In Berlin, Dresden, Leipzig oder Pforzheim gibt es sie schon. Nun hat der Künstler Yadegar Asisi auch für Konstanz in einem eigens dafür errichteten Rundbau ein 360 Grad-Panorama entworfen. Darauf ist das wohl bedeutendste Ereignis der Stadtgeschichte zu sehen: das Konstanzer Konzil aus dem Mittelalter. Am Samstag, 12. September, soll die Ausstellung öffnen.
Text: Benedikt Brüne
Konstanz, was sollte er denn da? Von der Idee, das Konstanzer Konzil, die große Kirchenversammlung der Jahre 1414 bis 1418, zum Ausgangspunkt eines seiner nächsten Panorama-Kunstwerke zu machen, war Yadegar Asisi mäßig begeistert. „Ich muss gestehen“, sagt der 71-jährige Berliner, „ich habe mich zunächst gesträubt.“ Mehr als acht Jahre liegt dies zurück. Heute steht im Stadtteil Petershausen, einen Steinwurf vom Konstanzer Seerhein entfernt, ein prägnanter, zylinderförmiger Rundbau, imposante Architektur und zugleich Bilderrahmen für ein Kunstwerk, das Konstanz verändern wird und schon jetzt verändert.
Immerhin gehört das spätmittelalterliche Großevent für die Stadt am westlichen Bodensee bis heute zur historischen Identität, neudeutsch: zur Marke Konstanz. Damals war die katholische Kirche tief gespalten, mit nicht weniger als drei Päpsten – Benedikt XIII, Gregor XII, Johannes XXIII. Dass die Auflösung dieser Zersplitterung und die einzige Papstwahl nördlich der Alpen im damals neutralen Konstanz angestrebt wurde, lag zu großen Teilen am Einfluss des mächtigen Königs Sigismund. So trafen am Bodensee kirchliche und weltliche Mächte aufeinander, rund 70.000 Besucherinnen und Besucher kamen im Laufe dieser vier Jahre in die Stadt: Herzöge, Grafen und Ritter, Kardinäle und Bischöfe, Kleriker wie der Reformer Jan Hus und einige Hundert Huren, an die seit 1993 die Imperia erinnert, eine von Peter Lenk konstruierte Betonstatue mit tief ausgeschnittenem Dekolleté, heute ein Wahrzeichen im Hafen der Stadt. Zählte Konstanz damals rund 7000 Einwohnerinnen und Einwohner, sind es heute zwölfmal so viele.


All dies war für Yadegar Asisi weit entfernt – eine tabula rasa, die aber doch seine Neugier weckte: „Das Nichtwissen gab mir die Möglichkeit, erst einmal der eigenen Intuition zu folgen“, sagt er. Möglicherweise hängt sein anfängliches Desinteresse mit seiner Herkunft zusammen. Asisi wurde in Wien geboren. Er wuchs auf in Halle und Leipzig, seit Ende der 1970er-Jahre lebt und arbeitet er in Berlin. Bis zum Mauerfall war man selbst im Westen der Stadt von der Bundesrepublik in vielerlei Hinsicht abgetrennt.
Unternehmerfamilie als Ideengeber und Finanzier
So stammte der erste Impuls für ein Projekt in Konstanz auch nicht von ihm, sondern vom Pforzheimer Unternehmer Wolfgang Scheidtweiler, der mit der Stadt am Bodensee seit Langem familiär verbunden ist – seine Frau Andrea stammt aus der Brauereifamilie Ruppaner. Eine Investorengruppe rund um die Unternehmerfamilie Scheidtweiler finanzierte dann das Konstanzer Projekt, das Planungs- und Baukosten im zweistelligen Millionenbereich ausweist.
In Pforzheim hatten Schweidtweiler und Asisi im umgenutzten, früheren Gasometer bereits die Projekte „Rom 312“ und „Great Barrier Reef“ realisiert, zwei von bislang 17 Panoramen. Auch in Berlin (Mauer), Dresden (1945) oder Leipzig (Antarktis) können Besucher eintauchen in die von Asisi kreierten Welten. Als dann 2014 in Konstanz das 600. Konziljubiläum gefeiert wurde, stand für die Familie Scheidtweiler fest: Eigentlich müsste es auch für Konstanz ein Panoramabild geben. Unstrittig war für sie schon damals, dass das Projekt nicht irgendwo, sondern nur in Konstanz, am Ort des Geschehens angesiedelt werden sollte. Auch Asisi erkannte das Potenzial, diesen Meilenstein in der Erzählung der Kirchengeschichte – als missing link, wie er sagt – einzubinden zwischen seinen Projekten „Rom 312“ und „Luther 1517“ – also zwischen dem Moment, als diese noch junge Religion durch weltliche Macht vereinnahmt wurde, und dem Moment der Spaltung.
Ein wirkmächtiges Kompositum wurde dafür entworfen und in dem neuen, an der Schänzlebrücke und dem Seerhein zentral gelegenen Rundbau aufgehängt, mehr als 800 Kilogramm schwer, bestehend aus Polyester-Stoffbahnen, rund 30 Meter hoch, 110 Meter breit, mit Motiven und Szenen der Konziljahre. Es ist nicht zu viel versprochen: Das Bild nimmt die Betrachter emotional in Besitz, viele wird es überwältigen.
Unterschiedliche Blickwinkel von einem Podest aus
Betrachten können die Besucherinnen und Besucher das Panoramabild, indem sie ein Podest, mittig im Rundbau platziert, emporsteigen. Von dort haben sie, aufgrund der stützenfreien Statik des Gebäudes, freie Sicht auf das gesamte Kunstwerk. Schauen sie auf eine Seite des Bildes, spielt sich in ihrem Rücken etwas völlig anderes ab. Zentrale Figuren wie König Sigismund oder Jan Hus finden sich mehrfach im Bild wieder. Es braucht auf jeden Fall Zeit, will man in die Geschichte eintauchen.
„Es ist wie beim Film“, erklärt Asisi seine Arbeitsweise. Statt eines Storyboards entwirft er eine querformatige Skizze. „Darin ist alles geklärt. Wer kommt vor, wer steht wo? Wie ist die Perspektive, wie das Licht?“ So fügt er einige Dutzend Sequenzen zusammen, nicht zu einem Film, sondern zu einem Kunstwerk, das ohne Bewegung auskommt und daher szenische Konzentration ermöglicht.

Visualisierung: Filippo Bolognese Images

„Viele Leute denken, ich mache Archäologie“, berichtet Asisi und weist dies zugleich zurück: „Die Wahrheit ist immer dort, wo der Betrachter die Geschichte erzählt und erklärt.“ Ausgangspunkt sei für ihn immer das Zeichnen. Es folgt ein langer, intensiver Arbeitsprozess – Recherche, Faktensammeln, Bezüge und Atmosphäre schaffen. Sein Team steuert Wissen und Arbeiten bei, die Asisi selbst kaum leisten und umsetzen könnte: Fachleute für Kostümbild, Maske, Fotoshootings, 3D-Simulationen, Photoshop und KI schaffen ihren Beitrag zum Gesamtkunstwerk. „Die Annäherung an so ein Projekt ist immer sehr vielfältig.“
Eine der wichtigsten Entscheidungen, die ein Künstler zu klären hat, sei die des Standpunkts. Wo in der Konstanzer Altstadt erschließen sich die Ereignisse der Jahre 1414 bis 1418 für den Betrachter am besten, zumal das Bild auch die zeitliche Dehnung der vier Jahre abbildet? So stehen Figuren und Szenen nebeneinander, die sich nicht zeitgleich oder am selben Ort zugetragen haben. Eine zweite Dimension des Begriffs „Standpunkt“ ist für ihn eine inhaltliche. Worum geht es eigentlich? „Das Bild zeigt alles, was den Menschen ausmacht“, sagt Asisi, damals und heute. Gemeinschaft und Freude, Zwang und Macht, Konstanten der Menschheitsgeschichte. Vor allem das Machtstreben des Menschen zu ergründen, interessiert den Künstler. Was erlaubt Menschen, sich selbst über andere zu stellen? Asisi persönlich, vielleicht auch seiner Arbeitsweise bleibt dies fremd. Aber es fasziniert ihn in der Kunst. Auch deshalb ist die von ihm formulierte Textzeile Certamen pro potestate est ruina humanitatis („Der Kampf um die Macht ist der Untergang der Menschheit“) in einen Choral geflossen, der, komponiert von Musikproduzent Eric Babak, das visuelle Erlebnis im Konstanzer Panorama ergänzt. So erklärt sich die Stadtgeschichte dem Betrachter auf neue Weise.
Auffällige Architektur eines renommierten Büros
Eine Ausstellung im Erdgeschoss erklärt detailliert das Gesamtwerk von Asisi sowie die historischen Hintergründe des neuen Panorama-Bildes. Der Neubau ist als Kunstwerk mit Strahlkraft seit diesem Jahr selbst Teil der Konstanzer Stadtgeschichte. Allein die farbenfrohe Fassade aus Metallelementen, konzipiert vom Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton, das auch das jüngst eingeweihte Ausweichquartier des Bundespräsidenten im Berliner Regierungsviertel für die Zeit der Renovierung von Schloss Bellevue entworfen hat, verleiht dem Areal an der Auffahrt zur Konstanzer Europabrücke eine willkommene gestalterische Vitalität.
Bemerkenswert ist zudem die Konstruktion als Hybridbau, bestehend aus einem Betonsockel sowie 43 vertikal darüber platzierten, mit schwarzem Vlies verpackten und mit Stahlringen verbundenen Holzbalken. Ein stützenfreies Deckentragwerk überspannt eine Distanz von 36 Metern. Im Fundament fußt das Haus aus statischen Gründen auf 50 Bohrpfählen, die rund 45 Meter tief in den Boden gerammt wurden. Und im Obergeschoss bietet sich den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit eines Restaurantbesuchs, auch wenn sie das Asisi-Panorama selbst nicht in Augenschein nehmen wollen. Der Ausblick über den Seerhein bis hin zum Münster und zum Konzilgebäude, den beiden Hauptschauplätzen des Konzils vor mehr als 600 Jahren, ist inklusive.

Weitere Informationen
Das 360 Grad-Panorama in Konstanz soll am Samstag, 12. September, öffnen. Der Zeitpunkt war mehrfach verschoben worden. Ursprünglich war eine Eröffnung im Mai geplant. Auf einer 3200 Quadratmeter großen Bildfläche sind Szenen aus der Zeit des Konstanzer Konzils von 1414 bis 1418 zu sehen. Eine Ausstellung im Erdgeschoss erklärt das Gesamtwerk von Asisi sowie die historischen Hintergründe des Konstanzer Panoramabildes. In 50 Metern Höhe entstehen eine Dachterrasse und ein Restaurant.
Aktuelles zu Fertigstellung, Öffnungszeiten und Tickets: www.panorama-konstanz.de