IT: „Kein Backup, kein Mitleid“

Wie sich die in Appenweier beheimatete Leitwerk AG um die IT-Sicherheit von regionalen Unternehmen kümmert und dabei vom kleinen Mittelstandsbetrieb zur Holdingstruktur wächst.

Von Daniel Ruda

Es gibt diese E-Mail, wer kennt sie nicht, da stellt sich jemand aus einer anderen Ecke der Welt mit seiner Geschäftsidee in zwei Sätzen vor, um dann im dritten schon mit potenziellen Millionengewinnen zu winken. Alles ganz einfach, bitte hier klicken und dann gibt es da genauere Infos, ja ja. Es gibt aber auch echt erscheinende Mails vom Chef, der die Buchhaltung darum bittet, den Betrag X in Richtung Y zu überweisen. „Nur dass das auch ein Fake ist, ein sehr gut gemachter“, erzählt Marco Andreano, Prokurist beim IT-System-Unternehmen Leitwerk AG, in der Firmenzentrale in Appenweier ein paar Kilometer nördlich von Offenburg.

Das seien lediglich zwei kleine Beispiele aus dem alltäglichen Geschehen in E-Mail-Postfächern deutscher Büros, wie sich etwa Trojaner durch einen unbedachten Mausklick den Weg in die IT eines Unternehmens bahnen können oder wie sich ein Hacker einnistet. Aktuell ist der Verschlüsselungstrojaner mit dem Namen „Emotet“ einer der hartnäckigsten Eindringlinge, vor einigen Wochen hat er ein Krankenhaus in Bayern lahmgelegt. Cyber-Attacken gehören heutzutage zum Geschäftsrisiko. Was bei einem IT-System-Unternehmen sowieso oben auf der Agenda steht, wird im öffentlichen Bewusstsein immer präsenter: Knapp 70 Prozent der Unternehmen und Institutionen in Deutschland sind 2016 und 2017 Opfer von Cyber-Angriffen geworden, in knapp der Hälfte der Fälle waren die Angreifer erfolgreich, heißt es etwa im 100-seitigen Lagebericht zur IT-Sicherheit 2018 des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik. Tendenz: steigend.

370 Mitarbeiter, 71 Millionen Umsatz

„Früher haben diese sogenannten Cyber-Attacken zwar gefühlt unter einer Decke stattgefunden, aber aktuell war das Thema schon immer“, erzählt Marco Andreano beim Gespräch im großen Sitzungssaal namens Albert-Einstein-Raum. Nebenan, etwas kleiner, findet sich der Isaac-Newton-Raum, ausgestattet mit neuester Technik. Die moderne Firmenzentrale ist ein Ausdruck des Wachstums der Leitwerk AG in den vergangenen Jahren. Gegründet 1992 in Karlsruhe und seit 2000 in Appenweier ansässig, ist aus der kleinen GmbH eine Gruppe mit zehn kleineren marktaktiven artverwandten Unternehmen geworden.

Der Gesamtumsatz lag im vergangenen Jahr bei 71 Millionen Euro, insgesamt 370 Mitarbeiter sind in den Firmen beschäftigt (173 im Kern bei der Leitwerk AG). Aktuell wird mit der Novellus Holding AG eine neue Unternehmensstruktur gegründet. Die Leitwerk AG ist mit ihren Standorten in Appenweier, Freiburg, Karlsruhe sowie Mannheim und Straßburg das größte Unternehmen der Gruppe, mit 150 Servicefahrzeugen ist Leitwerk im Einzugsgebiet zwischen Basel und Mannheim, dazu in der Pfalz sowie im Elsass auch vor Ort bei seinen Kunden. Zu 80 Prozent sind es größere mittelständische Betriebe mit 150 bis 800 Bildschirmarbeitsplätzen.

Einer der größten Kunden, seit mehr als 20 Jahren, ist der Tunnelbohrer Herrenknecht aus der Ortenau, dessen weltweite IT und ihre Sicherheit von Appenweier aus vernetzt und betrieben wird. Unter den insgesamt 173 Mitarbeitern der Leitwerk AG befinden sich rund 120 Techniker, die auch mal als Nerds oder Freaks bezeichnet werden dürfen („das sind bei uns positive Begriffe“), von denen sich ein Viertel ausschließlich mit dem Thema IT-Sicherheit auseinandersetzt. Die Abwehr gegen immer dreister agierende Hacker und ihre Cyber-Attacken muss immer ausgeklügelter werden.

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Leitwerk Prokurist Marco Andreano rät zu mehr als „halbherzigen Investitionen“. Foto: Leitwerk AG

Von 8 auf 144

Neben den digitalen Anstrengungen wachsen bei Leitwerk auch die Ausmaße des Areals in Appenweier. An einer Stelle entsteht derzeit das neue Rechenzentrum, das nach der geplanten Eröffnung im Sommer als Joint Venture gemeinsam mit dem E-Werk Mittelbaden als Erweiterung der sogenannte Baden Cloud betrieben wird. 144 sogenannte Server-Racks werden darin installiert, jeweils etwa so breit wie ein Kühlschrank und etwas mehr als zwei Meter hoch. Zum Vergleich: Im aktuellen Rechenzentrum ein paar Meter um die Ecke sind es acht solcher Racks. Mit dem neuen Rechenzentrum werden es sechs Leitwerk-Gebäude sein, ein weiteres Büro- und Eventgebäude soll im nächsten Jahr hinzukommen.

Zum Rundgang über das Gelände stößt Daniel Sester hinzu, kaufmännischer Leiter des Rechenzentrums. „Wir bedienen dort schon jetzt über 300 regionale Unternehmen aller Branchen und Größen mit Services wie Anti Spam und Cloud Backup, bis hin zum kompletten IT-Betrieb“, mit den neuen Racks werde das Angebot für die Hybrid Cloud Szenarien nicht nur im jeweiligen Produkt, sondern auch in der Vielfalt der Lösungen wachsen, beschreibt der 33-Jährige die anstehende Veränderung. Sechs Millionen Euro werden für das neue Rechenzentrum investiert, „ohne Equipment, nur die Hülle“, präzisiert Sester und referiert über die Details.

Ein weiteres Rechenzentrum dieser Größe soll im Anschluss noch in Lahr entstehen. Immer mehr mittelständische und auch größere Unternehmen wollen gewisse Betriebsleistungen von IT und deren Sicherheit auslagern, erzählt Marc Andreano beim Rückweg zur Zentrale auf dem Umweg durch Gänge und Räume mit Zitaten berühmter Wissenschaftler an den Wänden. Für IT brauche es gutes Fachpersonal und geeignete Räumlichkeiten, aber das sei nicht einfach zu haben. „Der Trend geht deshalb dahin, die IT in ein Rechenzentrum zu verlagern, wo sie vollumfänglich betrieben und gegen Angriffe gesichert wird.“

Die absolute Sicherheit gibt es nicht

Es gebe da einen Leitspruch, erzählt Andreano, der vor 16 Jahren im Bereich der IT-Sicherheit bei Leitwerk angefangen hat: „Kein Backup, kein Mitleid“. Diesen Kardinalsfehler begehen allerdings nur noch wenige Unternehmen. Die Erfahrung zeige aber, dass auch „halbherzige Investitionen“ nur in Virenscanner oder Firewall oft nicht den gewünschten Schutz bringen, auch nicht für kleine Firmen. „Datenklau lohnt sich für Kriminelle überall, gerade wenn der Aufwand nicht groß ist“, sagt Andreano nüchtern. Man könne es bei allen Vorsichtsmaßnahmen schlichtweg nicht verhindern, dass man sich und dieses Wort zieht Andreano in die Länge, „iiiiiirgendwie“ mal was einfängt. „Wenn es dann mal passiert, muss man einen Weg haben, da rauszukommen.“