Geflüchtete: An der Realität vorbei

Viele Geflüchtete in Ausbildung haben keine sichere Bleibeperspektive. Zusätzlich sollen sie die Berufsschule und bürokratische Hürden meistern sowie häufig auch noch der Familie zu Hause Geld schicken – eine große Belastung für sie, aber auch für die ausbildenden Betriebe.

Anna-Lena Gröner

Abdourahman Barry ist 21 Jahre alt und im dritten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Schreiner bei der Firma Hauser Holzbearbeitung in Bad Krozingen. Im Mai beginnen die Abschlussprüfungen für den jungen Mann aus Gambia. „Ich werde es schaffen, auch wenn es harte Arbeit ist“, sagt er in fast akzentfreiem Deutsch. Mit 15 Jahren flüchtete Barry alleine, ließ seine Mutter und vier Geschwister zurück, in der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und seine Familie. Er hat sie seither nicht mehr gesehen.

Seit Barry in Deutschland ist, ist sein Aufenthaltsstatus unsicher – die Abschiebung könnte kommen, trotz Ausbildungsplatz. „Man muss viel nachdenken und hat große Sorgen“, sagt der 21-Jährige und lächelt verlegen. Als so genannter „Wirtschaftsflüchtling“ kommt er aus einem der Länder, aus denen Geflüchtete in Deutschland nur mit einer geringen Bleibeperspektive rechnen können. Sein erstes Asylverfahren wurde abgelehnt. Daraufhin hat Barry Klage eingereicht (eine von 5462 die 2018 beim Verwaltungsgericht Freiburg eingingen).

Mehr Aufschub mit wenig Hoffnung. Statistisch haben Asylanträge von Geflüchteten aus Gambia eine 1,5 prozentige Erfolgsquote. Auch die seit August 2016 eingeführte Ausbildungsduldung kann Barry wegen der laufenden Klage nicht in Anspruch nehmen. Mit dieser Duldung sind die Betroffenen für die Dauer der Ausbildung sowie zwei Jahre nach der abgeschlossenen Fachreife vor einer Abschiebung sicher. Was danach kommt, weiß niemand. „Die Unsicherheit, die diese Menschen aushalten müssen, macht sie fertig“, sagt Gerd Schneider, Inhaber der Lignum Möbelmanufaktur in Freiburg und Gründer des Vereins Bildung für alle e.V.

Er kennt ihre Ängste. Über den Verein, den der 40-Jährige vor vier Jahren aus einer Not heraus initiierte, bekommen heute über 240 Geflüchtete, vor allem mit unsicherem Bleibestatus, die Möglichkeit, kostenlose und ehrenamtlich begleitete Sprachkurse in einem geschützten Umfeld zu machen. „Mich wundert es immer wieder, dass gerade die Menschen aus Gambia nicht den Mut verlieren“, sagt Schneider.

348 Geflüchtete mit unsicherem Bleibestatus befinden sich derzeit in südbadischen Handwerksbetrieben in Ausbildung. Die größte Gruppe bilden die Menschen aus Gambia (148). Von den Geflüchteten aus Ländern, deren Asylverfahren meist bewilligt wird (dazu zählen aktuell Syrien, Irak, Eritrea, Iran und Somalia) sind insgesamt 175 in Ausbildung. Für sie gibt es keine Zugangshürden zu kostenlosen Sprachkursen und anderen Integrationshilfen. Dem Löwenanteil der Geflüchteten wird jedoch das Lernen und Arbeiten schwer gemacht. Weil sie schlicht und einfach aus dem „falschen“ Land kommen.

Seit drei Jahren versuchen der Verein Bildung für alle und die Handwerkskammer Freiburg (HWK) neue Angebote zu schaffen, um genau ihnen den Weg in und durch eine Ausbildung leichter zu machen sowie Betriebe besser aufzuklären und zu unterstützen. Für diesen Zweck sind auch im Januar 2016 die sogenannten „Kümmerer“-Teams entstanden. Im Rahmen des Programms „Integration durch Ausbildung – Perspektiven für Flüchtlinge“ wurden sie bei 26 Trägern in Baden-Württemberg initiiert und werden vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg gefördert.

Der größte gemeinsame Erfolg für die „Kümmerer“ der HWK Freiburg und Bildung für alle bisher: ein Angebot für Deutschund Matheeinstufungen, um herauszufinden, auf welchem Wissensstand sich die Geflüchteten befinden. So können ihnen im Anschluss passende Aus- und Weiterbildungen angeboten werden. Sogar eine halbe Stelle wurde dafür geschaffen, die inzwischen von der Stadt Freiburg finanziert wird.

Doch schon im nächsten Schritt lauern nächste Hürden. „Alle Sprach- und Nachhilfeangebote, die wir haben, sind on-top-Angebote“, sagt Schneider, „und somit eine weitere Belastung für die Geflüchteten, die vielleicht schon eine Ausbildung begonnen haben.“ Man muss sich das vorstellen: neben der Angst, jeden Tag den Abschiebebescheid in den Händen halten zu können, sollen sie eine Ausbildung machen und zusätzlich zu den acht Stunden Arbeit, abends Deutschkurse belegen, um den Ansprüchen der Berufsschule gerecht zu werden. Auch mit dem Wissen, dass einige selbst in ihrer Landessprache weder schreiben noch lesen können, eine schier unmögliche Leistung.

Teufelskreis mit Auswegen

„Viele von ihnen fangen viel zu früh mit einer Ausbildung an, ohne dass die notwendige Ausbildungsreife vorhanden ist, nur um einen Abschiebeschutz durch eine Ausbildungsduldung zu erhalten“, sagt Inge Tritz, Abteilung Migration und Integration bei der HWK Freiburg. Dabei seien passende Sprachund Lernangebote im ersten Schritt viel wichtiger. „Helferjobs wären hier die bessere Variante. Aufgrund des Mindestlohns könnten sie ihren Lebensunterhalt bestreiten und hätten die Ruhe, zusätzliche Sprachangebote zu besuchen.“ Dieser Variante fehlt jedoch die Beschäftigungsduldung und der damit verbundene Bleibeschutz – keine attraktive Alternative. Familie Hauser hat in ihrem Betrieb, der Hauser Holzbearbeitung in Bad Krozingen, neben zwei geflüchteten Azubis aktuell einen Helfer aus Gambia eingestellt.

Beim Besuch verrät Geschäftsführerin Barbara Hauser, dass er jedoch gerade eine „Auszeit“ mache. „Es ist der Druck und die Angst vor der Abschiebung, die es ihm fast unmöglich machen, arbeiten zu können.“ Dabei atmet sie tief durch. Den Stress, den auch sie mit Behörden und Ämtern meistern muss, erahnt man in diesem Moment. Hauser spricht von einem „Papierkrieg“. Trotzdem gibt die Geschäftsführerin ihrem Mitarbeiter in Auszeit weiterhin eine Chance.

Auch für ihren Azubi Abdourahman Barry findet Hauser nur lobende Worte: „Er ist sehr zielstrebig, da könnte sich manch anderer eine Scheibe abschneiden.“ Diese Geduld und Unterstützung ist nicht selbstverständlich. Im Betrieb Hauser wurden seit 2015 zehn Geflüchtete aufgenommen, davon sind aktuell drei übriggeblieben. Eine Bilanz, die es dem Familienunternehmen schwer macht, weiterhin an seinem Konzept festzuhalten.

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Iss Saines Geschichte bleibt die Ausnahme: der Gambier hatte Glück, hat Verstand und die Liebe gefudnen. Foto: Alexander Dietrich

Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten: seit knapp einem Monat arbeitet der 25-jährige Issa Saine, der im Oktober 2014 aus Gambia nach Deutschland kam, im Betrieb in Bad Krozingen. Zuvor hatte er bei der Schreinerei Pfefferle in Ballrechten-Dottingen seine Ausbildung erfolgreich beendet. Neben dem beruflichen Erfolg hat Saine auch sein privates Glück gefunden. Seit November ist er mit einer Deutschen verheiratet, zeigt stolz die Bilder der muslimischen Hochzeit auf seinem Handy, „Standesamt machen wir noch“, sagt er.

Im Juli kommt das gemeinsame Baby auf die Welt, in den nächsten Wochen zieht das junge Paar in eine drei Zimmer-Wohnung in Merzhausen. Ein seltenes Happy End. Für den Betrieb Hauser ein willkommener Mitarbeiter.

Alternative Lösungen

Es bleibt die Ausnahme. Inge Tritz sowie ihr Kümmerer-Team der HWK und Gerd Schneider ärgern sich über komplizierte oder unausgereifte Konzepte sowie lange und unsichere Verfahren. Hier müsse mehr passieren. „Viele dieser Konzepte entstehen am Schreibtisch von Menschen, die nicht wirklich wissen, wie es abläuft. Das ist zwar gut gemeint, aber leider oft an der Realität vorbei“, sagt Tritz. Vor allem Gerd Schneider sucht nach alternativen Lösungen: so plant der engagierte Gründer eine „Freitagsschule“, bei der Geflüchtete in Ausbildung von ihrem Betrieb einen Tag freigestellt werden sollen, um an einem sicheren Ort psychosozial betreut zu werden und im nächsten Schritt durch Sprachkurse eine gute Basis für die Berufsschule zu erlangen.

Nach den Sommerferien möchte Schneider damit beginnen. Ab Juni startet zudem das Pilotprojekt einer digitalen Plattform, auf der personenbezogene Daten der Geflüchteten (nach deren Zustimmung) ganz einfach unter den involvierten Organisationen ausgetauscht werden können. Die Plattform soll beiden Seiten Stress und Zeit ersparen und klar darstellen: was braucht die Zielgruppe.

Fünf Freiburger Organisationen haben sich im „Bündnis Perspektive Ausbildung und Arbeit“ zusammengeschlossen und machen beim Pilotprojekt mit. Auch Behörden, Stadt, umliegende Landkreise, Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen davon zu überzeugen, ist das große Ziel. Die Finanzierung solcher Lösungsansätze bleibt eine Herkulesaufgabe. Gegen die Angst vor der Abschiebung trotz Ausbildungsplatz hat sich am 27. März auf politischer Ebene scheinbar etwas getan: Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl hat veranlasst, dass durch das Regierungspräsidium Karlsruhe künftig so genannte Ermessungsduldungen für ausreisepflichtige Geflüchtete in Beschäftigung erteilt werden können. Klingt erstmal gut.

Nämlich für alle Geflüchteten, die bereits eine zwölfmonatige Duldung sowie 18 Monate eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ausgeübt haben. Überraschung: das betrifft die Wenigsten. Was politisch gut aussieht, ist in der Realität lediglich ein kleiner Anstoß, der bereits an der nächsten Hürde gestoppt wird. Auch für Abdourahman Barry ist diese Regelung völlig irrelevant. Wenn er im Sommer seine Prüfungen besteht und von seinem Betrieb einen Arbeitsvertrag erhält, bekommt er immerhin für weitere zwei Jahre einen Bleibeschutz. Damit ist die plagende Unsicherheit nicht zu Ende. „Es hört erst auf, wenn die Niederlassungserlaubnis erteilt wird. Das passiert erst fünf Jahre, nachdem die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen wurde“, sagt Inge Tritz von der HWK.