben mich so richtig erschlagen, ich konnte die nicht glauben. Als ich über die Dolmetscherin meine Bedenken angemeldet habe, bekam ich etwas locker die Antwort: Wenn man das so sehen würde, hätten wir nie die Große Mauer gebaut. Das umschreibt die dortige Mentalität sehr gut, die Chinesen denken immer groß.

Für Ihr Unternehmen ging die optimistische Planung auf.
Absolut. Mit der m-tec, die ja schon seit 2003 mit einer kleinen Tochtergesellschaft in China vertreten war, ist unser Thema, die Trockenmörteltechnologie zum ersten Mal zu Zoomlion gekommen. Unser Know-how und deren Infrastruktur, vor allem deren landesweites Vertriebsnetz, haben sich perfekt ergänzt, wie auch die Zahlen schnell zeigten. Wir haben den Umsatz im Chinageschäft seit 2014 verfünffacht und sind vergangenes Jahr auf 25 Millionen Euro gekommen. Zum Vergleich: Außerhalb Chinas haben wir Kunden in über 100 Ländern und 2018 einen Umsatz von 50 Millionen gemacht, das meiste davon in Europa.

Als Teil eines chinesischen Konzerns hat m-tec quasi den Turbo gezündet, rechnen Sie weiterhin mit einem schnellen Wachstum?
Es herrscht nirgends, wo wir vertreten sind, ein solches Potenzial und eine solche Dynamik. Wir gehen davon aus, dass unsere neue eigenständige Tochtergesellschaft m-tec China, die wir vor ein paar Monaten gegründet haben, in zwei bis drei Jahren größer als die Muttergesellschaft sein wird. Bis dato waren wir ausschließlich auf Ingenieursebene direkt bei Zoomlion angedockt.

Ein Treiber, der uns in die Karten spielt, ist die neue Umweltpolitik der chinesischen Regierung: Sie geht vehement das Thema Luftqualität an. Dazu gehört das Verbieten von Baustellenmischungen, die bis heute noch gang und gäbe sind. Da wird Sand und Zement auf Baustellen gebracht und mit Hilfe eines Wasserschlauchs unter freiem Himmel mehr oder weniger elegant zusammengemischt. Das ist wegen des Staubs natürlich nicht gut für die Umwelt und unwirtschaftlich noch dazu. Unsere Technologie ist da die einzige Alternative.

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Hier entstehen Maschinen, die für den chinesischen Markt adaptiert werden. Foto: Alexander Dietrich

Was bedeutet ein solch enormes Wachstum für die Muttergesellschaft mit der Zentrale in Neuenburg?
Seitdem wir bei Zoomlion sind, hat sich auch die deutsche Muttergesellschaft vergrößert, um 40 Prozent. In Europa hat m-tec aktuell 300 Angestellte, 160 davon arbeiten in Neuenburg. Das Chinageschäft stärkt uns auch zu Hause spürbar. Unsere hier entwickelte Technik adaptieren wir für den chinesischen Markt, dort wollen wir Ende des Jahres 100 Mitarbeiter im Einsatz haben.

Sie sprechen die Dynamik des chinesischen Marktes an. Wie stark ist die Konkurrenz vor Ort?
Es gibt natürlich mittlerweile lokale Wettbewerber, das geht ja schnell in China. Aber die m-tec hat sich in all den Jahren einen Namen erarbeitet, der uns an die Spitze des weltweiten Marktes stellt. Auch Zoomlion war zunächst ein Kunde. In Gesprächen hat sich dann schnell gezeigt, dass beide Seiten überlegen, ob hier nicht mehr möglich wäre als ein normales Kunden-Lieferanten-Verhältnis. Da es klar war, dass Zoomlion in unsere Nische hinein will, wäre es eine Frage der Zeit gewesen, bis wir gegen einen solchen Konzern in dessen Heimatmarkt keine Chance mehr gehabt hätten.

Es folgte eine freundliche Übernahme?
Die m-tec war damals noch Teil des französischen Baustoffkonzerns Saint Gobain. Das Ganze war zunächst aber nicht ganz einfach. Nach einem Besuch des Headquarters von Zoomlion in der Stadt Changsha und guten Gesprächen bin ich nach Paris gefahren, habe die Situation erklärt und uns quasi zum Verkauf gestellt. Saint Gobain hat zunächst abgelehnt. Wir sind drangeblieben und haben schließlich doch die Zustimmung erhalten. Über den Preis kann ich nicht sprechen. Aber ich kann ihnen sagen, dass alle Parteien zufrieden waren. Das Ganze ging innerhalb von zehn Monaten über die Bühne.

Welchen Einfluss nimmt China auf das Geschäft des Mutterhauses?
Es gibt tatsächlich null Einfluss. In den fünf Jahren, die wir jetzt dazugehören, gab es einen einzigen Besuch. Das war letztes Jahr zu unserer 40-Jahresfeier, als der Vorstandsvorsitzende kam. Den Kontakt zu China pflege ich mit meinen regelmäßigen Besuchen und dem Kontakt zu meinem Team vor Ort. Besonders wichtig ist dabei meine Dolmetscherin, Englisch spricht nämlich fast niemand. Der volle Fokus von Zoomlion liegt auf dem Chinageschäft, in Europa gab es bislang nur drei Akquisitionen, m-tec war die zweite.

Wo liegt für Sie als Geschäftsführer die Priorität, in der Heimat oder in China?
In Absprache mit meinem Management-Team für Europa habe ich für mich den Schwerpunkt auf die Entwicklung in China gelegt. Die Lücke, die ich durch China zwangsweise hier öffnen muss, schließt mein Team, das mit viel Eigenverantwortung agieren kann.

Wie sieht ihr Terminplan aus?
Zum einen bin ich ständig per Mail oder Telefon mit meinem Management-Team in China in Kontakt. Und zum anderen fliege ich alle sechs bis acht Wochen für sieben Tage nach China. Dort habe ich vor allem in Changsha Termine. In der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt in Zentralchina befindet sich die Zentrale von Zoomlion, auch m-tec China wird dort aufgebaut. Unglaublich wichtig ist für mich dabei das sogenannte Guanxi, das Aufbauen und Pflegen von Netzwerken.

Das A und O in China ist dabei, auch Kontakte weiter zu pflegen, zu denen man keinen direkten Bezug mehr hat. Wenn ich hinkomme, hat sich bei Zoomlion garantiert wieder irgendetwas signifikant verändert. Personelle Rochaden und Veränderungen der Organisation innerhalb des Unternehmens sind völlig normal. Nichts ist in Stein gemeißelt. Die Halbwertszeit in manchen hohen Positionen ist vielleicht ein Jahr. Aber das ist Teil des Systems. Es ist sehr gut möglich, dass man an anderer Stelle wieder zusammenarbeitet.

Nach dem Motto „Man sieht sich immer zwei Mal im Unternehmen“
Ich würde sagen, in China sieht man sich wahrscheinlich sogar vier Mal. Das Netzwerken kann anstrengend sein und kostet Zeit. Aber es wird sehr stark honoriert. Das habe ich gelernt.

Sie bringen Ihre Technik nach China, bringen Sie auch etwas von China zurück nach Neuenburg?
Fachlich gesehen nicht so viel, da wir ja das Know-how auf unserer Seite haben. Auf der Ebene des Denkens und Handelns ist es aber diese unglaubliche Dynamik, die nicht nur China als Ganzes auszeichnet. Der Wandel ist dort die Konstante. Im Westen sind wir viel statischer. Den Drang, Prozesse zu beschleunigen und auch mal unkonventionell vorzugehen, also letztlich unternehmerischen Mut zu zeigen, das habe ich mir abgeschaut in den fünf Jahren. Ich sage heute definitiv viel seltener „Oh, da müssen wir vorsichtig sein“.