Handel: Die Schweiz frisst Löcher in die Bilanz

Strukturwandel im Einzelhandel: Leerstände in den Fußgängerzonen, ein beförderter Justiziar – und ein Präsident, der seinen Rückzug ankündigt.

Von Philipp Peters

Der südbadische Einzelhandel hat wieder Demut gelernt. Nach Jahren, in denen die Region vor allem von betuchten Schweizer Kunden angefeuert wurde, kocht die Konjunktur nur noch auf Sparflamme. Das hat der Handelsverband Südbaden auf einer Pressekonferenz erklärt. Die Diagnose: Je stärker die City an der Schweiz hängt, desto größer sind ihre Sorgen.

Die Grenzstadt Konstanz habe nahezu die Bilanz der gesamten Region verwässert. Auch in Freiburg sinkt der Umsatz. Präsident Philipp Frese kündigt indes seinen mittelfristigen Rückzug an. Es ist keine Entwicklung, die sich in den Randlagen abzeichnet. Der Strukturwandel nagt auch an den besseren Lagen. In der Freiburger Innenstadt ist die verwaiste Sport-Arena ein prominenter und großer Schandfleck.

Ein möglicher Hauptmieter – die Karstadt-Mutter Hudson’s Bay – ist abgesprungen. Auch in der engen Rathausgasse, einem der gemütlicheren Einkaufssträssle der Stadt, säumen sich mehrere Leerstände. „Das hat mich auch irritiert“, räumt Handelsverbands-Präsident Philipp Frese ein. „Aber es tut sich jetzt was“, sagt der Unternehmer. Das Schweiz-Syndrom ist kein Gefühl.

Es lässt sich belegen, nicht schwarz auf weiß, sondern schwarz auf grün. Denn wenn der Schweizer sich in Deutschland ein paar Socken kauft, bekommt er in der Heimat die Mehrwertsteuer erstattet. Dafür muss er einen grünen Zettel vorlegen. Im vergangenen Jahr sei die Zahl dieser Ausfuhrkassenzettel in Südbaden um sieben Prozent zurückgegangen. Das wirkt auf den Umsatz. In Konstanz, wo die Grenze quer durch die Stadt verläuft, sei der Umsatz stark rückläufig. „Fast im zweistelligen Bereich“, sagt Utz Geiselhart, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbandes und Büroleiter am Bodensee.

Das Einzugsgebiet des Verbandes reicht von Baden-Baden über den Schwarzwald und Hochrhein bis ans Westufer des Sees. Unterm Strich steigt der Handelsumsatz am gesamten Bodensee um knapp ein Prozent. Dieses Plus wurde aber von den Städten erwirtschaftet, die keinen direkten Grenzübergang haben. Der Hochrhein, sonst eher Primus unter den Regionen, ist nun mit einem Minus von anderthalb Prozent das Schlusslicht.

Auch in Freiburg geht der Umsatz zurück. Zufrieden ist der Verband damit natürlich nicht. Die Geschäftsleute wollen, dass ihr Stück vom Kuchen wieder größer wird. Wohl wissend, dass zum Beispiel Online-Händler auch mit am Tisch sitzen und immer hungriger werden. Bundesweit erlöst der Einzelhandel einen Umsatz von 525 Milliarden Euro. Der Online-Anteil liegt noch unter zehn Prozent, wächst aber etwa vier Mal so stark wie der stationäre Handel. Südbaden nimmt diesen Trend wahr, schiebt ihn aber beiseite.

Zwei Drittel der Verbands-Mitglieder haben noch kein Online-Geschäft. Ausufernde Bürokratie oder verödende Innenstädte machen den Händlern mehr Sorgen als das Aufkommen elektronischer Vertriebswege. In Freiburg sorgt man sich eher um ein mögliches Dieselfahrverbot ab März 2020 als zum Beispiel um einen Fachkräftemangel. Auch der Verband selbst merkt die Veränderung.

Die Zahl seiner Mitglieder gab er voriges Jahr noch mit 2100 an. Jetzt sind es 1900. Seit Jahren sinken die Mitgliederzahlen, räumt Frese ein. Die Beiträge hingegen würden steigen, sagt Frese. Das liege daran, dass sich auch der inhabergeführte Handel konzentriert. Pro Unternehmen gibt es jetzt mehr Filialen. Das bedeutet weniger Mitglieder. So gibt es seit Jahresbeginn einen neuen Hauptgeschäftsführer. Peter Spindler, seit fast 30 Jahren als Justiziar im Verband, hat den zuletzt glücklosen Olaf Kather ersetzt.

Der frühere Geschäftsführer des Freiburger Karstadt-Hauses war im Dezember 2014 als Hauptgeschäftsführer zum Verband gewechselt. Die Personalie war ein großes Missverständnis, räumt auch Kather ein. Er sehe sich eher als Berater, der zum Beispiel den Transformationsprozess begleitet. „Der Verband braucht eher einen Hauptgeschäftsführer, der auch bereit ist, Klinkenputzen zu gehen – das bin ich nicht“, so Kather. Sein Abschied ist die logische Konsequenz einer beruflichen Beziehung, die nie so richtig funktioniert hat. Das sieht auch Frese so.

Dass es finanzielle Gründe für die Trennung von Kather gebe, dementiert der Präsident. Der Verband stehe gesund da. Durch die interne Lösung mit Peter Spindler wurde dessen Gehalt natürlich angehoben. Unterm Strich spare man aber Geld. Mittelfristig will Frese den Verband personell stärker besetzt sehen. Gut möglich, dass das schon ein Job für seinen eigenen Nachfolger wird. Der 52-jährige Frese sieht sich in seiner letzten Amtszeit als Freiburger Handelspräsident. Seit 2005 macht er den Präsidentenjob, den vor ihm schon sein Vater hatte. Voriges Jahr wurde er für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. Es sei aber möglich, dass es schon vor 2022 einen neuen Präsidenten geben werde.