E-Scooter: Der Kampf um die letzte Meile

Voraussichtlich am 17. Mai entscheidet der Bundesrat über die Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV). Viele Sharing-Anbieter für elektrische Tretroller stehen in den Startlöchern und Händler verkaufen bereits vermeintlich günstige E-Scooter Modelle. Doch Vorsicht, es könnte Ärger geben.

Von Anna-Lena Gröner

Was früher, noch unmotorisiert, das erste zweirädrige Fortbewegungsmittel für die Kleinen war, wurde Anfang der 2000er zum Gefährt der Cool-Kids – Schulen und Kindergärten waren vollgeparkt mit den klappbaren Tretrollern. Wer sich damals allerdings als Erwachsener auf diese Roller stellte und sich lässig mit Umhängetasche und im Anzug Richtung Büro trat, dem wurde meist mit skeptischen Blicken nachgesehen – die Tatsache, dass man den Tretroller mit Anglizismen wie „Kickboard“ und „Scooter“ oder gar als Sportgerät betitelte, machte es nicht besser.

Jetzt baut man einen Elektromotor an diese Tretroller, kann damit lässig auf dem Board stehen, ohne das Gefährt schweißtreibend im Sekundenrhythmus antreten zu müssen, und plötzlich möchte jeder auf das praktische Ding aufspringen. Geradezu ideal scheinen diese E-Scooter, um damit innerstädtisch dynamisch von A nach B zu kommen oder die so genannte „letzte Meile“, den Weg von der letzten Haltestelle zum angepeilten Ziel, umweltbewusst zu meistern. Genau um dieses Umweltbewusstsein geht es plötzlich jedem und überall.

Besonders E-Scooter Sharing-Anbieter wittern ihre große Chance. Unternehmen und Investoren pumpen Milliarden in diese Dienste. San Francisco wurde Anfang 2018 von den amerikanischen Anbietern Bird, Lime und Spin regelrecht überrollt. Genehmigungen? Fehlanzeige. Die Folgen: Unfälle mit Fußgängern und Straßen, die von unachtsam abgestellten Miet-Rollern verstopft und vermüllt wurden. Der Kampf um die letzte Meile war eröffnet.

Das Handelsblatt sprach in Bezug auf die Vorfälle in San Francisco von der „Invasion der Killerroller“ – tatsächlich gab es Todesopfer bei den Unfällen mit E-Scootern. In Deutschland möchte man eine Invasion und vor allem Kollisionen mit Fußgängern und anderen Verkehrsteilnehmern vermeiden. Daher wird es, tritt die eKFV in Kraft, klare Regeln und strenge Auflagen für die E-Scooter geben. In erster Linie benötigen alle Geräte eine Allgemeine Betriebszulassung (ABE) oder eine Einzelzulassung.

Diese bekommt man nur, wenn der elektrische Scooter zwei Bremsen vorne, Licht vorne und hinten, eine Fahrgestellnummer sowie eine Versicherung mit klebbarer Plakette vorweisen kann. Alles andere ist illegal. Helmpflicht besteht zwar nicht, aber selbst Sharing-Anbieter, deren Scooter bereits in anderen Städten unterwegs sind, raten dazu.

Sharing is caring?

Das Berliner Start-up Tier Mobility, das bereits in mehr als 20 Städten weltweit seinen Sharing-Dienst anbietet, wird extra für den deutschen Markt einen neuen Scooter produzieren, der die geforderten Bestimmungen erfüllt. Momentan haben lediglich zwei bereits auf dem Markt erhältliche Modelle eine Betriebserlaubnis mit Sondergenehmigung durch das Kraftfahrt-Bundesamt: der BMW X2City E-Scooter und der Metz Moover. Der BMW-Tretroller kostet 2399 Euro und auch das Gewicht von 21 Kilogramm hängt man sich nicht gerade leicht um die Schulter, um damit lässig die letzte Meile zu meistern. Der Moover ist mit knapp 2000 Euro etwas günstiger und mit einem Gewicht von 16 Kilogramm angenehmer zum Tragen. Bezahlbar für jedermann sind diese Fahrzeuge ganz klar nicht.

 

Schon jetzt sind günstigere Varianten am Markt, doch der Bundesverband Elektrokleinstfahrzeuge e.V. und der Bundesverband eMobilität warnen vor den großen Werbeaktionen diverser Handelsunternehmen, die E-Tretroller stark rabattiert verkaufen. Solche E-Scooter, die die Anforderungen der ABE nicht erfüllen, können auch nach Inkrafttreten der eKFV nicht legal im öffentlichen Raum bewegt werden. „Anstatt im Alltag mobiler zu werden, haben die Käufer am Ende nur Elektroschrott“, wird Kurt Sigl, Präsident vom Bundesverband eMobilität in einer Pressemeldung vom 11. April zitiert. Welche Strafen auf die zukommen, die mit illegalen E-Tretrollern unterwegs sind und wie man das in Zukunft kontrollieren wird, bleibt abzuwarten. Die Sharing-Angebote dürften für viele Verbraucher vorerst die interessantere, risikofreiere und vor allem günstigere Variante sein.

In Bamberg fahren seit dem 15. März 15 E-Scooter des amerikanischen Unternehmens Bird mit Sondergenehmigung auf den Straßen. Die Genehmigung zu erlangen, war kompliziert. Statt wie geplant im November 2018 konnte man erst vier Monate später mit dem Projekt starten. Alle 15 Fahrzeuge sind vorab durch eine TÜV-Prüfung gegangen, wurden mit einer Fahrgestellnummer und einem Versicherungskennzeichen versehen. „Wir sind ÖPNV-Anbieter und stehen damit immer in Konkurrenz zum motorisierten Individualverkehr. Unser Ziel ist es, den ÖPNV über bessere Angebote und bessere Taktfrequenz attraktiver zu gestalten“, sagt Jan Giersberg, Pressesprecher der Stadtwerke Bamberg, zu den Gründen des E-Scooter Projekts.

„Wo wir immer ein Problem haben, das ist die so genannte letzte Meile, bei der wir den Kunden einfach bislang nicht so transportieren konnten, wie wir es wollten.“ Hier könnten die Elektro-Tretroller eine spannende Alternative darstellen. Die Freischaltung wird später per App funktionieren und einen Euro kosten, für jede weitere Minute werden 15 Cent fällig. Damit Chaos-Szenarien wie in San Francisco ausbleiben, setzt man auf die Einsammler des Anbieters. Abends ziehen sie durch die Stadt, sammeln die Scooter ein, warten sie, laden sie auf und stellen sie früh morgens an den dafür vorgesehenen Punkten wieder ab.

Deckmantel Umweltbewusstsein

Angst vor einem Ansturm an Sharing-Dienstleistern habe man in Bamberg nicht. „Berlin, München und Hamburg bieten für Sharing-Anbieter ganz anderes Marktpotenzial als eine Stadt wie Bamberg. Deshalb gehe ich davon aus, dass sich viele erst einmal auf die Metropolen fokussieren werden“, sagt Giersberg. Damit es sich für einen Anbieter wie Bird oder das Berliner Start-up Tier Mobility lohnt, muss ein E-Tretroller mindestens vier Mal am Tag genutzt werden.

Die Lebensdauer der elektrischen Mietroller liegt gerade mal bei drei bis vier Monaten. „Danach landen sie auf dem Müll“, sagte der Start-up Gründer Gunnar Froh (sein Unternehmen „Wunder Mobility“ verkauft die Software hinter den Sharing-Apps) bereits im November gegenüber Spiegel online. Mehr Schrott für weniger Abgase? Klingt nach Greenwashing statt sauberer Rechnung. Hauptsache das Geschäftsmodell stimmt. Investoren sollen 27 Millionen Euro in das Berliner Start-up Tier gepumpt haben, bevor es im Oktober 2018 erstmals in Wien an den Start ging.

In nur wenigen Monaten wurden weltweit besagte 20 Städte mit den E-Scootern ausgestattet. Zuletzt hat man sich im Februar auch auf dem Basler E-Trotti-Markt niedergelassen. Aber was passiert eigentlich in den kalten Wintermonaten mit all den E-Miet-Rollern? Wie rechnet sich das Konzept der ausleihbaren E-Scooter dann? „Im Sommer werden Scooter, ähnlich wie Fahrräder, sicher öfter genutzt, aber viele Menschen lassen sich von Kälte allein nicht abschrecken. In Wien zum Beispiel haben wir nur an fünf Tagen wegen Schnees unseren Betrieb ausgesetzt. Auch in Skandinavien lassen sich die Menschen nicht davon abschrecken, wenn es etwas kälter ist“, sagt Bodo von Braunmühl, Director of Communications bei Tier Mobility.

Freie Fahrt in Freiburg

Was auf deutsche Städte zukommt, sobald die eKFV durchgesetzt wird, bleibt spannend. Anders als in Amerika ist die Kommunikation der Anbieter mit den jeweiligen Stadtverwaltungen unvermeidbar und für ein geordnetes Nebeneinander verschiedener Sharing-Dienstleister bitter notwendig. Auch Freiburg steht solch alternativen Mobilitätsformen offen gegenüber.

„Wenn der E-Scooter als Alternative oder Ergänzung zu den E-Bikes genutzt wird und weiteren Autoverkehr vermeidet, kann das sehr sinnvoll sein“, sagt Frank Uekermann, Amtsleiter des Freiburger Garten und Tiefbau Amtes. Der Einsatz dürfe jedoch zu keinerlei Konflikten mit den Fußgängern führen. „Sollte der Bedarf so hoch wie derzeit prognostiziert kommen, müssen die Kommunen mit entsprechendem Ausbau der Rad/E-Scooter Infrastruktur reagieren“, sagt Uekermann.

Bei den ganzen Diskussionen um den kleinen elektrischen Tretroller, der uns vor allem die letzte Meile in den Städten umweltbewusst und bewegungsarm voranbringen soll, fragt man sich, wie wir uns früher durch die City bewegt haben? Eventuell ist man tatsächlich gelaufen – ganz ohne Motor.