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  • Rhein 08/2020
  • Schwerpunkte

Renaturierung des Rheins: Zurück zur wilden Flußlandschaft?

  • 24. August 2020
Das Gemälde von Peter Birmann zeigt den Blick vom Isteiner Klotz bei Efringen-Kirchen rheinaufwärts gegen Basel um 1800. (Foto: Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler)
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Der Mensch hat den Oberrhein gravierend verändert. Um ihn wirtschaftlich zu nutzen, zwang man ihn in strenge Bahnen. Ein Forscherteam aus Freiburg und Straßburg ergründet den ursprünglichen Verlauf des Rheins – mit dem Ziel einer nachhaltigen Renaturierung. 

VON CHRISTINE WEIS  

Eine weit verzweigte Flusslandschaft mit Inseln, Wäldern und sehr vielen Wasserläufen von verschiedener Breite – das war der Rhein zwischen Basel und Karlsruhe vor seiner Begradigung im 19. Jahrhundert. Was sich heute romantisch anhört, war es für die damaligen Anrainer kaum: Überschwemmungen brachten Missernten. Stechmücken verbreiteten sich in den Sümpfen und übertrugen Infektionskrankheiten. Johann Tulla, Oberwasser- und Straßenbauingenieur von Baden, setze dem mit der Rheinbegradigung ein Ende: 16 Flussschlingen, sogenannte Mäander, wurden in der Zeit von 1817 bis 1876 durchgestochen. Dadurch verkürzte sich der Fluss von Basel bis Bingen um stattliche 82 Kilometer.   

Was hat‘s gebracht? Weniger Überflutungen, mehr Siedlungs- und Ackerflächen, weniger schwere Malaria- und Typhuserkrankungen. Und eine eindeutige Ländergrenze, denn bis dahin hatte sich der Fluss immer wieder kilometerweit verschoben. Die Rheinkorrektur begünstigte ebenfalls die spätere Schiffbarmachung ab 1907 und den Bau von Wasserkraftanlagen.

Ein derartiger massiver Eingriff in die Natur bleibt nicht ohne negative Folgen: Fließgeschwindigkeit und Tiefenerosion im Flussbett steigen. Auenwälder sterben. Die Artenvielfalt schwindet. Der Grundwasserspiegel sinkt. Johann Tulla hat es schon geahnt: „Wird aber der Rhein rectifiziert, so wird alles längs diesem Strom anders werden.“ Was Tulla noch nicht wusste: Seit den 1960er Jahren fließt zwischen Basel und Iffezheim das meiste Rheinwasser in den 180 Kilometer langen Seitenkanal Grand Canal d’Alsace. Durch dessen Abdichtung sank der Grundwasserspiegel nochmals weiter, was sich negativ auf die Vegetation auswirkt.

Mehr Abwasserrinne als Fluss

„Der Rhein hat in großen Strecken nichts mehr mit einem Fluss zu tun. Er gleicht einer großen Abwasserrinne, die für Schifffahrt und Energiegewinnung gebraucht wird“, sagt der Geologe Frank Preusser von der Uni Freiburg. Zusammen mit seinem Straßburger Kollegen Laurent Schmitt leitet er seit 2014 ein grenzüberschreitendes Oberrheinprojekt: Anhand von Karten und Bodenproben rekonstruieren sie den Verlauf des Rheins in den letzten 20.000 Jahren. Dabei geht es um Tektonik, Klima und den menschlichen Einfluss.

Am Verhalten der Ill, einem teilweise naturbelassenen Nebenfluss des Rheins, veranschaulichen sie, wie sich ein natürlicher Fluss entwickelt, wenn der Mensch nicht regulierend eingreift. Durch die Analyse von Fernerkundungsdaten wie Luftbildern und Satellitenfotos erkennt man, dass die Ill über die letzten Jahrzehnte eine stetige Veränderung von naturbelassenen Mäanderbögen zeigte. Diese bewegten sich in einem sehr begrenzten Raum, so dass es zu nur geringen Effekten auf die umliegenden landwirtschaftlichen Flächen kam.

Langfristig erarbeitet das Forscherteam eine Renaturierungs-Strategie, die nachhaltiger und umfassender ist als jene Projekte, die bereits bestehen. „Zwar gibt es etwa mit dem Naturschutzgebiet „Ile du Rohrschollen“ bei Straßburg, den Rheinauen bei Rastatt oder den zahlreichen Fischtreppen gute Ansätze, aber sie funktionieren nur partiell. Was fehlt, ist ein Gesamtkonzept“, sagt Preusser, der auch einen massiven Nutzungskonflikt zwischen Schifffahrt, Industrie, Landwirtschaft und Umweltschutz wahrnimmt.

Ein Flussmanagement für alle ist gefragt

„Wir haben uns ein System geschaffen, was viele Vorteile hat, weil wir von Rotterdam bis Basel mit Schiffen fahren und wir viel Strom produzieren können. Das System ist jedoch nicht nachhaltig und ausgeglichen, das verdeutlicht der Geologe an einigen Beispielen: Rheinabwärts werden bei Iffezheim hinter der Staustufe jährlich rund 170.000 Kubikmeter mittelgrober Kies als Geschiebe in den Rhein gekippt, damit er sich nicht tiefer eingräbt. Einen großen Teil davon holen die Bagger bei Mannheim wieder raus – und das seit den 1970er Jahren. Der Oberrhein wurde optimiert als Verkehrs- und Handelsstraße, dafür kriegen Anrainer am Mittel- und Niederrhein nasse Füße, wo es mehr Hochwasser gibt. Jetzt sollen Dammertüchtigung, Polderbau und gezielten Flutungen das verhindern.

Und da taucht schon das nächste Problem auf, denn trockene Auenbereiche brauchen regelmäßig Wasser, auch wenn der Pegelstand niedrig ist. Das alles schreit nach einem guten Flussmanagement, das alle Interessen, auch jene von Kormoran, Forelle und Weiden vertritt: Wissenschaftler aus Freiburg und Straßbourg arbeiten daran. Einen Weg zurück zum freifließenden Gewässer wird es nicht geben, dennoch „könnten wir den Fluss streckenweise wieder freigeben“, sagt Preusser.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe August 2020 unseres Printmagazins

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