Hiddenchampion: Die Papier-Revolution

Die ganze Welt kämpft gegen Plastik. Ausgerechnet ein südbadisches Unternehmen könnte bei diesem Kampf die Nase ganz weit vorne haben. Zu Besuch bei der Koehler Paper Group in Oberkirch.

Von Anna-Lena Gröner

Am Empfang liegt die hauseigene 60 Seiten dicke „Koehler Rundschau“. Es ist die 156. Ausgabe der eigenen Werkzeitschrift. So viele Seiten füllt ein Unternehmen nur regelmäßig, wenn es einiges zu erzählen hat. Die Koehler Paper Group mit Stammsitz in Oberkirch im Renchtal blickt auf eine 212-jährige Geschichte zurück – genug Stoff über Papier.

Zum 200. Firmenjubiläum vor zwölf Jahren ist Kai Furler als Vertreter der achten Generation in den Vorstand gerückt. Für den heute 44-jährigen Geschäftsmann bedeutet diese Aufgabe vor allem eines: das Familienunternehmen weiterhin zukunftsfähig zu gestalten. Die neunte Generation soll in 20 bis 25 Jahren schließlich ein stabiles und breit aufgestelltes Unternehmen übernehmen. Heute hat die Koehler Paper Group drei Werke an den Standorten Kehl, im thüringischen Greiz und in Weisenbach im Nordschwarzwald.

Insgesamt rund 1850 Mitarbeiter sind für den Erfolg des Unternehmens mitverantwortlich und sechs Papier- und eine Pappenmaschine sind pausenlos im Einsatz, um die ganze Welt mit Koehler-Papier zu versorgen (jeder von uns hat sicherlich ein Mal am Tag Koehler-Papier in der Hand). Angefangen hatte alles 1807 in Oberkirch. Mit dem Kauf einer Papiermühle schöpfte das Unternehmen Zukunft.

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Ausgewachsen: Der Stammsitz in Oberkirch – hier hat das Unternehmen seine maximale Größe erreicht. Fotos: Koehler Paper Group

Die jüngste Tochter des Unternehmens ist die KATZ Gruppe in Weisenbach, die Koehler 2009 übernahm. „Die Firma KATZ stellt überwiegend Untersetzer her und ist Weltmarktführer auf diesem Gebiet“, sagt Kai Furler, hebt sein Wasserglas und lässt den darunterliegenden Untersetzer mit einer schnellen Handbewegung zwischen den Fingern drehen. „Weltmarktführer“, dieses Wort kann Furler im Gespräch mehrmals verwenden, wirkt dabei nicht prahlerisch, sondern stolz und überzeugt von dem, was sein Unternehmen leistet.

Bei der Herstellung von Thermopapier und hochveredelten Spiel- und Sammelkarten ist die Koehler Paper Group ebenfalls ein Hidden Champion. 500.000 Tonnen Papier produziert das Unternehmen jährlich. Darunter Dekor-, Verpackungs- und Premiumpapiere. Verkauft wird in 110 Länder. 2018 machte das Unternehmen einen Umsatz von über 850 Millionen Euro. Etwa 50 Prozent erwirtschaftete man allein durch das Thermopapier.

Es wird mit einer temperaturempfindlichen Schicht überzogen, die bei Hitze das schwarze Schriftbild erscheinen lässt. Der Bereich für diese Art von Papier ist groß: Rechnungen, Parkzettel, Etiketten, Strafzettel, Kinotickets, Boardingpässe – alles wird auf Thermopapier gedruckt. Aber was passiert, wenn hier bald jeder nur noch sein Smartphone zückt? „Natürlich ist der grafische Sektor, wie Schreibpapier oder Zeitungsdruckpapier rückläufig“, sagt Furler. „Spezialpapier kann sich jedoch sehr gut behaupten und da sind wir zu Hause. Zudem gibt es einen großen Gewinner, das ist die Verpackungsindustrie, die aufgrund von E-Commerce immer weiter wächst.“

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Weitaus mehr Platz zum Wachsen hat die Koehler Paper Group am Standort in Kehl, direkt am Rheinhafen.

Und diese druckt Kundenadressen, Lieferscheine, Rücksendescheine und Labels auf besagtem Thermopapier. Plastikfreie Verpackungen Damit der Umweltanspruch des Unternehmens erfüllt wird, hat die Koehler Paper Group vor einigen Jahren das nachhaltige Thermopapier „Blue4est“ (wie englisch forest ausgesprochen) entwickelt. Statt einer chemischen wird bei Hitze eine physikalische Reaktion ausgelöst, unbedenklich für Mensch und Natur.

Es sind diese Innovationen, die das Unternehmen vorantreiben und Kai Furler weder Digitalisierung noch Konkurrenz fürchten lassen: „Papier wird nicht verschwinden, aber die Anwendung ändert sich.“ Für solche Veränderungen möchte man bei Koehler gewappnet sein. Die Vorbereitungen für die Positionierung einer neuen Sparte sind in vollem Gange. Ein neuer Weltmarktführer-Titel könnte winken.

Mit der größten Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte rüstet Koehler seinen Standort in Kehl auf. 300 Millionen Euro wurden in eine Papier- und eine Streichmaschine investiert. Sie wurden von der Firma Voith in Heidenheim geplant, teilweise in Brasilien gefertigt und die tonnenschweren Einzelteile erreichten Mitte April den Rheinhafen in Kehl. Mit diesen Maschinen möchte Koehler den Verpackungsmarkt revolutionieren und eine Alternative zum Kunststoff bieten. Sinnvoll, in Deutschland werden knapp 85 Prozent des Papierabfalls recycelt.

„Bei den flexiblen Verpackungen wird noch immer überwiegend Kunststoff oder Verbundmaterialien aus Papier und Plastik verwendet. Unser klares Ziel ist es, mit der neuen Maschine den Kunststoff in der Verpackung zu ersetzen“, sagt Kai Furler. Er nimmt die kleine Schokoladentafel, die neben seiner Kaffeetasse liegt und erklärt daran, welche Voraussetzungen solche Verpackungen erfüllen müssen. Die Rede ist von Aroma-, Fett- und Sauerstoffbarrieren. Kunststoff bringt all das mit sich, für Papier wird es eine große Herausforderung, der man sich bei Koehler stellt.

Mit der Technischen Universität Darmstadt ging das Unternehmen Anfang des Jahres eine „Green Coating Collaboration“ ein, um intensiv an den nachhaltigen Barrierelösungen zu forschen. „Es gibt bereits erste Ansätze, mit denen wir direkt Produkte fertigen und ausliefern können“, sagt der Vorstandsvorsitzende. „Und dann arbeiten wir uns dorthin, wo wir hin wollen, nämlich hochfunktionale Oberflächen auf Papier aufzubringen.“ Man sei bereits mit den großen Lebensmittelplayern der Welt in ersten Testphasen, verrät der Geschäftsmann.

Namen nennt er nicht, doch von den ganz Großen gibt es nur eine kleine Handvoll. Weltmarktführer für Lebensmittel und Getränke ist beispielsweise Nestlé. Der Lebensmittelkonzern kündigt auf seiner Website an, dass bis 2025 all seine Produktverpackungen wiederverwendet oder recycelt werden können. Am Ende passiert das mit der Hilfe eines südbadischen Papier-Unternehmens? Bereits im Juli wird die neue Streichmaschine ihre Arbeit aufnehmen, im September geht die Papiermaschine an den Strom. Und auch der soll bei der Koehler Paper Group immer grüner werden.

Vor sechs Jahren gründete man die Tochtergesellschaft Koehler Renewable Energy. Mittlerweile betreibt das Unternehmen sechs Biomasse-Kraftwerke, zwei Windparks und zwei Wasserkraftanlagen. „Wir wollen bis 2030 mehr grünen Strom erzeugen als wir für unsere Papierproduktion brauchen“, sagt Furler. Momentan sei man etwa bei einer Abdeckung von 30 Prozent. Um das hochgesteckte Ziel zu erreichen, wurden in den vergangenen sechs Jahren rund 200 Millionen Euro für den Bereich erneuerbare Energien ausgegeben. Wer innerhalb von sechs Jahren fast eine halbe Milliarde Euro in eine grüne Zukunft investiert, der muss von seinen Vorhaben überzeugt sein. Kai Furler ist sich sicher: „Wenn man als Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit über alles stellt und das konsequent verfolgt, dann ist man z