Wer weniger Material beim Verpacken verwendet, tut Kunden und Umwelt einen Gefallen – und spart langfristig auch dabei, sagt Verpackungsentwickler Ludwig Binz. Trotzdem findet ein Umdenken nur langsam statt.
VON MORITZ NEUFELD
Ludwig Binz ist ein Mann mit kräftigem Händedruck; einer, der schon mit dem ersten Schritt in den Raum zeigt, dass er sich nichts vormachen lässt. Erzählt er von den Finessen ausgeklügelter Faltvorrichtungen, dann verwandelt er sich in einen feingliedrigen Bastler und Tüftler.
Binz ist gelernter Verpackungsmittelmechaniker, er designt also das, was am Ende im Müll landet. Sein Ziel ist es, dass genau das weniger wird: „Das ist doch Wahnsinn, wie man heute teilweise Sachen geliefert bekommt: Ein kleines Teil eingepackt in einem riesigen Karton voller Plastik und Pappe.
Niemand will eine volle Mülltonne nach einer Onlinebestellung.“ Doch bevor es darum gehen soll, gibt Binz eine kleine Führung durch sein Werk in Forchheim am Kaiserstuhl. Seit 20 Jahren gibt es das Unternehmen, und laut Binz hat es sich mittlerweile hauptsächlich per Mund-zu-Mund-Propaganda weit herumgesprochen, dass man von ihm individuell gestaltete, regional gefertigte Verpackungen bekommen kann – ob Versandkartons, Schnaps-Adventskalender oder Präsentkisten.
Binz‘ Brot- und Buttergeschäft ist der Wein: Zu seinen Kunden zählen viele Kaiserstühler Winzer, unter anderem auch der neue DFB-Präsident Fritz Keller mit seinem „Schwarzen Adler“. In Binz‘ Werk werden keine Kartons produziert – er und seine 18 fest eingestellten Mitarbeiter kümmern sich um das Drumherum: Binz entwirft die Kartons am Computer und lässt sie dann von verschiedenen Partnern aus Baden anliefern.
Die meisten seiner Mitarbeiter arbeiten in der Konfektionierung und befüllen die Kartons mit der gewünschten Ware. Gerade wurde in einem Raum noch Schokolade für kleine Werbepräsente eingetütet, als nächstes ist eine Ladung Arzneimittel für den Pharmakonzern Dr. Falk an der Reihe.Je nach Saison beschäftigt Binz noch Aushilfen, so wächst etwa im hektischen Weihnachtsgeschäft die Zahl der Mitarbeiter auf bis zu 30.
Vom reinen Verpacker zum Allround-Logistikservice
Etwa zehn seiner Mitarbeiter beschäftigt Binz in der Logistik. Auf 3000 Quadratmetern Lagerfläche stapelt sich palettenweise Ware von Binz‘ Kunden: Das Unternehmen versteht sich als Full-Service-Dienstleister, der nicht nur nach Wunsch verpackt, sondern auch abholt, lagert und ausliefert.
So teilen sich genau genommen zwei Firmen das Dach des Werks in Forchheim: Während die „Binz Industrievertretung & Weinlogistik“ sich um die Gestaltung von Verpackungen kümmert, ist die von Ludwig Binz‘ Ehefrau Monika Binz geführte Firma „Verde“ für Dienstleistung und Logistik zuständig. Zusammengenommen machen die beiden Firmen einen Umsatz im niedrigen siebenstelligen Bereich.
Doch das Onlinegeschäft boomt, neue Märkte erschließen sich – so strebt Binz mittelfristig eine Verdopplung des Umsatzes an. Binz hat erkannt, dass er sich mit diesem zusätzlichen Service von der Masse abheben kann. Dafür nimmt er auch in Kauf, dass im Werk manchmal ein Materialbestand im Wert von bis zu 400 000 Euro lagert. Binz geht dabei in Vorkasse – ein gewisses unternehmerisches Risiko sei das schon.
Doch das sei es wert: „Damit können wir dem Kunden das Leben erheblich leichter machen, das bieten andere so nicht.“ So sei es etwa bei seinem großen Kunden Più Caffè gewesen: Angefangen habe alles mit dem Auftrag, ein Display für den Verkauf zu entwickeln. Mittlerweile hat Binz einen Großteil des logistischen Prozesses übernommen – gerade wartet in Forchheim tonnenweise duftender Kaffee auf seine Umverpackung.
Sticht der Preis die Nachhaltigkeit aus?
Derselbe angenehme Geruch liegt wenig später auch im Foyer des Binz‘schen Werks in der Luft, wo der Verpackungsspezialist bei einer Tasse Kaffee von den Herausforderungen der Zukunft erzählt. Mit der Nachhaltigkeit beim Verpacken sei das so eine Sache: „In den Köpfen muss sich viel ändern, die Leute müssen offen für neue Wege sein.“ Ein solches Umdenken finde in der Branche aber vielerorts nur schleppend statt.
So sieht Binz ein großes Potenzial in Einheitsverpackungen: Wenn sich viele Firmen, etwa Winzer oder Brennereien, auf ein gemeinsames Flaschen- und Kartonformat einigten, könne man viel Material und Aufwand in der Verpackung sparen. Doch der Wunsch nach individuellen Formaten sei meist größer.
Und die erste Frage eines Kunden sei fast immer: Was kostet mich das? „Ganz häufig hat das Einsparen von ein paar Cent pro Karton deutlich mehr Gewicht als das Einsparen von einem Haufen Material.“ Dabei habe ein geringerer Materialverbrauch auch finanzielle Vorteile für eine Firma: Kleinere Kartons bedeuten weniger Lagerfläche, und das koste langfristig weniger Geld. Doch der Marktdruck etwa im Weingeschäft sei groß, da gehe es häufig schlicht und einfach darum, konkurrenzfähig zu bleiben und den Preis kurzfristig möglichst niedrig zu halten.
Die Großen müssen mitziehen
„Ich glaube, es wird wesentlich einfacher, wenn die Großen mitziehen, also die Supermarktketten.
Und da tut sich gerade viel, es ist ein Bewusstsein da, das früher nicht da war.“ Attribute wie „regional“ und „nachhaltig“ seien gefragt. Und so hofft Binz, dass er in Zukunft häufiger materialsparende Varianten seiner Verpackungen verkaufen und vielleicht auch größere Kunden dafür gewinnen kann.
Derzeit, so schätzt er, verkauft er zu 70 Prozent „konventionelle“ Weinkartons und zu 30 Prozent eine materialsparende Variante. Beim Design sucht er stets nach Wegen, um Verpackungen zu optimieren, sprich: zu reduzieren, etwa mit weniger Klebeband, Wachsbeschichtung statt Plastik oder einer Anti-Rutsch- Schicht am Boden.
Eine große Zukunft prophezeit Binz dem „First Glass“-Karton: Darin können Flaschen mit einer Materialersparnis von etwa 40 Prozent verschickt werden – in 4er, 6er oder 12er-Kisten. Das Geheimnis besteht aus einer einzigen, gefalteten Einlage aus Pappe, in die die Flaschen gesteckt werden und die sie fest im Karton fixiert sowie Stöße abfedert.
Der Preis sei nahezu identisch mit dem konventionellen System, nur spare man sich eben eine Menge Müll und auch Ladefläche. Ob es auch Nachteile gibt? Binz lacht und sagt: „Eigentlich nicht. Doch ich wurde schon oft gefragt: 40 Prozent weniger Material – kostet das jetzt auch 40 Prozent weniger?“ Langsam, aber sicher komme das Produkt auf dem Markt an.
Doch das Überwinden von Gewohnheiten brauche nun mal seine Zeit. Binz ist optimistisch: „Veränderung dauert immer. Aber man muss beweglich im Kopf sein, darf nicht zu vieles als in Stein gemeißelt akzeptieren.“ Wie zur Demonstration präsentiert er stolz sein neues Produkt fürs Weihnachtsgeschäft: Eine Holzkiste mit einem Loch vorn in der Wand, in der man etwa einen edlen Wein oder Schnaps verschenken kann.
Doch anstatt die Kiste danach wegzuwerfen, kann der Beschenkte sie mit einem mitgelieferten Stab und etwas Draht in ein Vogelhaus verwandeln und an den Balkon oder in den Garten hängen. Und die Holzwolle, mit der die Flasche gepolstert ist? „Darüber freuen sich die ersten Vögel, die darin ihr Nest bauen wollen“, sagt Binz strahlend.