Nahverkehr: Starke Linie

Strasbourgs Straßenbahnnetz ist vorbildlich. Seit den 90er Jahren investiert man in den Streckenausbau und in ein beispielhaftes Tarifsystem. Mit der Tramlinie D können die Fahrgäste seit knapp zwei Jahren über den Rhein fahren – in 26 Sekunden vom französischen zum deutschen Ufer.

Von Anna-Lena Gröner

Umsteigen und einsteigen – in Strasbourg möchte man den Einwohnern und Besuchern der Eurometropole die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs so einfach und angenehm wie möglich gestalten. Mit Erfolg. Seit 1994 ist man in der Hauptstadt der Region Grand Est stetig mit dem Ausbau und der Weiterentwicklung des Straßenbahnnetzes beschäftigt.

Wenn sich auch eine Stadt wie Freiburg beim Ausbau ihres Streckennetzes nicht verstecken muss, kämpft man trotz attraktiven Linienverkehrs an den Shopping-Hoch-Wochenenden mit überfüllten Parkhäusern und innerstädtischem Parkplatzchaos. Wer die Menschen zum Umsteigen animieren möchte, der muss es attraktiv und simpel gestalten. Und hier können Stadt und VAG von Strasbourg und seiner Compagnie des Transports Strasbourgeois (CTS) vielleicht noch etwas lernen?

Statt die ÖPNV-Preise zum Dauerthema werden zu lassen, könnte man spicken, wie es der französische Nachbar löst. Mit fairen Preisen und cleveren „Park+Ride“ Angeboten fällt es den Strasbourgern leicht, das Auto von der Innenstadt fernzuhalten. Und das waren Anfang der 90er Jahre täglich immerhin 240.000. Statt kompliziertem Zonensystem gibt es einen Einheitstarif fürs gesamte Netz. Der Einzelfahrschein kostet 1,80 Euro für die ganze Eurometropole.

Mit einem P+R Fahrschein macht man den Umstieg vom Auto auf die Tram noch attraktiver. 4,10 Euro kostet das Ticket. Es ist Park-, Tram- und Busticket in einem, gilt im gesamten Netz für bis zu sieben Personen und 24 Stunden lang. Die CTS setzt gute Ideen erfolgreich und vor allem schnell um. Seit Juni 2018 wurden die Wegwerftickets vollständig durch wieder aufladbare Tickets ersetzt. Wer seinen Fahrschein mehrmals nutzt, tut damit nicht nur der Umwelt einen Gefallen, sondern fährt beim nächsten Aufladen sogar 10 Cent günstiger. Hier könnte eine Green City die Ohren spitzen.

Immerhin ist seit Januar der Weg für die Digitalisierungsoffensive der Freiburger VAG frei. Damit möchte man Fahrtinformationen, Tickets und Bezahlfunktionen erleichtern. Auch plant die VAG das lang geforderte Kurzstreckenticket ab August 2019 einzuführen. 1,50 Euro für maximal drei Stationen. Im Vergleich zu den Strasbourger Preisen eine Frechheit.

Fairerweise muss man aber auch berücksichtigen, dass es die Franzosen bei der Finanzierung ihrer Verkehrsprojekte leichter haben. In Frankreich müssen sich Unternehmen mit mehr als elf Beschäftigten im Rahmen der Verkehrssteuer (versement transport) an den Investitions- und Betriebskosten des ÖPNV beteiligen. Die Verkehrspolitik stellt einen wichtigen Bestandteil der Stadtentwicklung dar.

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Im Zwölf-Minuten-Takt fährt die Tramlinie D von Strasbourg nach Kehl. Foto: Alexander Dietrich

Die Verkehrssteuer wurde bereits 1975 im Rahmen des nationalen Verkehrsgeset- zes eingeführt. „Die Unternehmen zahlen dem französischen Staat zwei Prozent ihrer Lohnsumme und der Staat übergibt die Steuereinnahmen der Straßburger Verwaltung“, sagt Véronique Petitprez, Pressesprecherin des Verwaltungszentrums der Stadt und Eurometropole Strasbourg. Sechs Straßenbahnlinien und 32 Buslinien des CTS sind aktuell en route.

Die wohl spannendste Tramstrecke dürfte die Linie D sein. Sie ist die zweitälteste der Stadt und legt heute auf 12,6 Kilometern Länge 24 Stopps ein. Am 28. April 2017 war die Jungfernfahrt der grenzüberschreitenden Linie mit prominenten Fahrgästen. Zwar hatten Staatspräsident Macron und Kanzlerin Merkel abgesagt, dafür waren Bundesminister Peter Altmaier und Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer für die deutsche Seite mit an Bord.

Schäfer war beim Tram-Projekt über den Rhein stark involviert, das Regierungspräsidium Freiburg hatte den Planfeststellungsbeschluss erlassen und damit überhaupt erst das Baurecht geschaffen. „Mit der Tram überqueren Sie eine längst unsichtbar gewordene Grenze, ohne diese überhaupt zu bemerken“, sagt Schäfer. Seit dem 29. April 2017 ist die Linie D im alltäglichen Einsatz. Damals war auf deutscher Seite noch am Kehler Hauptbahnhof Endstation, seit Dezember 2018 fährt die Linie im Zwölf-Minuten-Takt bis zum Kehler Rathaus.

Den gedanklichen Startschuss zum grenzüberschreitenden Projekt gab es bereits 1999 als man auf beiden Seiten anfing, die Landesgartenschau 2004 zu planen. Der Entwurf des „Gartens der zwei Ufer“ und der Fußgängerbrücke Passerelle des deux Rives bildeten schließlich die Basis für den Ausbau der elsässischen Straßenbahn nach Kehl. Zehn Jahre und viele Verhandlungen über Tarife und Finanzierungen später wurde auf französischer Seite mit den Bauarbeiten der Straßenbahnbrücke begonnen.

Insgesamt 107 Millionen Euro kostete das grenzüberschreitende Gesamtprojekt. Die Kosten teilte man untereinander auf. Zudem wurde das Projekt mit Fördermitteln unterstützt, darunter neun Millionen vom Land Baden-Württemberg und 3,3 Millionen Euro aus dem EU-Förderprogramm Interreg. „Was das Streckennetz angeht, so hat jeder die Kosten auf seinem Territorium getragen. Die Tramzüge für das gesamte Netz gehören der CTS. Um den Kehler Streckenabschnitt bedienen zu können, musste sie einen zusätzlichen Zug kaufen, dessen Abschreibung finanzieren wir“, sagt Annette Lipowski, Leiterin der Stabsstelle Grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Kehl.

Die Tarifdiskussionen gestalteten sich als schwierig, da es auf französischer Seite keine Tarifverbünde gibt, diese in Baden-Württemberg jedoch Pflicht sind. Am 5. Dezember 2016 besiegelte man schließlich eine Vereinbarung zur Gültigkeit der verschiedenen Ticketvarianten beider Netze für die Tramlinie D. „Dadurch war es sinnlos und nicht mehr notwendig, sich auf komplexe Subventionen zu einigen“, sagt Petitprez.

Die Linie D kommt an. Im ersten Betriebsjahr gab es drei Millionen Einzelfahrten über die „Beautus Rhenanus“ Brücke (Benannt nach dem deutschen Humanisten und Philologen), ausgegangen war man von etwa 1,64 Millionen. „Aus unserer Sicht ist das sensationell. Es zeigt, dass die Tram eine Notwendigkeit ist“, sagt Lipowski. „Ein echtes Leuchtturmprojekt und ein Gewinn für alle“, nennt es Schäfer.

Wer jedoch in Kehl von der Linie D auf das Netz der Tarifverbund Ortenau GmbH (TGO) wechseln muss, dem wird die Freude gleich wieder etwas vergehen. Hier kostet das Ticket stolze 2,60 Euro und ist damit sogar um 30 Cent teurer als in Freiburg.