Die in Freiburg ansässige Hilfsorganisation Caritas International finanziert seit gut zwei Jahren den Bau von Unterkünften inmitten der größten Flüchtlingskrise der Welt: in Kodok im Südsudan. Wie das unter Extrembedingungen funktioniert, welche Rolle Frust spielt und wie stark insbesondere die Frauen vor Ort sind.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Sebastian Haury und Philipp Spalek
Die meisten Männer sind tot. Es sind vor allem Frauen mit Kindern, die Tag für Tag in Kodok ankommen. Die kleine Stadt im Südsudan liegt direkt an der Grenze zum Sudan. Seit im Jahr 2023 der Bürgerkrieg ausbrach, sind so viele Menschen auf der Flucht wie nirgendwo sonst auf der Welt: mehr als 12 Millionen. „Die meisten innerhalb des Sudans“, berichtet Kim Kerkhof, der Hilfsprojekte im Südsudan betreut. Der 38-jährige Freiburger arbeitet für Caritas International, dem Hilfswerk der deutschen Caritas für weltweite Not- und Katastrophenhilfe mit Sitz in Freiburg.
Das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR schätzt, dass mehr als 1,2 Millionen Menschen aus dem Sudan in den Südsudan geflohen sind. „Ein Großteil sind streng genommen keine Geflüchteten, sondern Rückkehrende“, gibt Kerkhof zu bedenken. Denn viele kommen aus der Region, flohen aber zwischen 2013 und 2018 vor dem damaligen Bürgerkrieg in das Nachbarland Sudan, wo einige unter prekären Bedingungen in Flüchtlingslagern lebten. Andere hatten sich im Norden ein besseres Leben aufgebaut. Nun, wieder mitten im Krieg, stehen sie alle erneut vor dem Nichts.
In Kodok, dem kleinen, abgelegenen Ort am Nil, hat sich die Bevölkerung seit Beginn des Bürgerkriegs verdoppelt. Das verschärft die katastrophale Lage, die zuvor schon kaum auszuhalten war. „Die Menschen kämpfen mit den Folgen des Kriegs, mit dem Klima, mit Überschwemmungen, mit Hunger“, zählt Kerkhof auf, der in Zürich und Freiburg Politik und Internationale Beziehungen studiert hat. Kinder sterben an Bagatellen, weil medizinisches Personal und Medikamente fehlen. Die meisten internationalen Hilfsorganisationen haben sich aufgrund der Auflösung der Entwicklungshilfe-Agentur USAID unter US-Präsident Donald Trump weitgehend zurückgezogen. Derzeit gehört die Caritas zu den wenigen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die noch vor Ort sind.


Caritas International arbeitet nach dem sogenannten Partnerprinzip, also gemeinschaftlich mit lokalen Hilfsorganisationen. In diesem Fall sind das die DMI-Schwestern (Daughters of Mary Immaculate), ein indischer Orden, der bereits 2021 nach Kodok kam, um den Friedensprozess zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen zu fördern. Mit dem Kriegsausbruch änderte sich ihr Auftrag schlagartig. Inzwischen versorgen die Schwestern mithilfe der Caritas und des Auswärtigen Amts zehntausende Menschen mit Nahrungsmitteln, Wasserzugängen, mit Saatgut und Schulungen. „Die Umsetzung wird von Freiburg aus koordiniert“, erklärt Kim Kerkhof. „Aber die Menschen vor Ort wissen, was wirklich gebraucht wird.“ So waren es die DMI-Schwestern, die neben der Versorgung mit Lebensmitteln und Saatgut vor allem auf den Bau von Notunterkünften pochten. „Die meisten Rückkehrer kamen bei, oftmals sehr entfernten, Verwandten unter. In deren einfachsten Unterkünften, meistens nur aus Zweigen und Plastikplanen gebaut, ist aber ohnehin viel zu wenig Platz. Unsere Partner haben von Familien berichtet, die abwechselnd schlafen mussten“, erzählt Kerkhof. Eine Unterkunft sei jedoch insbesondere in der Regenzeit überlebenswichtig.
Tausend Kilometer Nilaufwärts
Der Caritas waren für die Nothilfe bereits Mittel des Auswärtigen Amts in Millionenhöhe bewilligt worden. Für den Bau von Unterkünften, sogenannten Sheltern, wurden jedoch keine weiteren Gelder genehmigt. „Wir haben dann über Fundraising Mittel akquiriert“, berichtet Kerkhof. Das sind Spenden von Privatpersonen, von Unternehmen und Stiftungen, die die Caritas ohnehin regelmäßig einwirbt. Insgesamt kamen in einer ersten Projektphase mehr als 360.000 Euro zusammen, mit denen die Caritas und die DMI-Schwestern robuste und regenfeste Hütten bauen konnten.
„Es ist ungemein aufwendig, weil alles aus dem mehrere hundert Kilometer entfernten Juba über den Nil hochgeschifft werden muss: Nägel, Bambus, Schnüre, Planen, einfach alles.“ – Kim Kerkhoff
Die Besonderheit in Kodok ist die Lage an der Grenze. Die Isolation der Stadt macht den Transport von Lebensmitteln und Baumaterialien äußerst schwierig und teuer, lokale Preise liegen teils beim Dreifachen der Kosten im Vergleich zu Südsudans Hauptstadt Juba. Früher konnten Materialien aus dem nahen Sudan bezogen werden, doch der Krieg unterbrach die einfachen Lieferwege. „Vor Ort gibt es nichts, gar nichts“, bestätigt Kim Kerkhof. Für die Hütten braucht es Baumaterialien sowie Ausstattung wie Moskitonetze, Matten für den Boden, Wassertanks, Kochutensilien und Solarlampen. „Es ist ungemein aufwendig, weil alles aus dem mehrere hundert Kilometer entfernten Juba über den Nil hochgeschifft werden muss: Nägel, Bambus, Schnüre, Planen, einfach alles“, erklärt Kerkhof. Daher ist es auch so teuer: Der Bau einer Hütte kostet etwa 2000 Euro. Zum Vergleich: Die Caritas finanziert auch Bauprojekte in Wau, der zweitgrößten Stadt im Südsudan, wo es mehrere Flüchtlingscamps der Vereinten Nationen und verschiedener Hilfsorganisationen gibt. Auch hier sind die Bedingungen katastrophal, aber der Zugang zu Baumaterialien deutlich einfacher, weil vor Ort eingekauft werden kann. Eine Hütte dort kostet daher nur ein Drittel dessen, was für ihre Errichtung in Kodok nötig ist.
„Das Bauen als solches in Kodok ist nicht kompliziert“, berichtet Kerkhof, der selbst vor Ort war. „Die Umstände sind aber so extrem, das kann man sich in Deutschland nicht vorstellen.“ Teilweise verzögere sich die Lieferung des Baumaterials um mehrere Wochen oder Monate, weil die Transporteure, die die Sachen tausend Kilometer hoch auf dem Nil schicken, aufgrund der anhaltenden Kämpfe nicht fahren können.

Die DMI-Schwestern haben Arbeiter angestellt, die in Kodok bei der Errichtung der Hütten aus Gras, Lehm und Bambusstangen helfen. Zudem ist jede Familie angehalten, selbst Hand anzulegen. Die Planen für die Verkleidung der Innenwände müssen mit starken Schnüren befestigt und mit Haken im Boden verankert werden, damit sie den heftigen Unwettern standhalten können, die in den späten Sommermonaten über Kodok ziehen. Vor allem die vielen alleinerziehenden Mütter mit ihren Kindern brauchen einen sicheren Platz zum Schlafen, der sie vor dem Regen, aber auch vor gewalttätigen Übergriffen schützt.
Ebenfalls dem Schutz dient die Verteilung von kleinen Blechöfen, auf denen die Menschen mit Kohle oder Holz kochen können, ohne permanentes Feuer am Lodern zu halten. „Das ist vor allem deshalb relevant, weil es bedeutet, dass die Frauen nicht stundenlang in die Wälder laufen müssen, um große Mengen Holz zu sammeln“, erläutert Kim Kerkhof. Südsudan ist ein äußert gefährlicher Ort, Übergriffe auf Frauen und Kinder, Raub, Gewalt und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. In der westlichen Welt wiederum sind die sogenannten energysaving stoves wirtschaftlich interessant. Da mit ihnen eine Menge CO2 eingespart werden kann, sind Unternehmen, die auf der Suche nach nachhaltigen Projekten sind, gerne zu Spenden bereit.
Hilfe auf der letzten Meile
In Kodok fehlt es an allem und der Bedarf nimmt zu. Jede Woche stranden mehr Menschen hier, die ein Dach über dem Kopf brauchen. Die DMI-Schwestern haben im vergangenen Jahr neuen Bedarf gemeldet. Denn das, was als Notunterkunft geplant war, ist nicht genug. „Die Menschen sind gekommen, um zu bleiben. Sie wollen nicht wieder fliehen“, sagt Kerkhof. Nun entstehen neue, bessere Unterkünfte: mit zwei Räumen, durchgängigen Wänden aus Lehm und Wellblechdächern mit haltbaren Holzbalken. Diese Hütten kosten knapp 3000 Euro, weil sie mehr als eine schnelle Lösung sind, ihre Haltbarkeit ist auf rund 15 bis 20 Jahren ausgelegt.

Insgesamt hat Caritas International zusätzlich zu den Mitteln des Auswärtigen Amts rund 600.000 Euro ausgegeben, und es gibt immer noch viel mehr Menschen, die Hilfe bräuchten. „Die Mittel sind begrenzt, die Decke stets so klein, dass immer jemandem die Füße rausrutschen werden, egal wie sehr man daran zieht“, sagt Kerkhof, der vor allem von der Resilienz der Menschen beeindruckt ist. Die Dorfgemeinschaft lasse niemanden zurück, jeder packt mit an. Vor allem die DMI-Schwestern als NGO vor Ort sorgen für dauerhafte Unterstützung. In der Entwicklungszusammenarbeit nennt man das „Last Mile Aid“ – Hilfe auf der letzten Meile. Es geht um Unterstützung für die Ärmsten an den abgelegensten Orten. Denn dort, wo Aufwand und Risiken besonders hoch sind, ist auch die Not am größten.