Designpreise: Leicht zu haben

Muss man da mitmachen? Zahlreiche Gestalter in der Region werden mit Preisen wie dem „German Design Award“ überhäuft. Aber was ist der Preis wert – oder: was kostet er? netzwerk südbaden kann sich mit wenig Aufwand als Beinahe-Gewinner fühlen. Wir waren lediglich zu geizig.

Von Rudi Raschke

Am Jahresanfang kommt sie verlässlich wieder, die Designpreis-Saison. Kleinere und größere Agenturen aus der Region teilen mit, dass sie eben von einer glanzvollen Verleihung in Frankfurt heimgekehrt sind und „eine der begehrtesten internationalen Design-Auszeichnungen“ mit nach Hause bringen. Was ein wenig nach dem sensationellen Erreichen einer Top 5 durch ein kleines Agenturstädtchen wie Freiburg oder eine überschaubare Region wie Südbaden klingt, ist dann doch eher kein Spitzenverdienst.

Bei näherem Hinsehen schaut es eher nach Breitensport aus. Allein im Regierungsbezirk Südbaden sind 20 Produktdesigns als „Winner“, „Gold“ oder nur „Special Mention“, also Spezialerwähnung, ausgezeichnet worden, dazu kommen sieben weitere Preise für Kommunikationsdesign. Ein „Verstellbarer Flachspannhebel“ aus Furtwangen findet sich in der dubiosen Hall of Fame ebenso wie das Doppelbett einer Matratzenfirma aus dem Freiburger Stühlinger-Kiez, die weder Website noch Schaufenster hat.

Insgesamt erhält man für ganz Deutschland eine 74-seitige Liste mit einem imaginären Siegerpodest, auf dem 2434 Unternehmen Platz nehmen durften, allein für den German Design Award 2019. Das „German Design Council“, das im „Rat für Formgebung“ den Wettbewerb veranstaltet, weiß, warum es die ungeheure Zahl nicht auf der Website publiziert, sondern es bei endlos ausklappbaren Klick-Galerien belässt. Auch in der auf Nachfrage verschickten Liste – zuerst gibt es nur „Gold“ und „Winner“, vermutlich, damit es nicht so inflationär ausschaut – steht keine Nummerierung. Auf 2434 Preisträger kommt man durch nachfragen. Welchen Sinn ergibt es für wirklich vorzeigbare Gestaltung, da dabeizusein?

Sowohl das objektiv stilsicher gestaltete Baddesign der Hornberger Duravit AG findet sich in der Endlos-Serie wie auch das überaus vorzeigbare Büro der Freiburger Web- Schmiede Virtual Identity in München, das von deren Innenarchitekten eingereicht wurde. Für manchen offenbar ein Muss in der Branche. Aber wie kommen sie überhaupt dahin? Die Antwort ist so einfach wie lukrativ (also für den Council- Rat). Man nominiert sich selbst. Ein kleiner Selbstversuch, der bereits vergangenen Sommer stattfand: Auch netzwerk südbaden war für den „German Design Award“ nominiert.

Die dürre Abbildung eines Covers und ein ausgefülltes Online-Formular reichten aus. Am 13. April 2018 wurde uns per Brief mitgeteilt, dass das offenbar auch in Frankfurt regelmäßig gelesene Magazin „uns besonders aufgefallen“ sei. Unsere „Gestaltungskompetenz“ habe „das Potenzial, einen der führenden internationalen Designpreise zu gewinnen“. Nicht schlecht für die jpg-Datei eines einzelnen Titelbilds. Was folgte, war vor allem der Austausch von Preislisten: Für 230 Euro hätte netzwerk südbaden am Wettbewerb teilnehmendürfen (Frühbucher: 180 Euro), um die schlichte Nominierung im Katalog und der App der Preisverleiher unterzubringen, wären 1330 Euro fällig.

Aber das lässt sich alles auf die Gewinner- Pakete anrechnen, wenn man zu den, ja, lucky 2434 Winnern zählt. Angeblich wird in diesen Paketen eine Gebühr für die Verwendung des Logos berechnet, dazu diverse Verwendungsformen, mit denen jeder für sich werben kann: Bisschen Katalog, Ausstellung und PR, aber auch der Zutritt zu einer „Winner Lounge“ am Abend des Events, zwei Tickets und eine Urkunde. Quasi die Bundesjugendspiele des deutschen Designs: Speziell Erwähnte – dazu gehören aktuell drei Werbeagenturen aus Freiburg – bezahlen für den Urkundenspaß 2280 Euro, Gewinner ab 2580 Euro, Goldprämierte ab 2980 Euro. Es gibt zwar Fotos und Video von einer emsigen Jury, aber genau weiß niemand, wieviele Nominierte hier überhaupt undekoriert bleiben.

Fakt ist, dass in Werbe- und Designkreisen offenbar keine Hemmungen herrschen, sich mit gekauften Preisen zu schmücken. Eine unabhängige Jury wie bei Literaturpreisen wird zugunsten offener Eigen-Nominierungen (und Überweisungsträger) für entbehrlich erklärt. Das gilt auch für den Deutschen Designpreis und den IF Award oder den Red Dot. „In der Art Directors Club-Jury sind alle vertreten, die hinterher auch als Gewinner vom Platz gehen“, schrieb bereits vor sechs Jahren das Branchenblatt w&v. Es sei ein „jämmerliches Bild, das Deutschland auf diese Weise als Designstandort abgibt“, schimpfte das Fachblog „designtagebuch. de“ einmal.

Exzellenz werde nicht sichtbar, „herausragende Produkte, Konzepte und Designs“ gingen angesichts der „Preisträgerschwemme“ schlicht unter. Ob mit dem „großen Preisrätsel“, wie die Süddeutsche Zeitung es nennt, allerdings regional überhaupt Kunden zu beeindrucken sind, bezweifelt mancher. Axel Münchrath, mit seiner gleichnamigen Agentur eines der größeren Häuser in Freiburg, spart sich das Geld für den erkauften guten Eindruck.

Aus früheren Erfahrungen weiß er, dass es „manchmal spannender für die Mitarbeiter als für die Kunden“ ist, wenn sie im „Jahrbuch der Werbung“ genannt sind. Was die Kunden in diesem Verfahren nicht erfahren: Es hat jenseits der glanzlos erworbenen Urkunde bisweilen tragikomische Züge, wer alles so einen German Design Award mitnimmt. Die Verpackung von Lidls „Fan Müsli“ zählt jedenfalls auch zu den „Winnern“.