Spirituosen: Vom Kapitänssitz zum Kaiserstuhl

Der gebürtige Kieler Martin Winter wechselte vom Berliner Verteidigungsministerium nach Burkheim, wo er heute Gin und Obstbrände destilliert. Die filmreife Geschichte eines Umsteigers.

Hat sich für das „Brandschatzen“ neu definiert: Martin Winter vorm Kessel. (Fotos: Alexander Dietrich)

Was Martin Winter in Burkheim macht, ist nicht minder spannend als der Grund, warum er es macht. Seine Marke „Winters Brandschätze“ verdankt sich ausgerechnet einem Staatsbesuch in Freiburg, noch dazu einem, der eher wenig für Genießer zu bieten schien: Angela Merkel trifft am 10. Dezember 2010 den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Konsultationen im Rathaus, die ganze Innenstadt abgesperrt, Roter Teppich und militärisches Zeremoniell auf der Münsterplatz-Südseite. Aber als Merkel und Ihr Gast sich von Erzbischof Robert Zollitsch das Münster zeigen lassen, entfernt sich Martin Winter für eine folgenreiche Pause vom Pulk.

Winter zieht es in die „Alte Wache“, das Haus der badischen Weine direkt am Münsterplatz, um sich eine Erinnerung mitzunehmen. Er weiß heute noch, dass es eine Flasche „No.5“ der WG Laufen und ein Rotwein von Fritz Waßmer waren. Fässer von Waßmer schmücken heute den Raum, in dem er brennt und Verkostungen anbietet.

Warum? Weil er damals bei der Bestellung in Kapitänsuniform kurz vor der ebenso sprachlosen Alixe Winter stand, der Chefin des Hauses, die ihm die Weine empfahl. Und weil sie ihm statt eines Rabatts in der Aufregung 20 Prozent Aufschlag berechnet hat, sich aber nach dem Wochenende per Mail ins Ministerium entschuldigt hat. Das Happy End: Winter hängte vier Jahre später seinen Dienst als Büroleiter des Generalinspekteurs an den Anker, kehrte auch nie mehr auf eine Fregatte zurück und beaufsichtigt heute neben einer stattlichen Brennanlage auch die sieben Jahre alte Tochter Pauline.

Von Ehefrau Alixe hat er nicht nur den Nachnamen angenommen, sondern auch Teile ihrer Experimentierfreude: Während  sie vor eisgekühlten wie hocherhitzten Weinmischgetränken und selbst vor Mischungen von Schaumwein mit Bierwürze nicht zurückschreckt, sind „Winters Brandschätze“ vor allem mit Blick auf die nautische Aufmachung und manche Zutat außergewöhnlich.

Seinen Gin, der 85 Prozent des Umsatzes ausmacht, füllt er als „Windstärke 12“ London Dry Gin ab (eine Kategorie, die Wert auf natürliche Zutaten legt) oder als „Blue Gin“. Die Farbe kommt von der Blaualge „Spirulina“. Winter, der einst bis zu 200 Mann an Bord kommandierte, sagt von sich, dass er eine „maritime Ader“ habe, was eher untertrieben ist. Sein Gin fällt innerhalb der hiesigen Bollenhut-Welt definitiv auf, es gibt eine Art Schatzkärtlein am Hals der Flasche, die entfernt an einen Leuchtturm erinnert, die Windrose eines Kompasses ziert das Logo.

Für seine eigene Neu-Navigation als Unternehmer waren neben einer Brennerei-Ausbildung zwei Stationen nicht unerheblich: Winter war als Vertriebschef beim Weingut Schwarzer Adler Franz Keller in Oberbergen tätig, ehe er bei Vollherbst Druck in Endingen auch Marketing und Gestaltung von Weinen und Spirituosen aus der ganzen Welt kennenlernte.

Anfang 2018 fiel dann die Entscheidung für eine neue Brennanlage, die alte stammte noch vom Schwiegervater. Und vor allem die Entscheidung für die eigene Marke, die nicht mehr als Hobby weiterzumachen war. Winter sagt: „Ich wurde zur  Entscheidung getrieben.“ Es war der Pfingsturlaub am spanischen Atlantik irgendwo zwischen Cadiz und Tarifa, wo Winter mit der Familie seine „maritime Seele pflegen“ wollte, wie er sagt. Und damit merkte, dass er diesen Job richtig machen wollte, mit Leib und Seele.

Wenn er statt aufs Meer auf den Vogtsburger Totenkopfturm blickt, schwärmt er vom Gefühl, mit Mitte 40 „nochmal was Neues zu machen“. Etwas, das nach all seinen Erfahrungen mit Führung und Planung das Handfeste feiert, das sofortige Ergebnis. Er spricht davon, dass er „seine neue Verankerung gefunden“ habe. Und seine Arbeit als Dienst an der wundervollen Landschaft sieht, wo der Großteil seiner Zutaten herstammt. Im Begriff der „Brandschätze“ verbindet er nicht nur den Mix von Destillat und Kostbarem, sondern (fern von Piraterie oder ähnlichem) auch die Idee des Fundstücks und der Verbindung unterschiedlicher Welten in einem eigenen Stil.

Dazu gehören Kaiserstühler Zwetschgen, die im Bourbon- Whisky-Fass gelagert sind. Gekauft an einer Stelle in Brooklyn, die Winter noch als Kapitän angesteuert hatte. Oder ein alter Weinhefebrand seines inzwischen verstorbenen Schwiegervaters, der in einem Brandy-Fass aus Jerez reift, nahe jener Gegend, wo auch Winters Entscheidung reifte. Und nicht zuletzt die Kirsche, die im frisch entleerten Rum-Fass aus Jamaika ihr Finish bekommt, das untrennbar mit der Begegnung beim Gipfeltreffen verbunden ist.

Was Winter als Unternehmer seither gelernt hat? Nicht mehr machen würde er, dass er sich zu umfänglich an einzelne Zulieferer bindet, dieses Problem erlebte er bei einem eigens abgestimmten Tonic zum „London Dry Gin“. Und dass im Verständnis von „selbst“ und „ständig“ nicht zwingend alles rund um die Uhr allein erledigt werden muss, er hat inzwischen Mitarbeiter für Tätigkeiten in der Landwirtschaft und im Vertrieb.

Die positiven Lerneffekte überwiegen: Winter sagt, dass es sich lohnt, ins Marketing zu investieren. Wer auf hohem Niveau nicht nur tolle Destillate brennen, sondern sie auch verkaufen will, solle sich ständig die alte Frage stellen: „Wie finden Dich Deine Kunden – und wie findest Du Deine Kunden?“ Er habe von Anfang an nicht mit einer selbst gemachten Word-Preisliste für Gin im mittleren Premiumpreisbereich um 35 Euro werben wollen.

Und nicht zuletzt brauche jedes Start-up ein klares Alleinstellungsmerkmal. Dass es authentisch sein müsse, versteht sich von selbst. Die Story von „Winters Brandschätzen“ ist ohnehin zu schön, um erfunden zu sein.

Text: Rudi Raschke