Kommentar: Erspart uns das Stadtjubiläum!

In der Diskussion zum Freiburger Stadtjubiläum fallen alle intellektuellen Hemmungen – stellvertretend in einer vielsagenden Debatte unter Kulturfreunden, die eher Ausgrenzung als Miteinander vermittelt.

Von Rudi Raschke

Was bisher geschah: Die Stadt Freiburg hat ihre Theater-Intendantin Barbara Mundel mit der Planung des 900-Jahre- Jubiläums im Jahr 2020 beauftragt. Mundel legt einen dünnen Konzept-Entwurf vor, dessen Umsetzung bis zu neun Millionen Euro kosten könnte. Daraufhin will das eine große Mehrheit im Gemeinderat nicht mehr und geht an die Presse. Der Umgang mit Barbara Mundel ist dabei von wenig menschlichem Geschick geprägt (netzwerk südbaden berichtete in der März-Ausgabe).

Allerdings setzt sich auch der bekannte Tross in Gang: kulturbeflissene Stadträte, Redakteurinnen, Verwalter, Macher und Dauerpodiumsgäste geraten in Bewegung und treffen sich auf Veranstaltungen, um sich der eigenen Notwendigkeit zu versichern. Mit der Begeisterung von Schülerzeitungsredakteuren organisieren sie den geistig unbewaffneten Widerstand, gegen alle Fakten. Zu erleben Ende März, an einem ansonsten herrlichen Frühlingsnachmittag, die Bühne ist ein Talk der Fraktionsgemeinschaft „Unabhängige Listen“ im Gewölbekeller des Freiburger Weinschlösschens, Titel: „Provinzposse“.
Und es gehen viele in den Keller, um sich dem Gute-Laune- Flair der Stadt an diesem Tag entschlossen zu verweigern.

Es treten auf: Ein Akademieleiter und ehemaliger Chefdramaturg der Intendantin, der der örtlichen Presse im Weißen- Haus-Stil „Fake News“ für eine tatsächlich kerzengerade und bis heute nicht widerlegte Berichterstattung vorwirft. Eine Kulturredakteurin der angesprochenen Tageszeitung, die den eigenen Kollegen das Recht auf kommunalpolitische Berichterstattung abspricht. Weil einige ihrer Behauptung nach „noch nie im Theater“ gewesen seien. (Sie selbst legt im Lauf der Debatte erschreckende Defizite an Rathausbesuchen und zu lokalen Entscheidungsprozessen offen. Das hindert sie nicht, fast den gesamten Gemeinderat und den OB – „lächerlich!“, „erbärmlich!“ – zu beschimpfen. Und ohne jegliche journalistische Distanz nach einem Bürgerentscheid zu schreien.)
Ein Solar-Architekt, der immerhin selbstständige Gedanken zu Ökologie, Kultur und städtischer Vermarktung entwickelt. In Nebenrollen: Ein emeritierter Linguistik- Professor, Vertreter der Arge Stadtbild, eine Bürgerin, die die Besetzung des Gemeinderats erfragen muss, seine Mitglieder aber kenntnisfrei ablehnt. Zwischendurch macht man sich über Sicherheitskonzepte in der kriminellsten Stadt Baden-Württembergs lustig und dass die Gemeinde Wildpinkler nicht gut findet. Für-sowas-habensie- Geld. Im Weinschlösschen entgleist der Sound einer Debatte unter vermeintlich gebildeten Bürgern.

Man hört das, was sonst im Verschwörungstheoretiker-Milieu gegen „die da oben“ entweicht: die überaus angebrachten, wenn auch pauschalen Einwände gegen Mundels neun-Millionen- Entwurf werden von der Redakteurin nicht „Kritik“, sondern ausschließlich „Denunziation“ genannt. Ein langjähriger Stadtrat, einer von den sieben Einladenden, spricht vom betreffenden BZ-Artikel als „Todesurteil“. Ein Kulturfunktionär erkundigt sich nach Sanktionen für die Gemeinderäte, die über das Thema mit der Badischen Zeitung gesprochen haben.

Im Gewölbe mieft es nach Ausgrenzung und Erdoganismus – nicht nach dem fröhlichen Miteinander, das angeblich alle hier im Saal im Schilde führen. Ständig fällt der Vorwurf, dass alle anderen sich „respektlos“ verhielten. Fragt sich, woher gerade dieser Teil des Freiburger Bildungsbürgertums die Forderung nach Umgangsformen ableitet. Das eigentliche 900-Jahre-Konzept, die eigene Position, sind von keinerlei kritischer Reflexion überschattet. Highlight-Forderung zweier böse verplemperter Stunden: „Hier braucht es Experten“. Auf diese Weise lassen sich andere Standpunkte immer als amateurhaft darstellen. Wen das Konzept (und aus dem Ruder geratene Debatten wie diese) nicht euphorisiert, der hat einfach nichts verstanden. Oder geht zu selten ins Theater. Alle paar Minuten erklingt die Binse „In welcher Stadt wollen wir leben?“. Gute Frage. Will man wirklich mit derlei kulturellem Geiferertum ein Stadtjubiläum planen? Mit Menschen aus dem Hochschulabsolventenmilieu feiern, die gesellschaftliche Grundpfeiler leugnen? In dem eine erfahrene Redakteurin eine gewählte Vertretung der Bürger (nichts anderes ist der Gemeinderat) als „postdemokratisch“ bezeichnet – ohne dass bei einem der sieben anwesenden Gewählten mal die Lampen angehen? Wer veranstaltet hier eigentlich eine „Provinzposse“? Gefangen im Phrasen-Bingo aus Möchtegernradikalität, Selbstherrlichkeit, Alleinvertretungsansprüchen: Ob man in so einem stadtgesellschaftlichen Klima eine Feier voller Zukunftsfragen auf die Beine stellen will, fragt niemand. Vielleicht sollte man das Großevent jetzt einfach still und in Würde beerdigen.

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