Coaching: „Die Vision ist wie ein Leuchtturm“

Michael Obert hat mehr als 20 Jahre als Journalist und Buchautor unter anderem aus Krisen- und Kriegsgebieten berichtet. Für seine Texte bekam er Auszeichnungen wie den Deutschen Reporterpreis, seine Kinodokumentation „Song from the Forest“ schaffte es in die Vorauswahl der Oscars. Vor drei Jahren dann hat sich der gebürtige Südbadener aus Breisach, der in Berlin lebt, komplett verändert. Heute ist er der 53-Jährige als zertifizierter Life Coach und Business Coach tätig. Ein Gespräch über Veränderungen.

Coach Michael Obert: „In unserer Gesellschaft fehlt es in der Artbeit häufig sinnstiftenden Elementen.“ (Foto: Matthias Ziegler)

Herr Obert, Ihre Geschichte ist stark von Veränderung geprägt. Wie hat das bei Ihnen angefangen?
Als Arbeiterkind in Breisach am Rhein. In einer Zeit, in der es – gefühlt zumindest – bei der Berufswahl noch ums nackte Überleben ging. Am ersten Tag an der Berufsakademie in Lörrach wusste ich zwar nicht, was Betriebswirtschaftslehre genau war. Auf jeden Fall „etwas Vernünftiges“, das nach einem ordentlichen Gehalt und einer sicheren Rente klang. Mitte der Neunziger war ich dann Jungmanager in Paris. Tolles Gehalt, teure Anzüge, von außen betrachtet sah mein Leben wunderbar aus. Aber meine Arbeit hatte nichts mit mir zu tun, innerlich fühlte ich mich leer. Ich habe gekündigt und bin mit dem Rucksack durch Lateinamerika gereist. Zwei Jahre lang habe ich bei indigenen Völkern in Mexiko gelebt, den Anden und im Amazonas, fremde Sprachen gelernt und Kulturen kennengelernt. In dieser Zeit habe ich meine Faszination für die Menschen entdeckt. Seither habe ich eine klare Vision.

Welche ist das?
Im Kern geht es mir darum, Menschen und Dinge in Bewegung zu bringen. Am Ende will ich auf ein spannendes und selbstbestimmt geführtes Leben zurückblicken und für positive Veränderungen gekämpft haben. Das mag pathetisch klingen, aber was soll‘s: Ich will die Welt ein Stück besser machen. Nach meiner Rückkehr damals habe ich mir meinen Kindheitstraum verwirklicht: Ich wurde Auslandsjournalist. Mehr als zwei Jahrzehnte lang habe ich aus vergessenen Paradiesen, aber auch aus Krisen- und Kriegsgebieten berichtet. Und meine Vision leitet mich bis heute. Den Traumberuf des Auslandsjournalisten habe ich zuletzt gegen meine neue Identität als Life Coach und Business Coach eingetauscht. Erneut eine Herzensentscheidung.

„Never change a running system“ dürfte demnach nicht zu Ihren Ratschlägen für Klienten gehören.
Ich zitiere mal den japanischen Dichter Basho: ‚Wenn du auf dem Gipfel des Berges ankommst, geh weiter.‘ Denn funktionierende Systeme werden schnell zur Komfortzone. Ich begleite viele Klienten – darunter Führungskräfte, Unternehmer, Spitzensportler, Politiker – für die sich ihr running system eine Zeitlang ganz gut angefühlt hat. Sie hatten oder haben Erfolg. Aber irgendwann beginnt dieses System zu wackeln. Es fehlt dann oft an Bewegung, Herausforderung und Intensität. Und damit an Freude und Sinn. Dann stellen sich Langweile oder Frust ein, das Gefühl wie ferngesteuert oder gelähmt zu sein. In dieser Situation ist es wichtig, Veränderungswünsche ernst zu nehmen und eine starke Vision zu entwickeln.

Die Vision spielt für Sie eine zentrale Rolle. Es gibt unterschiedliche Definitionen, welche ist Ihre?
Eine betont nicht-mystische, ohne jede Esoterik. Stattdessen ganz praktisch: Eine starke Vision beantwortet die Frage nach dem Warum, also nach dem Sinn. Damit setzt sie ungeahnte Kräfte frei. Sie greifbar zu machen und auszuformulieren, ist deshalb so wichtig, weil sich alle Ziele und die dafür wichtigen Entscheidungen an ihr ausrichten können. Im Leben wie im Unternehmen. Die Vision ist wie ein Leuchtturm, der auch bei widrigen Verhältnissen dafür sorgt, dass wir uns nicht verirren. Als ich in den 1990ern, damals noch als Auslandsjournalist, Nelson Mandela in Südafrika gefragt habe, was ihm unter dem Apartheid-Regime die Kraft gegeben hatte, 27 Jahre lang im Gefängnis durchzuhalten, lächelte Mandela und sagte: „Die Gewissheit, dass Schwarze und Weiße in Südafrika eines Tages nebeneinander im Bus sitzen dürfen.“ Für diese Vision von einer Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle kämpfte Mandela entschlossen und mit hohem Einsatz – bis die Apartheid besiegt war.

Wie läuft ein Coaching bei Ihnen ab?
Meine Klienten kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach Berlin und verbinden ihre kompakten Coachings mit einem Hauptstadtbesuch. Alternativ coache ich auf einer Finca auf Mallorca. Um eine starke Lebensvision zu entwickeln, genügen in der Regel zwei halbe Tage. Unternehmensvisionen sind ein komplexerer Prozess, an dem meist Führungskräfte und Teams teilnehmen. Oft gibt es Gänsehaut-Momente. Ein Manager aus der Filmbranche kam vor einiger Zeit zu mir und sagte, er sei „eigentlich ganz glücklich“. Er war Anfang 50 und beruflich sehr erfolgreich. Aber seine Augen wirkten matt, seine Gesten schlaff. Er sagte, er komme morgens kaum aus dem Bett und habe Angst vor einem Herzinfarkt. Im Coaching entwickelte er seine Vision: ein Leben im Süden, am Meer, ein eigenes kleines Hotel in Spanien. Sie hätten ihn sehen sollen, er wirkte wie verwandelt, seine Augen leuchteten, sein Rücken richtete sich auf, er sprühte vor Energie.

Die meisten Menschen in Deutschland scheinen von einer eigenen Vision weit entfernt zu sein: Nach dem aktuellen Gallup Engagement Index, einer Studie zur Arbeitsplatzqualität, sind drei von vier Arbeitnehmern frustriert im Job. Sie machen nur noch Dienst nach Vorschrift oder haben innerlich bereits gekündigt. Immer mehr melden sich wegen psychischer Probleme krank, die Zahl solcher Krankentage hat sich in innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Arbeit ohne Sinn macht krank. Studien belegen klar: Wer seinen Job nicht erfüllend findet, hat öfter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen. Menschen, die hingegen ihrer Berufung und ihrer Begeisterung folgen, schöpfen Kraft und Motivation von innen. Sie sind nicht nur gesünder, sie gehen auch mit deutlich mehr Leichtigkeit und Freude durchs Leben. In unserer Gesellschaft, in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, fehlt es in der Arbeit häufig an sinnstiftenden Elementen, das besagt der stetig steigende Krankenstand.

Findet aufgrund dieser negativen Entwicklung ein Umdenken in der Unternehmenswelt statt?
Ein gutes Arbeitsklima bedeutet aus Sicht der Mitarbeiter und Führungskräfte: Wie unterstützt mich mein Unternehmen dabei, meine Arbeit selbstbestimmter zu gestalten? Wie sorgt es dafür, dass ich meine Stärken, meine Fähigkeiten und meine Begeisterung so oft wie möglich einsetzen kann? Wie garantiert es mir, dass ich stetig etwas Interessantes dazulernen und mich entfalten kann und dass ich meine Arbeit als sinnvoll empfinde? Viele Unternehmen tun sich mit dieser Herausforderung schwer. Zugleich wissen sie: Wenn sie nicht schnell überzeugende Antworten auf diese drängenden Fragen finden, ertrinken sie in einer stetig steigenden Flut aus Krankmeldungen und inneren Kündigungen. Ein wirtschaftlicher und menschlicher Alptraum.

Gefordert sind dabei vor allem Führungskräfte, die wiederum selbst unter besonderem Druck stehen.
Gerade Führungskräfte kommen oft mit persönlichen Themen ins Coaching, weil sie spüren, dass sie ihre Aufgaben im Unternehmen nur dann sehr gut wahrnehmen können, wenn sie in allen Bereichen möglichst stabil und balanciert im Leben stehen. Wenn ihnen eine starke eigene Vision fehlt, wenn sie mit sich selbst und der Welt unklar sind, wenn sie keine Richtung haben und sich wie im falschen Film fühlen – dann mutiert Führung zum reinen Rollenspiel. In einem modernen erfolgreichen Unternehmen ist Führung aber vor allem eins: authentisch. Authentizität kann man nicht einstudieren und auf Dauer auch nicht vorspielen. Sie resultiert aus innerer Überzeugung, Begeisterung und dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun – aus einer starken. Vision heraus.

Das Feld des Coachings erlebt seit einigen Jahren einen Boom. Was sind dafür aus Ihrer Sicht die Gründe?
Unsere äußere Welt befindet sich durch Globalisierung und Digitalisierung in einem massiven Wandel. Unserer inneren Welt – Gedanken, Gefühle, Werte, die unser Verhalten steuern – fällt es zunehmend schwer, mit den beschleunigten Veränderungen umzugehen und die Chancen zu nutzen, die sich dabei auftun. Das gilt für Menschen und ihre Lebensentwürfe. Und das gilt in Zeiten von New Work und agilem Management auch für Unternehmen.

Ist der Drang hin zu Veränderung auch etwas Zeitgeistiges?
Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel, sagte Charles Darwin bereits im 19. Jahrhundert. Heute, 200 Jahre später, hat dieser Wandel eine Geschwindigkeit aufgenommen, die viele von uns überfordert.

Ist der Coaching-Boom nicht trotzdem mit Vorsicht zu genießen?
Um die gewaltigen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern, braucht es sehr gut ausgebildete Coaches, die uns mit lösungs- und potentialorientierten Methoden dabei unterstützen, unsere Arbeitswelt und unser Leben bestmöglich zu gestalten.

Was ist aus dem Manager und seinem Hotel in Spanien geworden?
Er hat ein Haus in einem idyllischen Ort an der Costa Brava gekauft. Er besichtigt geeignete Grundstücke, trifft erfolgreiche Hoteliers, lässt sich von spannenden Häusern inspirieren. „Ich fühle mich wieder richtig lebendig“, sagte er, als wir uns kürzlich trafen. „Mein Hotel wird Menschen glücklich machen – alles ergibt wieder Sinn.“

Interview: Daniel Ruda