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  • Grenzen 09/2026
  • Schwerpunkte

Ismael Hares: Mehr Mut zur Inklusion

  • 22. September 2026
Ismael Hares
Ismael Hares ist verheiratet und hat eine vierjährige Tochter. Er ist in Kabul geboren, als er sechs Monate alt war, floh seine Mutter mit ihm nach Deutschland. Er war seitdem nie mehr in Afghanistan, seine Eltern auch nicht. Foto: Santiago Fanego
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Der Freiburger Stadtrat Ismael Hares weiß aus eigener Erfahrung, auf wie viele Barrieren Menschen mit Behinderung im Alltag und im Berufsleben stoßen. Der 48-Jährige ist heute Vertriebsleiter. Der Weg dorthin war nicht immer leicht.

Text: Christine Weis

Ismael Hares musste früh lernen, dass es nicht reicht, etwas zu können. Man muss auch jemanden davon überzeugen, dass man es kann. Schon in der Schule begann das. Hares, der aufgrund einer schweren körperlichen Behinderung im Rollstuhl sitzt, sollte nach der Grundschule in eine sonderpädagogische Einrichtung. Seine Eltern hielten das für eine falsche Entscheidung und setzten sich dafür ein, dass ihr Sohn eine Regelschule besuchen konnte. Das ist ihnen gelungen und Ismael Hares kam an das Freiburger Wentzinger Gymnasium, in den Achtzigerjahren eine der wenigen barrierefreien Schulen in der Stadt. Zunächst durfte er allerdings nur unter Vorbehalt bleiben. „Die ersten Klassenstufen war ich auf Probe dort“, erzählt Hares. „Es hieß jedes Jahr: Wir schauen, ob das weiterhin funktioniert.“

Dieses Gefühl, sich immer wieder neu beweisen zu müssen, begleitete ihn später auch im Berufsleben. Heute ist der 48-Jährige Vertriebsleiter der Data World Consulting AG, einem Schweizer Unternehmen, das weltweit im SAP-Umfeld tätig ist. Ein leichter Aufstieg war es nicht. „Als Mensch mit Behinderung musst du viermal so viel leisten wie jemand ohne Handicap, damit du Anerkennung findest und für die Arbeit fair honoriert wirst“, sagt er.

„Als Mensch mit Behinderung musst du viermal so viel leisten wie jemand ohne Handicap, damit du Anerkennung findest und für die Arbeit fair honoriert wirst.“ – Ismael Hares

Ismael Hares hat von Geburt an eine körperliche Mehrfachbehinderung. Ursache ist eine genetische Bindegewebserkrankung, die Knochen, Muskeln und Bänder beeinträchtigt. Er ist zeitlebens auf einen Rollstuhl angewiesen, wurde häufig operiert und verbrachte zusammengerechnet rund sieben Jahre seines Lebens in der Uniklinik Freiburg. „Ich weiß nicht, wie es ist, durch den Schwarzwald zu wandern oder auf Berge hochzuklettern, daher vermisse ich es auch nicht.“ Mit seiner Erkrankung komme er zurecht. Er sei dankbar für die medizinische Hilfe und für die vielen Menschen, die ihn unterstützt und gefördert hätten – allen voran seine Eltern.

Von Kabul nach Freiburg

Dass ihre vier Kinder eine gute Bildung bekommen, darauf legten Shahlah und Mir Azizullah Hares großen Wert. Beide sind Akademiker. Die Mutter studierte Veterinärmedizin, der Vater war Mathematik- und Physiklehrer an der deutschen Amani-Schule in Kabul. Er war bereits mit einem Stipendium in Deutschland, als seine Frau und Sohn 1979 flohen, kurz bevor die sowjetischen Truppen in Afghanistan einmarschierten. Ismael Hares war damals sechs Monate alt, seine beiden Brüder und die Schwester noch nicht geboren. Anfangs lebte die Familie in Osnabrück. Da die Abschlüsse der Eltern in Deutschland nicht anerkannt wurden, arbeiteten beide im Reinigungsdienst. Später zogen sie nach Freiburg, weil ihr Sohn hier an der Uniklinik operiert werden konnte. 1986 eröffneten Shahlah und Mir Azizullah Hares mit dem Afghan-Eck einen Imbiss am Siegesdenkmal, den sie bis heute gemeinsam betreiben.

„Menschen mit Behinderung einzustellen, ist nicht allein eine Frage sozialer Verantwortung, sondern auch eine von wirtschaftlicher Relevanz.“ — Ismael Hares

Wenn Ismael Hares von seinen Eltern spricht, wird deutlich, wie stark ihre Überzeugungen ihn beeinflussten. „Sie haben mich gefördert, mir Ehrgeiz und Selbstvertrauen vermittelt“, sagt er. Einer ihrer Grundsätze lautet: „Arbeite viel, dann erreichst du viel.“ Das Leistungsprinzip bewahrte ihn jedoch nicht vor Rückschlägen. Hares begann ein BWL-Studium an der Universität Mannheim, musste es aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig beenden. Den Studienabbruch habe er lange als persönlichen Makel empfunden, erzählt er. Eine Ausbildung absolvierte er nicht. Seine berufliche Laufbahn entwickelte sich dennoch durch viel Praxis: Er arbeitete bei verschiedenen Unternehmen im Vertrieb, machte sich für zehn Jahre als Verkäufer selbstständig und wurde später Geschäftsführer der Stuttgarter Unternehmensberatung Phonethik. Seit vier Jahren ist er Vertriebsleiter der Schweizer Data World Consulting AG.

Wenn Leistung nicht reicht

In der Berufswelt machte Ismael Hares regelmäßig negative Erfahrungen, die ihn nachhaltig beschäftigen. Ein Erlebnis ist ihm besonders deutlich in Erinnerung. Er hatte einen wichtigen Kunden für seinen Arbeitgeber gewonnen. Beim Abschluss der Verträge in Brüssel durfte er jedoch nicht persönlich anwesend sein. Für ihn sei klar gewesen: Es lag an seiner Behinderung. „Das hat wehgetan.“ Bei einer anderen Firma sei er einer der besten Verkäufer gewesen und habe trotzdem nach mehreren befristeten Verträgen keine feste Stelle bekommen.

„Menschen mit Behinderung einzustellen, ist nicht allein eine Frage sozialer Verantwortung, sondern auch eine von wirtschaftlicher Relevanz“, ist Hares überzeugt. Gerade heute vor dem Hintergrund des demografischen Wandels hält er es für kurzsichtig, dieses Potenzial nicht stärker zu nutzen. Viele Menschen mit Behinderung seien gut qualifiziert. Unternehmen sollten deshalb weniger danach fragen, welche Einschränkungen jemand mitbringt, sondern mehr danach, was die Person kann.

Der Gesetzgeber versucht seit Langem, die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen zu fördern. Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen sind grundsätzlich verpflichtet, wenigstens fünf Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten oder ihnen gleichgestellten Menschen zu besetzen. Erfüllen sie diese Quote nicht, müssen sie für jeden unbesetzten Platz eine Ausgleichsabgabe zahlen. Die Höhe ist gestaffelt. Bei Unternehmen mit 40 bis unter 60 Arbeitsplätzen kann die monatliche Abgabe beispielsweise 410 Euro je unbesetztem Pflichtarbeitsplatz betragen.

Dass diese gesetzliche Vorgabe nicht ausreichend greift, zeigt das jüngste Inklusionsbarometer von Aktion Mensch und Handelsblatt Research Institute. Demnach lag die Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen am erstem Arbeitsmarkt 2025 bei 4,4 Prozent. Der Anteil der Unternehmen, welche die Vorgabe erfüllen, lag bei 38,6 Prozent.

Ismael Hares

Ismael Hares ist verheiratet und hat eine vierjährige Tochter. Er ist in Kabul geboren, als er sechs Monate alt war, floh seine Mutter mit ihm nach Deutschland.Er war seitdem nie mehr in Afghanistan, seine Eltern auch nicht.

Ismael Hares konnte sich trotz seiner körperlichen Behinderung und seiner Migrationsgeschichte beruflich durchsetzen. Inzwischen erhält er dafür Aufmerksamkeit über Freiburg hinaus. Er ist als einer von drei Finalisten für den „Mut Maker Award“ in der Kategorie „Aufstieg“ nominiert. Dieser richtet sich an Menschen, die nicht auf bestehende Netzwerke und privilegierte Ausgangsbedingungen zurückgreifen können, sondern sich Chancen selbst erarbeiten und dabei gesellschaftliche Barrieren überwinden.

Neben Hares sind die deutsch-georgische Wirtschaftswissenschaftlerin Lela Grießbach sowie die aus Sri Lanka stammenden Biologin Thuvaraka Thavayogarajah nominiert. Die Preisverleihung findet Ende Oktober in München statt. Initiatorin des Awards ist die Unternehmerin und Investorin Tijen Onaran, die unter anderem durch die TV-Sendung „Höhle der Löwen“ und als Kolumnistin des Handelsblatts bekannt wurde. Die Jury ist besetzt mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Medien, Medizin und Sport, etwa dem Siemens-Aufsichtsratsvorsitzenden Joe Kaeser, der General Managerin Janine Jung von der Hilti AG und Box-Weltmeisterin Regina Halmich.

Inklusion und Migration

Bei Ismael Hares liegen Biografie und Politik nah beieinander. Für die SPD wurde er 2023 in den Freiburger Gemeinderat gewählt, er ist Sprecher für Migration und Inklusion und arbeitet in mehreren kommunalen Gremien zu diesen Themen. Er war 30 Jahre alt, als er in die SPD eintrat. Ausschlaggebend sei vor allem die Migrationspolitik gewesen, sagt er: „Die Sozialdemokraten stehen für eine humane und solidarische Asyl- und Zuwanderungspolitik, das vertrete ich voll und ganz.“

Das Grundrecht auf Asyl für Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, dürfe nicht infrage gestellt werden. Zugleich spricht er sich für eine stärkere Kontrolle irregulärer Zuwanderung aus. Geflüchtete mit zunächst befristetem Aufenthaltsstatus, die hier arbeiten und gut integriert sind, sollten dagegen eine dauerhafte Bleibeperspektive erhalten.

Ohnehin greift für Hares eine Flüchtlingspolitik zu kurz, die vor allem auf Begrenzung setzt. Stärker in den Blick nehmen müsse sie die Ursachen, die Menschen dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen. Dazu zählt er künftig verstärkt auch die Folgen der Erderwärmung. „Die Hitze macht nicht an der Grenze halt“, sagt Hares. Klimaschutz sei eine der wichtigsten politischen Aufgaben.

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