St. Georgen im Schwarzwald: Duale Stadtentwicklung

Regionale Ausnahme: Die Gemeinde St. Georgen zeigt in ihrem Ortsbild die Dramen der Schwarzwald-Industrie, aber auch ihre Errungenschaften zwischen Technologie und Kunst. Ein einheimischer Unternehmer will dafür sorgen, dass Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft überführt werden.

Von Rudi Raschke

Vielerorts stellt der Schwarzwald für uns als Einheimische fast nur noch eine Kulisse dar. Sei es am putzig vermarkteten Titisee oder im kitschseligen Triberg zwischen Wasserfall, Riesenkuckucksuhr und China-Restaurant: eine eingehendere Begegnung mit der wechselhaften Geschichte der Region ist dort schwer möglich.

Der Unternehmer Hansjörg Weisser hat sich in St. Georgen aber genau das zum Ziel gesetzt: Er vernetzt Handwerk, Technologie und Kultur auf eine Weise, die hierzulande ihresgleichen sucht. Weisser, Mitglied der Geschäftsführung eines 1856 gegründeten Werkzeugmaschinen- Unternehmens, betrachtet Kunst und Technik als zwei Seiten der selben Medaille. Gerade im Schwarzwald habe es immer auch kulturelle Entwicklungen gegeben, die die Industrie vorangetrieben haben. Und umgekehrt.

Das Technologiezentrum in St. Georgen im Schwarzwald. Foto: Alexander Dietrich

Wohl an wenigen Orten ist das so lebendig (und auch nicht nur pittoresk) zu betrachten wie in der Schwarzwald-Baar- Gemeinde. St. Georgen hat eine weithin sichtbare Historie aus Crashs und Konflikten hinter sich. Die vielzitierte Disruption, also das Aufkommen von Innovationen, die bestehende Technologien komplett verdrängen, ist hier im Stadtbild spürbar. Aber sie ist auch eine Chance. Für die Kunst wie für neue Technologien.

Um das sichtbar zu machen, hat der Unternehmer Weisser gemeinsam mit den Künstlern Sascha Brosamer und Lisa Schlenker bereits im Sommer einiges auf die Beine gestellt. Der in Paris ansässige Performance-Künstler Brosamer, gebürtig im Kinzigtal, hat einen überregional beachteten Akzent gesetzt:

Bei einem Symposium im Juli, das in St. Georgens Deutschem Phonomuseum abgehalten wurde, brachte er künstlerische Theorie und Praxis rund um die Schallplatte zusammen. Gäste aus Manchester, London, Paris und München referierten und lauschten, als das Symposium auf einer wunderbaren Wiesen- Landschaft in ein Performance-Festival überging. Eines, das in der Region seinesgleichen sucht.

Lisa Schlenker lieferte unter dem Titel „Global Forest“ den Bildende- Kunst-Überbau dazu, unter anderem mit Werken des St. Georgeners Forster Herchenbach, der in Berlin Furore macht. Brosamer versteht sich meisterlich darauf, Bezüge zwischen analog und digital herzustellen – indem er mit Schellack-Platten auf Grammophonen scratcht, erinnert er an die Phono-Tradition des Ortes, die für viele Menschen mit dem Ende des Plattenspieler- Herstellers Dual 1982 auch ein kollektives Trauma darstellt.

Dual beschäftigte in Spitzenzeiten rund 3000 Menschen, das Verschwinden des Unternehmens war für viele Familien in St. Georgen ein schmerzhafter Einschnitt. Die Vinylscheiben-Kultur stellt hier eben nicht nur retro-Seligkeit dar, der Jazz-Plattenfirma MPS (1968 bis 1983) aus dem Schwarzwald war ein ähnliches Drama beschieden. Aber es lohnt sich, dies künstlerisch aufzuarbeiten: Weisser verweist auf die Anfänge von Dual, das seine Produkte auch der Handwerks- und Uhrmachertradition vor Ort verdankt.

Brosamer erinnert mit der Grammophon- Thematik daran, dass Plattenspieler lange vor der Digitalisierung eine erste Vervielfältigung darstellten, die ein Konzert- Erlebnis an entlegene Orte brachte. Wie zur gleichen

St Georgen im Schwarzwald: Sascha Brosamer lebt in Paris und stammt aus dem Kinzigtal. In St. Georgen stellt er Kunst aus. Foto: Alexander Dietrich

Zeit übrigens auch die Aktivitäten des Pioniers Philip Haas, der schon im 19. Jahrhundert Schwarzwald-Uhren in England, Russland und den USA handelte.

Die Industrie“stämme“ St. Georgens sind teilweise noch heute präsent, Weisser führt sein Unternehmen in sechster Generation. Im Schwarzwald sei stets ein Unternehmensethos gepflegt worden, das der Region zugute kam, sagt er, allerdings seien viele Firmen auch oft in Isolation und mit Partikularinteressen geführt worden. Eine Vernetzung habe häufig nur stattgefunden, wenn es unumgänglich war, beispielsweise als in den 80er Jahren die Quarzarmbanduhr ihren weltweiten Siegeszug startete. Dass es am Standort allerdings durchaus Potenzial dafür gibt, eine Drehscheibe für allerlei technologische und künstlerische Entwicklungen zu bieten, belegt nicht nur das neue Technologiezentrum in der Ortsmitte, wo Startups und ein Cloud- Unternehmen moderne IT erforschen. Es zeigt sich auch in der Tradition der Industriellenfamilie Grässlin, die eine der namhaftesten Kunstsammlungen der Republik beherbergt: Vater Grässlin war vom deutschen Informel der 60er Jahre fasziniert, seine Kinder setzten das Sammeln mit Namen aus dem Umfeld der „Jungen Wilden“ wie Martin Kippenberger und Albert Oehlen fort.

Das Technologiezentrum in St. Georgen im Schwarzwald. Foto: Alexander Dietrich

Für Kippenberger war in St.Georgen nicht nur die Nähe zu seinem damals in Stuttgart beheimateten Galeristen Max Hetzler maßgeblich. Er verschaffte sich im Schwarzwald-Atelier auch lange vor der omnipräsenten Wellness das eine oder andere kreative Detox-Erlebnis abseits der Großstadt. Heute sind seine Werke nicht nur in der Sammlung, sondern auch in den Schaufenstern still gelegter Einzelhandelsorte zu sehen, den „Räumen für Kunst“. In seinem einstigen Teilzeit-Atelier stellt Brosamer heute den Bezug zur Popkultur her, von der sich Kippenberger auch an Punk-Urorten wie dem Düsseldorfer „Ratinger Hof“ inspirieren ließ.

„Bollenhut und Avantgarde“ ist ein kunsthistorischer Beitrag auf der Website der Sammlung Grässlin über das Wirken der Mäzenaten-Familie betitelt. Er erklärt, warum bisweilen auch der Argwohn gegenüber dem Fremden für viele der Grund war, den Standort in Süddeutschland erst gar nicht zu verlassen.

Das Technologiezentrum in St. Gorgen im Schwarzwald Foto: Alexander Dietrich

Und kommt zum Fazit, am Ende sei „die Askese Gewinn und die Schwarzwäder Langsamkeit Triumph“ gewesen. Hansjörg Weisser ist noch dabei, alle diese Fäden in seiner Heimatstadt zu vernetzen. Ein erster Zwischenschritt war nicht nur das feine Festival im Juli, sondern auch die Verankerung der besonderen kulturellen Identität im „Stadtentwicklungskonzept 2030“. Zwischen Schellackplatte, Kippenberger und Hochtechnologie lassen sich Kultur und Industrie in St. Georgen wie in einer Zeitmaschine besichtigen. Ein Pfund, mit dem die 13.000-Einwohner- Stadt gegenüber anderen Schwarzwald- Gemeinden durchaus wuchern kann: Weisser bringt den Ansatz mit „Gemeinwohl statt Hinterwäldlerei“ auf den Punkt.