„Nicht schimpfen, sondern machen“

Start-up-Expertin Martina Knittel aus Freiburg über das Aufbrechen alter Stereotype in der Welt der Unternehmensgründungen. Sie gehört zum Team der Inhaber und ist Co-Geschäftsführerin des Grünhofs.

Ein Interview von Rudi Raschke

In der ehemaligen Freiburger Gaststätte, die zum Gründerzentrum und Co-Working-Arbeitsplatz wurde, ist sie verantwortlich für die Entwicklung und Finanzierung der Förder- und Eventformate und sorgt dafür, dass das Netzwerk zu Unternehmen, Initiativen und zur Stadt Freiburg wächst und gedeiht. Als Konzepterin und Moderatorin leitet sie viele Workshops rund um die Themen Ideen- und Geschäftsmodellentwicklung, strategisches Marketing und Innovationsförderung.

Wie schaut es in der Gründer-Szene im Grünhof und der umliegenden Start-up-Szene generell mit dem Frauenanteil aus?

Frauen sind in der Start-up Szene insgesamt und damit auch in Freiburg deutlich unterrepräsentiert. In den Gründerteams liegen wir bei den Bewerbungen für die Stipendienprogramme bei einem Frauenanteil von ca. 15%. Mehr Frauen haben wir bei den Freelancern, also bei Ein-Frau-Unternehmen in den verschiedenen Teilbranchen der Kreativwirtschaft. Die niedrige Quote hat meiner Meinung nach mehrere Gründe:
Zum einen scheinen Frauen, so wirkt es zumindest auf mich in Gesprächen, ein höheres finanzielles Sicherheitsbedürfnis zu haben. Da wir in Deutschland in der Seed-Phase, ausser im Hightech-Bereich, kaum sinnvolle Finanzierungsmöglichkeiten haben, ist eine Gründung mit hoher Unsicherheit, viel Risiko und oft mit sehr prekären Lebensumständen verbunden.
Einen zweiten Grund sehe ich in der recht einseitigen Förderlandschaft, die hauptsächlich hochskalierbare Technologiegründungen hervorbringt. Diese sind zwar wichtig, trotzdem gibt es ein riesiges Potenzial für Gründungen in anderen, weniger skalierbaren Feldern, die nicht gefördert werden, deshalb wird das Potenzial hier nicht gehoben. Oft sind das Bereiche wie Dienstleistungen, Sozialwirtschaft oder Design. Aber statt auch etwas bodenständigere Geschäftsideen zu finanzieren, werden in Deutschland viele Millionen in scheinbar hoch-skalierbare Geschäftsmodelle investiert. Gerade in letzter Zeit gab es im Umfeld von Rocket Internet schöne Beispiele dazu.
Der dritte Aspekt ist ein kultureller. Wir um-die-30-jährigen sind geprägt von einer Zeit, in der die Unternehmerfiguren einfach männlich waren. Das braucht ein bisschen Zeit – wird sich aber ändern.

Gibt es für Gründerinnen Erschwernisse, mit denen Sie nicht gerechnet hätten, als Sie an den Start gingen?
Ich glaube die Erschwernisse sind dieselben wie bei den männlichen Gründern: Existenz- und Versagensangst, Überforderung und eine hohe Arbeitsbelastung. Bei fast allen Gründungen ist die psychische Belastung die mit Abstand Bedeutsamste. Das habe ich als Gründerin auch selbst erlebt und kam in den letzten drei Jahren nicht nur einmal an meine Belastungsgrenze.
Ansonsten erlebe ich keine Diskriminierung von weiblichen Gründerinnen. Ein wichtiger Aspekt ist natürlich, dass die meisten Menschen in einer Lebensphase gründen, in der viele auch Eltern werden möchten. Gründerinnen machen sich darüber mehr Gedanken, weil die Erziehungsarbeit in der Realität immer noch zum Großteil von den Frauen übernommen wird.

Braucht es Ihrer Ansicht nach spezielle Erleichterungen für weibliche Gründer? Wenn ja welche?
Gerade gründen sich recht viele Frauennetzwerke, die vor allem das Ziel haben, Frauen zu ermutigen und über Marketingkampagnen weibliche Rollenvorbilder promoten. Gerade den Kulturaspekt kann man über solche Formate gut entwickeln. Auch bei mir liegt schon lange ein „Womanpreneurship“-Programm in der Schublade. Das musste aber erst mal liegen bleiben, weil ich selber erst Antworten finden musste, warum Frauen wirklich so wenig gründen und was dazu beitragen könnte, dass sich das ändert: Meiner Meinung nach sind das Rollenvorbilder, risikoärmere Frühphasenfinanzierung und eine breitere Förderlandschaft. In allen Bereichen setzen wir uns ein: Durch politische Einflussnahme auf Landes- und Bundesebene, durch die Entwicklung eines risikoarmes Frühphasenfonds und Engagement in Frauennetzwerken. In unserem Startup-Accelerator für die Green Economy, der ab Herbst an den Start gehen soll, haben wir uns eine Frauenquote von 40% gesetzt. Das wird ganz schön sportlich. Aber wir versuchen’s einfach mal. Dran scheitern kann man ja immer noch.

Entwickeln Männer Geschäftsmodelle anders als Frauen? Sie selbst geben an, „waghalsiger“ zu sein als die Kollegen. Wie waghalsig und mutig sind Gründerinnen allgemein, wie gut schaffen es ihre Ideen am Markt?
Ich erlebe Gründerinnen oft bescheidener als Gründer. Sie trauen sich oft nicht wirklich große Visionen zu entwickeln und diese auch so zu verkaufen. Oft planen Sie das Wachstum langsamer und organischer, die Finanzmodellierungen sind dadurch oft zurückhaltender und der berechnete Kapitalbedarf geringer. Das ist erst mal nicht problematisch aber manche Ideen brauchen einfach ein risikoreicheres Vorgehen um zu funktionieren.

Eine Internetplattform zum Beispiel braucht größere Marketingbudgets um Traffic zu generieren und damit Wirkung zu erzielen, eine Gastronomie einen richtigen und damit oft teureren Standort und eine größere Fläche. Durch ein risikovermeidendes Vorgehen kann es deshalb passieren, dass die Ideen auf dem Markt keine Chance haben oder in prekärer Situation „vor sich hindümpeln“.

Ist die IT-Szene, an der die Grünhof-Welt ja eng angedockt ist, immer noch ein Ort, an dem Frauen stark in der Minderheit sind, oder ist das ein Klischee?
Nein, das ist kein Klischee. Wir haben natürlich viele Designerinnen, Fotografinnen und Texterinnen, aber die Entwicklerszene ist männlich. Bei den regelmäßig stattfindenen Tech-Meetups sind von 50 Personen im Durchschnitt null bis zwei Frauen am Start. Deshalb haben Kathrin Mathis und Emma Seyfried vor zwei Jahren das Format „Women in Tech“ ins Leben gerufen, aber die weibliche Szene ist in Freiburg einfach sehr klein.

Welche Scherze über die Unterschiede von Gründerinnen und Gründern können Sie überhaupt nicht mehr hören?
Es sind keine Scherzem, die mich stören, sondern Sätze wie „Wir brauchen eine Frau, damit die Stimmung im Team gut ist“ oder „Eine Frau wäre gut, vielleicht fürs Marketing“. Diese Sätze zeigen unsere Sicht auf die geschlechterspezifischen Stärken von Frauen, die ich sehr eingeschränkt empfinde.

Ich zumindest kenne viele Frauen, die nicht nur nette Social Media Posts und eine schöne Teamatmosphäre schaffen können. Ich kenne exzellente Analystinnen, Controllerinnen und Verhandlungspartnerinnen, aber dies sind keine Rollen, die Frauen „typischerweise“ zugesprochen werden. Aber wie so vieles wird sich das ändern. Je mehr solcher Rollen Frauen besetzen, desto mehr verändert sich auch der Blick auf die Kompetenzen von Frauen. Auch hier gilt zumindest für mich persönlich: Nicht schimpfen, sondern machen und damit neue Realitäten schaffen.

Startup-Expertin Martina Knittel vom Freiburger Grünhof.

 

Weiterempfehlen
Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn