Medizintechnik: Das gesunde Sitzen neu erfunden

Hanns-Peter Cohn war CEO von Leica und Vitra. Als eine Enkelin des Gründers, Nora Fehlbaum, die Vitra-Spitze übernahm, hätte er sich ganz zur Ruhe setzen können. Stattdessen hat er ein medizinisches Start-up gegründet. Ein langgedienter Manager als Einsteiger? Warum sich Perfektion und Empathie auch im Ein-Mann-Betrieb auszahlt.

Stabiler denn je: Statt in die Rente ging Hanns-Peter Cohn ans Gründen. (Foto: Alexander Dietrich)

Was treibt Hanns-Peter Cohn an? Bevor er über Acticore spricht, sein neues Projekt, charakterisiert er sich selbst, als würde er sich aus der nebenan-Perspektive betrachten: Dass er einer jener Menschen ist, die auf dem Rennrad am Berg gnadenlos mit sich selbst sind. Und dass er sich von einem Coach beim Krafttraining quälen lässt. Weil er das aber durchaus mit Selbstironie und Distanz vorträgt, bekommt das Gegenüber nicht das Gefühl eines Verbissenen. Aber von einem Mann mit einer Mission. Als Motto nennt er „what you don‘t use – you lose“. Was Du nicht nutzt, verlierst Du.

In diesem Geist hat er ein medizinisches Fitness-Gerät entwickelt für ein Körperteil, das überdies eher als Tabuthema gehandelt wird: den Beckenboden. Cohn hat keine Scheu darüber zu sprechen, was passiert, wenn wir ihn nicht trainieren, er sagt, dass man sich nur in heutigen Drogeriemärkten umschauen müsse, wo die Regalmeter für Erwachsenenwindeln immer größer werden und ein Milliarden-Markt entstanden sei. Ihn selbst beschäftigte eine Prostata-Operation vor zehn Jahren und danach die Frage „Wie wird das trainiert?“ Die Antwort zeigte das Dilemma, Cohns Erkenntnis war: „Wir müssen was erfinden“.

Wie er es erfunden hat, zeigte die ganze Erfahrung eines Managers, der stets gewohnt war, mit den richtigen Spezialisten die Perfektion anzustreben. Cohn hatte sich zuvor Zeit genommen, das Thema ganzheitlich zu analysieren, Pro und Contras abzuklopfen. Und er stellte fest, dass es nicht einmal einen interdisziplinären Ansatz zwischen Gynäkologen, Urologen und Gastroenterologen, aber auch Orthopäden gab.

30 Monate nach seinem Abschied bei Vitra präsentierte er schließlich eine edle Sitzfläche aus Kunststoff, die über Bluetooth- Verbindung an eine App angebunden ist. In die Idee eingeflossen sind Cohns Erkenntnisse in zeitgemäßen Fitnessstudios, wo selbstverständlich die Muskelkraft im Rücken gemessen wird, ehe das Trainingprogramm steht. Er wollte auch beim Beckenboden, jenem Skelett-Muskel zwischen Sitz- und Schambein, eine Trainingsmöglichkeit anbieten, die „Feedback für den Körper“ gibt. Und die Digitalisierung sollte auch hier eine Rolle spielen, aber auch Cohns sportlicher Siegeswillen: Herausgekommen ist ein Anreiz, mittels An- und Entspannen eine Art Videospiel zu bestehen – er spricht vom „Exergaming“ (Unterrichten und Spielen) und der „Playstation für den Beckenboden“.

Interdisziplinär hat er Spieleentwickler, Ärzte, Physiotherapeuten, Biomechaniker und Medizintechniker zusammengebracht, im Ergebnis regen elf Levels und drei Spielarten dazu an, den Beckenboden täglich sechs bis acht Minuten zu trainieren. Am Ende hat der Produktdesigner Peter Thiel aus Basel, der bereits für Lamy, Adidas und HansGrohe schöne Gegenstände gestaltet hat, die Gestaltung von Acticore übernommen. Sogar aus biokompatiblem Kunststoff ist es.

Schön gesataltet und mit spielerischem Spaß, aber ernstem Hintergrund: Cohns Erfindung „Acticore“. (Foto: ZVG)

Cohn sagt, dass er nach dem „AIDA“-Prinzip vorgeht, ein Marketing- Thema, das für die englischen Begriffe „Attention, Interest, Desire, Action“ steht und einen Ablauf vom Interessewecken bis zum Handeln vorsieht. Dafür nutzt er auch die Aufmerksamkeit von Influencern, beispielsweise Bloggerinnen, die Acticore nach der Geburt getestet haben, wo sich naturgemäß Probleme für den Beckenboden ergeben. Nicht nur die Verwendung des Fitnessgeräts ist datengetrieben, auch das Marketing und der Vertrieb. Das Ziel ist es, nach der Verbreitung im deutschsprachigen Raum kommendes Jahr dieBenelux-Länder anzugehen, ab 2021 dann die englischsprachigen.

Ein heute 71 Jahre alter Unternehmer, der sich von der Arbeit mit schönen Sitzflächen bei Vitra noch einmal den medizinischen Aspekten des Sitzens zuwendet, das ist nur die eine Story, die Hanns-Peter Cohn mit Acticore geschrieben hat. Er selbst sieht sich als Businessangel, der eine Idee verwirklicht hat. Nach 500 verkauften Exemparen will er jetzt das Wachstum beschleunigen. Das Risiko, Geld zu verlieren, das er eingegangen ist, auch dass er Partner begeistern musste, wird für ihn bei weitem wettgemacht durch das Kennenlernen von etwas ganz Neuem. Wenn er von seinem „What you lose….“-Motto spricht, dann meint er damit auch, dass er mit Acticore neben der muskulären auch die geistige Kraft aufrecht erhalten hat.

Text: Rudi Raschke