Interview: „Sicherheit kann nur verkaufen, wer Unsicherheit produziert“

Freiburg hat ein eigenes Zentrum für Sicherheitsforschung. Am Centre of Security and Society der Universität Freiburg ist der Soziologie-Professor Stefan Kaufmann als Projektleiter tätig. Im Interview verrät er, warum es einen Soziologen bei der technischen Entwicklung von Sprengstoffdetektionen benötigt und wieso man nicht ständig an das Thema Sicherheit erinnert werden sollte.

Am Centre of Security and Society sind Sie bei vielen Projekten als Leiter aktiv, welche Projekte werden hier angetrieben?
Kaufmann: Diese Projekte laufen im Rahmen von Forschungsprogrammen zur Sicherheitsforschung, die seit 2007 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgelegt wurden. Zunächst war die Forschung im Wesentlichen als Technikforschung gedacht und nach wie vor laufen sie im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Aber bereits in der Konzeption haben nicht zuletzt Beteiligte aus den Behörden und Organisationen im Sicherheitsbereich darauf aufmerksam gemacht, dass Technikentwicklung alleine nicht hilfreich sein kann, um die Sicherheit der Bevölkerung, wie das generelle Programmziel lautet, zu erhöhen. Oft gehen solche Entwicklungen am Bedarf der Nutzer vorbei, sind in der Praxis nicht tauglich oder bei Überwachungstechnologien etwa rechtlich nicht zulässig. Daher wurde die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung, sei es mit ethischen und rechtlichen oder auch mit organisationssoziologischen Fragestellungen, miteinbezogen. Die Projekte im Centre for Security and Society sind somit Verbundprojekte: Anwender aus Polizei, Katastrophenschutz oder dem Rettungsdienst arbeiten mit Technikentwicklern, mit Industriepartnern und mit Forschern aus den Geistes- und Sozialwissenschaften zusammen. Unser soziologischer Schwerpunkt liegt in der Organisationsforschung.

Ein Projekt, bei dem Sie mitwirken ist beispielsweise ‚POLINEX‘, die Entwicklung eines Portals zur berührungslosen Detektion von Sprengstoff. Wie kommen Sie hier als Soziologe zum Einsatz?
Wir untersuchen die organisatorischen Prozesse und Verfahren, in deren Rahmen neu entwickelte Technologien wie das Portal eingesetzt werden sollen. Berührungslose Detektion würde bedeuten, man läuft durch ein Portal, beispielsweise am Eingangsbereich eines Flughafens, und wird auf Sprengstoff- oder Sprengstoffspuren gescannt. Hier muss man sich Fragen stellen wie: wie kann man dieses Portal konfigurieren, damit man auch erkennt, wer durchgelaufen ist? Sie kennen das vom Kaufhaus und den Diebstahlsicherungen. Hier piepst es oft, aber man weiß gar nicht, bei welchem Kunden der Alarm ausgelöst wurde. Eine zweite Frage wäre, was macht man, wenn es Alarm gegeben hat? Wie geht man vor? Ein Alarm bedeutet noch lange nicht, dass jemand Sprengstoff mit sich führt. Das kann auch jemand sein, der mit Substanzen in Berührung gekommen ist, die auch in Sprengstoffen Verwendung finden oder harmlose Produkte mit sich führt, die solche Substanzen enthalten. Fehlalarme sind – zumindest beim jetzigen Stand der Technik – nicht selten. Wir sind im Grunde Spezialisten für nicht-intendierte Folgen der Implementierung solcher Sicherheitstechnologien. Und diese haben gerade im Sicherheitsbereich weitreichende Konsequenzen nicht nur für die Bewertung der rechtlichen Eingriffstiefe, sondern auch für die Praktikabilität von Maßnahmen.

Kann man sagen, dass das Bedürfnis nach Sicherheit und die gefühlte Bedrohung in der Gesellschaft immer mehr zunehmen?
Es gibt tatsächlich so großformatige Diagnosen wie ‚Gesellschaft der Angst‘, die zum Teil aus der Soziologie kommen. Auch medial sind Bereiche über Sicherheitsbedrohungen sehr präsent. Wenn man sich aber Umfragen zum Sicherheitsgefühl anschaut, dann spiegelt sich das nicht unbedingt. Nehmen wir beispielsweise die Umfrage zu den ‚Ängsten der Deutschen‘, die jährlich durchgeführt wird: Wenn Sie sich diese anschauen, dann sieht man eher ein ständiges Auf und Ab. Natürlich produzierte ein Ereignis wie 9/11 im nächsten Jahr einen massiven Ausschlag nicht nur im Bereich Terrorismusfurcht, aber dann ging die allgemeine Verunsicherung wieder runter. Die Flüchtlingskrise 2015, die sehr stark mit Sicherheitsthemen in Verbindung gebracht wurde, hat auch noch mal so einen Sprung ausgelöst. Wenn man von den „Sorgen der Bürger um Sicherheit“ spricht, auf die ja neuerdings gerne verwiesen wird, sollte man auch sehr stark unterscheiden, was die Menschen als persönliche Bedrohung für ihren Alltag wahrnehmen, was sie als allgemeines Risiko einstufen. Das ist oft sehr unterschiedlich, letzteres spiegelt eher die medialen Themen wider, hat aber mit dem subjektiven Sicherheitsempfinden letztlich wenig zu tun. Berücksichtigt man solche Differenzierungen, ist es schwierig allgemein zu sagen, dass die Unsicherheit gravierend zunimmt. Politisch und medial ist Sicherheit ohne Frage in den Vordergrund gerückt, was sich tatsächlich im politischen Raum verstärkt niederschlägt, in konkreten Maßnahmen wie auch in Verschiebungen des politischen Spektrums.

Ist das Streben nach Sicherheit nicht auch immer ein Verlust von Freiheit?
So kann man das sehen, keine Frage. Man kann es aber auch umgekehrt sehen: Sicherheit ist die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit. Bestimmte Dinge mache ich nur, weil ich mich sicher fühle. Ein gewisses Maß an Sicherheit braucht es immer, um sich etwas zuzutrauen, etwas zu unternehmen oder handeln zu können. Unter bestimmten Aspekten kann das Streben nach Sicherheit aber durchaus freiheitsberaubend sein. Gerade im politischen Raum können Sicherheitsmaßnahmen auch massive Eingriffe in Freiheitsrechte bedeuten.

Mit dem Thema Sicherheit lässt sich auch gut Geld machen.
Sicherheit kann nur verkaufen, wer Unsicherheit produziert. Und das in sehr unterschiedlichen Bereichen: ob im öffentlichen Bereich, wo zunehmend private Sicherheitsdienste sichtbar werden oder im Privatbereich beim Thema Einbruchsicherung, zum Beispiel durch mehr Kameraüberwachung. Die Frage ist dann immer: produziert das tatsächlich Sicherheit als Gefühl oder wird man durch solche Anlagen nicht ständig daran erinnert, dass etwas passieren kann?

Beim Thema Datensicherheit, das wesentlich ungreifbarer ist als ein Sicherheitsdienst, muss man ein ganz anderes Vertrauen entgegenbringen.
Das ist generell ein Charakteristikum unserer Gesellschaft, dass wir Vertrauen in Systeme haben. Wir müssen dies auch: Schließlich sind wir in unserem Alltag – etwa bei der Wasser-, oder Stromversorgung – von hochgradig komplexen, technischen Systemen, bei denen wir keine Ahnung haben, wie diese funktionieren, abhängig. Im Datenbereich handelt es sich um ein neues Phänomen, bei dem die technische Beschleunigung und die Transformation dessen, was wir gewohnt sind und worauf wir uns verlassen können, ungewiss geworden sind. Deshalb sind wir diesem System gegenüber relativ unsicher. Insbesondere auch, weil wir den Eindruck haben, dass sowohl die Gesetzes- und Sicherheitsroutinen als auch die Kontroll- und Schutzmaßnahmen nicht auf der Höhe der technischen Gegebenheiten sind und sehr schnell ausgehebelt werden können.

Was bedeutet für Sie Sicherheit?
Sicherheit gibt es nur ex negativo. Das heißt, in dem Moment, in dem ich nicht an Sicherheit denke, dann habe ich sie. Und sobald ich in irgendeiner Form anfange daran zu denken, dann fehlt sie. Sicherheit ist die Abwesenheit von Sicherheitsthemen.

Prof. Dr. Stefan Kaufmann ist Professor am Institut für Soziologie und Forschungskoordinator des Centre for Security and Society der Universität Freiburg. Sein Forschungsschwerpunkt sind Sicherheit, Krieg, Militär, Technik, Materialität, Organisation und Raum. Kaufmann ist zudem Mitherausgeber des European Journal for Security Research und Gutachter unter anderem für das Bundesamt Bevölkerungs- und Katastrophenschutz sowie für die Zeitschrift Sicherheit und Frieden.