Die Frage, wie krisensicher es um die Gesundheitsbranche der Region bestellt ist? Sie lässt sich am ehesten mit der Betrachtung ihrer Vielfalt und Entwicklungsfähigkeit beantworten, wie sie diese Ausgabe vornimmt. Aber auch mit dem Verweis auf ihre Standortpolitik. Ein Besuch an zwei Schauplätzen.
VON RUDI RASCHKE UND DANIEL RUDA
Freiburg
Die Weiterentwicklung der Regio als Standort für die Gesundheitswirtschaft wird an vielen Orten diskutiert: Sie war Thema bei der IHK-Studie, die im Februar mit der Prognos AG für den südlichen Oberrhein präsentiert wurde (Überschrift eines Kapitels: „Was passiert, wenn nichts passiert?“). Sie ist auch Gegenstand der etwas in die Jahre gekommenen „Health Region Freiburg“, der es zuletzt an Sichtbarkeit fehlte. Und die beispielsweise in Ihrem Partnernetzwerk sehr stark auf Gesundheitstourismus zulasten von Medizintechnik setzt.
Es ist zum einen Teil die Sichtbarkeit, zum anderen aber auch die Zielsetzung und die Sortierung in Branchen und Regionen, die das Ganze für Außenstehende schwer greifbar macht. Wenn man sich etwas für die Region mit ihren rund 200 Unternehmen zwischen Offenburg und Lörrach wünschen dürfte: es wäre ein Buch oder eine digitale Variante, in denen sämtliche Gesundheitsunternehmen im Regierungsbezirk standort- und branchenübergreifend gelistet sind, ein Einblick, der für die Ansiedlung von Unternehmen wie für Fachkräfte spannend sein könnte.
Stattdessen dominiert vielerorts das Cluster-Denken – es ist nicht einfach, hinter die ganzen Labels wie „BioTech“, „BioRegio“ und „BioValley“ zu blicken. Manches was die Freiburg Wirtschaft Touristik Messe FWTM einst eingerichtet hat, wirkt heute auch ein wenig wie eine Fassade, hinter der länger nicht mehr aufgeräumt wurde. Hanna Böhme, seit 2018 die Chefin der FWTM, weiß um die historische Kleinteiligkeit des Markts, es gebe „viele Spieler, jeder will etwas bewegen“.
Hidden-Champions statt Großkonzerne
Zur Region gehöre dazu, dass ein 360-Grad-Blick nicht immer möglich ist, weil er an Landesgrenzen stößt. Und dass sich Freiburg traditionell ein wenig strecken muss, um Besuch von nicht ganz um die Ecke gelegenen Ministerien in Berlin oder Stuttgart zu bekommen. Eine Visite wie die der Wirtschaftsministerin kürzlich beim Freiburger Corona-Testentwickler Hahn-Schickard ist eher Ausnahme als Regel. Und auch wenn Risikokapital für Medizin-Start-ups hierzulande nicht annähernd so gestreut wird wie im Silicon Valley, lohne es sich immer, etwas von den Besten der Welt abzuschauen.
Andernorts gibt es da bessere Voraussetzungen, sagt Böhme. Aber auch im Raum Freiburg seien schon etliche Bio-Med-Start-ups, viele davon im BioTechPark, bei der Gründung begleitet worden. Gute Grundlage hierfür ist die enge Verzahnung mit der Forschung, die einen ansprechenden Nährboden für erfolgreiche Ausgründungen darstellt. Dass die Region um Freiburg und den Schwarzwald traditionell ein guter Schauplatz für Tüftler, Schaffer und Hidden Champions statt Großkonzernen ist, hat die Prognos AG der IHK attestiert.
Böhme sagt, dass der im Kerzenschein feinmechanisch arbeitende Schwarzwälder zwar ein arg romantisierendes Bild sei, die dazugehörige Historie aber durchaus das innovative Branchenumfeld geschaffen habe, wie wir es heute vorfinden. So wie auch die Solarszene hier einen unverwechselbaren Gründungsmythos habe, den AKW-Protest der 70er Jahre.
„Auf lange Sicht“ hält sie die Medizinunternehmen für krisensicher, auch wenn es hierzulande noch Nachholbedarf gebe, zum Beispiel bei den Infrastruktur-Voraussetzungen für eine Digitalisierung der Medizin. Gesundheitsunternehmen stünden traditionell für zukunftsorientierte Ansiedlungen, die jede Gemeinde hier gern nimmt. Und nicht zuletzt brauche es für das Ganze eben auch den Spirit und eine gute Beziehungspflege für die Region.
Dass manchmal einzelne Akteure ein Glücksfall für den Standort sein können, zeige das Beispiel von Pfizer und seinem Innovations- Netzwerker Peter Neske. Er sorge für das Werk Freiburg sowohl gegenüber der Berliner Zentrale als auch in Richtung Stadtgesellschaft für die optimale Anbindung. Auch so kann jeder zur Sichtbarkeit des Standorts beitragen.
Tuttlingen
Rund 90 Kilometer von Freiburg entfernt liegt Tuttlingen. Hier boomt die Medizintechnik so richtig, über 300 Unternehmen produzieren und forschen rund um die Stadt herum. Vom Silicon Valley der Medizintechnikbranche ist auch immer wieder die Rede, wenn es um die Region geht: Im weltweiten Vergleich zählt Tuttlingen zur Spitze in der Medizintechnik. Dass sich hier Innovation derart tummelt, liegt vor allem an der Tradition.
Schon im 19. Jahrhundert war Tuttlingen für die Herstellung und den Handel mit medizintechnischen Produkten bekannt. Im Jahr 1867 zum Beispiel hat ein Mann namens Gottfried Jetter in seiner Werkstatt damit angefangen, chirurgische Instrumente herzustellen. Das macht die von ihm gegründete Firma noch immer. Aesculap beschäftigt heute mehr als 3600 Angestellte. Das Portfolio ist ellenlang, die Innovationskraft riesig. Umsatz im vergangenen Jahr fast zwei Milliarden Euro.
Auch der Name Karl Storz ist ein globaler Player aus Tuttlingen und führender Hersteller in der Endoskopie. 3000 Mitarbeiter zählt der Stammsitz, der Konzernumsatz liegt bei 1,9 Milliarden Euro. Noch fünf weitere Weltmarktführer haben ihren Stammsitz hier. Aus den Traditionshäusern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten auch zahlreiche Spin-Offs gebildet.
Für etwa 12.000 Arbeitsplätze sorgt die Branche in der 37.000-Einwohner-Stadt, die meisten davon sind Einpendler. „In dieser Region ist die Branche organisch gewachsen“, sagt Yvonne Glienke. Sie ist Geschäftsführerin der Medical Mountains (MM), die Cluster-Initiative vernetzt Unternehmen untereinander und agiert als Sprachrohr für mehr als 250 Mitglieder. Fast 90 Prozent davon sind innovative Mittelständler und Kleinunternehmen.
„Sie befruchten sich hier gegenseitig“
Neben Herstellern gehören auch Zulieferer und Forschungsinstitute dazu. In Tuttlingen wird nicht nur das Hightech-Gerät oder Implantat hergestellt, sondern eben auch das Pflaster und die einfache OP-Schere. Der Cluster-Gedanke ist dabei weit verbreitet. Viele Unternehmen stehen vor Ort in Zuliefererverhältnissen zueinander oder arbeiten immer mehr in Projekten und Kooperationen zusammen.
„Sie befruchten sich hier gegenseitig“, sagt Yvonne Glienke. Die Stadtverwaltung tut viel dafür, den Standort weiter auszubauen. Vor zehn Jahren gelang es, einen Hochschulcampus in die Stadt zu bringen – als Außenstelle der FH Furtwangen. Der ist „powered by Industry“, in die Konzeption der technischen Studiengänge für die rund 800 Studenten sind die großen Unternehmen vor Ort direkt eingebunden.
Die meisten finden anschließend Jobs vor Ort. „Davon profitieren alle“, sagt der städtische Wirtschaftsförderer Simon Gröger. Ende des Jahres sollen die Bauarbeiten für den Gewerbepark DonauTech beginnen. Ein „Premium-Gewerbegebiet, wo sich ausschließlich Unternehmen aus Medizintechnik und Biotechnologie ansiedeln und untereinander verknüpfen sollen“, sagt Gröger.
Nach Jahrzehnten ist es der Stadt gelungen, alleiniger Besitzer der 17 Hektar Fläche für 24 Grundstücke zu werden. Eine weitere Stütze in der Ansiedlungspolitik der Stadt ist das Innovations-Forschungszentrum, in dem Start-ups ein erstes Zuhause bekommen. Auch die elf Mitarbeiter der Medical Mountains sitzen dort. Zukünftig soll dort auch Expertise versammelt werden, was die neue Medizinprodukteverordnung der EU angeht.
Die größte Hürde heißt derzeit aber Corona. Die Pandemie bremst große Sparten der sonst so erfolgreichen Medizintechnik und verwandten Branchen immer stärker aus, was in Tuttlingen spürbar ist. In Kliniken wurden wegen Covid-19 weltweit alle nicht akut notwendigen Operationen verschoben. „Dadurch braucht es weniger chirurgische Instrumente und kein sonstiges Material, und deshalb fehlen aktuell die Aufträge“, sagt Yvonne Glienke.
Mehr als 60 Prozent der Unternehmen spüren das enorm, ergab eine Ende April veröffentlichte Umfrage, die MM gemeinsam mit dem Industrieverband Spectaris durchführte. Auch in den Lieferketten mache sich die Pandemie bemerkbar. „Von wirtschaftlichen Folgen bleibt die Branche keineswegs verschont“, betont Glienke. Sollte die Situation länger dauern, werde es für viele vor allem kleine und mittelständische Unternehmen sehr kritisch.