Er kommt also doch

In greifbarer Nähe: Im Juni 2017 beginnt der Rohbau des Smart Green Tower am Güterbahnhof in Freiburg.
Ein Modell für die Zukunft und ein Bauwerk für den Alltag?

Von Katharina Müller

Es war lange Zeit still geworden um ein Projekt, das vor rund drei Jahren angekündigt wurde: Der Smart Green Tower ist in Freiburg derzeit nicht Jedermann ein Begriff, bis vor einigen Monaten noch bezweifelten Insider aus der Immobilienszene sogar überhaupt sein Kommen. Nun aber nennt das Architektenbüro Frey einen neuen Termin: Im Juni soll der Rohbau für den Smart Green Tower beginnen und 2019 soll er fertig gestellt sein. Eine Information, die ohne großes Tamtam, auf die Anfrage von netzwerk südbaden hin gegeben wurde. Fast untypisch, denn sonst nutzt Wolfgang Frey die Gelegenheiten, um sich medial zu inszenieren und Aufmerksamkeit zu erlangen. Das jedenfalls schrieb die Süddeutsche Zeitung im November letzten Jahres, nachdem Frey auf der Bühne Geldscheine verbrannt haben soll. Doch die Termine für Spatenstich und Richtfesttermine stehen ja noch immer nicht fest, es gibt also noch Potenzial für einen Clou geschickter Performance.

Auch auf die Frage, warum man seit der Bekanntgabe des Vorhabens vor drei Jahren nichts mehr hörte, gibt es Antworten: Ein solches Projekt brauche Zeit, es sei äußerst komplex, mit viel Technik, die entsprechend Entwicklungszeit und Abstimmungsprozesse benötige. Folglich darf man gespannt sein, ob der neue Termin dieser Komplexität an Technik standhält.

Auf den ersten Blick wirkt das Projekt verheißungsvoll, ein bisschen abgefahren, aber auch zukunftsträchtig. Ein „Leuchtturmprojekt“ eben, zu dem aber die Stadt selbst, obwohl sie es auf ihrer eigenen Homepage anpreist, kein Statement abgeben kann. Und das, obwohl der Smart Green Tower als Leuchtturmprojekt Teil des Antrags der Stadt Freiburg für die Teilnahme am Horizon 2020 sein soll, ein milliardenschweres Förderprogramm der EUKommission. In diesem Rahmen sollen unter Koordinierung der Stadt Freiburg internationale Partner aus Industrie, Forschung und Politik am Projekt „smartFAB“ teilnehmen, dabei gehöre Frey Architekten mit dem Leuchtturm- und Präferenzobjekt Smart Green Tower zu den ausgesuchten Partnern.

Scrollt man die Liste auf der Homepage des Architektenbüros mit Berichten herunter, ist man beeindruckt von Artikeln der internationalen (Fach-) Presse und von den Nominierungen für Awards und auch von anderen Großprojekten des Architekten wie in Heidelberg. Viel professionelles Marketing, oder wirklich gute und realisierbare Ideen? Die gelisteten Partner für den Green Tower jedenfalls sind namhaft, allerdings ist etwa das beteiligte Fraunhofer- Institut zurückhaltend mit Auskünften. Eine Berichterstattung sei zu früh, das Projekt sei bei einem führenden Projektträger Deutschlands eingereicht, die Gelder aber noch nicht offiziell bewilligt.

Na gut, bis Juni ist ja auch noch Zeit. Beeindruckend jedenfalls ist das Gebäude auf den Bildern, mit einer Fassade aus Glas und Photovoltaik-Modulen, mit Hochleistungszellen und Pflanzen. Das macht den Turm aber noch nicht zu jenem innovativen Bauwerk, das als „Leuchtturmprojekt“ angepriesen wird. Das Innovative daran sei, dass die eigens erzeugte Energie sich in riesigen Akkus speichern lässt. Das intelligente Energiesystem in dem 51 Meter hohen Tower sorge für einen Ausgleich und vermeide Überlastungen. Revolutionär soll dieses neuartige Energiesystem sein, das die umliegenden Bauten bei der Stromerzeugung und Rückgabe ausgleichend miteinbeziehen kann.

Solch ein Projekt könnte für Freiburg passend sein. Die Stadt hat ihre klare Identität, was sich nicht nur im Stadtmarketing zeigt: Das grüne Image wird von den Bewohnern gelebt und gepflegt, die sozialgesellschaftlichen Aspekte haben bei jedem Thema einen hohen Stellenwert.

Natürlich, so erklärt der Architekt Wolfang Frey, müssen derart markante Gebäude auch zu ihrer Umgebung, zu der Region und zu den Menschen passen. Der Turm soll daher nicht nur nachhaltig, sondern auch integrativ konzipiert werden. Und, was heutzutage nicht fehlen darf: Er soll gesellschaftlich akzeptiert sein, wenn er das neue Aushängeschild von Freiburg als Green City werden soll. Ist es also möglich, dass dieser Tower dem Stadtteil Vauban, Freiburgs vielbeachtetem Vorzeige-Stadtteil, mit seinen Öko-Standards und sozialem Konzept, tatsächlich den Rang ablaufen könnte?

Auf der Homepage wird der Turm als selbständiger „Energiemanager“ bezeichnet, eine Metapher wie sie üblich ist, wenn über komplexe Technik gesprochen wird, welche die Allgemeinheit nicht verstehen kann. Zum Glück gibt es Bilder. Diese muten futuristisch, fast wie Science-Fiction an, auch aufgrund der Ästhetik der Renderings, den am Computer erstellten Grafiken, welche die Realität abbilden sollen, bevor sie tatsächlich existent ist. Sie zeigen einen Turm mit Fotovoltaik-Modulen verkleidet und mit Speicherbatterien ausgestattet, die in der Dunkelheit zu blinken scheinen. Mit den Seitenflügeln bildet er einen Komplex, der sich auf 5.300 Quadratmetern erstrecken soll. Darin soll gewohnt und gearbeitet werden und dort soll Lebensqualität entstehen. Geplant sind auf 12.000 Quadratmetern 5.800 Quadratmeter Gewerbeflächen, 3.500 Quadratmeter Wohnungen und 2.700 Quadratmeter Boardinghouses was so viel bedeutet wie mietfähige Wohneinheiten auf kurze Zeit. Zwar kein Hotel, aber noch mehr Zimmer für Freiburg? Das Investitionsvolumen beläuft sich nach derzeitigen Angaben auf 50 Millionen Euro, Bauherr und Investor ist die Frey Gruppe mit ihren einzelnen Gesellschaften.

Fotos: Frey Architekten

Auch ein Gewächshaus soll es geben mit Nutzpflanzen, einem geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislauf für die Aufzucht von Fischen und Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap, die das Ganze überwachen. Spätestens jetzt fragt man sich, ob das wirklich funktionieren kann, denn bisher schienen das Utopien aus Filmen zu sein, welche das urbane Leben im Jahr 2070 zeigen. Auf die Nachfrage im Architektenbüro, wie die Umsetzung denn genau funktionieren soll, ob die Menschen mit Handicap denn dort auch wohnen werden, wird vage geantwortet. Die Technik bietet mehr Fakten: Es ist ein „geschlossener Wasser- und Nährstoffkreislauf, wofür die Abwärme der Speicherbatterien genutzt wird, womit wiederum ein Wasserbecken in einem Gewächshaus mit Nutzpflanzen aufgeheizt werden kann. Wer sich um die „Nutzpflanzen“ kümmert und ob diese vielleicht auch geerntet werden, oder nur ein Nebenschauplatz der Technik sind, um zu zeigen, was möglich ist, bleibt offen. Mehr Modellcharakter und Leistungsschau als Alltagsrealität? Ein bisschen Skepsis ist verständlich: Ein großformatiges Gebäude mit nachhaltiger Technologie und ein prächtiger Bau, der noch dazu sozialverträglich sein soll? Wolfang Frey sagt: „Der wirkliche Grund zu bauen ist, Lebensräume für Menschen zu schaffen.“ Ein Leitsatz, der leider allzu oft bei großen Projekten hinter unterschiedlichen Interessen und Anforderungen der jeweiligen Akteure zurückbleibt.

In einem Video zum Smart Green Tower erklärt er dann auch, dass Technologie manchmal sehr kompliziert sei, was die Menschen davon abhalten kann, sie richtig einzusetzen. Aus diesem Grund treffen sich seit Jahren Arbeitsgruppen, ein Konsortium unterschiedlicher Experten, für einen Wissensaustausch und Kooperationen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, um neue Technologien in dieses Bauwerk zu implementieren und zugleich eine Identifikation durch die heterogen geplante Bewohnerschaft zu erreichen.

Diesen Anspruch zu verfolgen ist wohl weise, denn in der Geschichte gibt es einige solcher Projekte. Manche wurden nie realisiert, oder sie scheiterten, weil sie technisch nicht umsetzbar waren oder von der Bevölkerung nicht angenommen wurden.

Angepriesen wurden aber viele als Vision, als modern und revolutionär und mit dem Ziel, Probleme in der Gesellschaft zu lösen. Ein gescheitertes Projekt beispielsweise ist Aramis, das U-Bahn-Projekt Ende der 60er Jahre für den Süden von Paris, das bereits während der Planungsphase eine halbe Milliarde Francs verschluckt hatte. Ambitioniert war es gedacht und entworfen worden, von verschiedenen Akteuren mit jeweils unterschiedlichen Interessen.

Der französische Techniksoziologe und Intellektuelle Bruno Latour war anschließend beauftragt worden, die Ursachen dafür in einer ausführlichen Studie darzulegen. 1998 trug er die Ergebnisse auf einem Ingenieurkongress der Friedrich-Ebert- Stiftung in Köln vor. Bruno Latour sagte damals: „Wir erwarten von Technik, dass sie widersprüchlichen Anforderungen gerecht wird und Konflikte der Gesellschaft löst“, es reiche nicht allein aus, Innovationen zu schaffen, man dürfe Technik nicht sich selbst überlassen, sondern müsse sie in die Gesellschaft tragen und integrieren. Das Problem damals war, dass die neuen U-Bahn Waggons eine Kreuzung zwischen Auto und öffentlichem Verkehrsmittel waren und den Testpersonen missfiel. Das führte dazu, dass sie diese neue technische Innovation nicht nutzten. Zentral, so Latour, sei folglich, die Benutzer mit einzubeziehen, um sie zu begeistern. „Technologie ist nicht (bzw. nicht immer) deshalb kompliziert, weil Ingenieure Komplikationen lieben, sondern aufgrund der Anforderung an Technik, die Widersprüche ihres Umfelds zu integrieren“ und die Vorstellungen der beteiligten Projektleiter mit denen der anderen in Übereinstimmung zu bringen.

Ist der Green Tower also ein solches Gebäude, das der Bevölkerung, den Bewohnern, den Nutzern und Projektleitern, also allen unterschiedlichen Anforderungen der beteiligten Akteure dient? Und nicht nur dem Konsortium von Beteiligten und Experten von Siemens, dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, und lokalen Partnern wie dem Batteriehersteller ads-tec GmbH, der SI Module GmbH mit Sitz in Freiburg und dem Ingenieursbüro BWP GmbH aus München, dem Energieversorger badenova und Vertretern der Freiburger Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM), sondern ebenso der städtischen Bevölkerung, die in einigen Jahren stolz darauf sein könnte wie heute auf das Vauban?

Die pro scholare GmbH, eine eigens gegründete genossenschaftsorientierte Vermietungsgesellschaft, soll sich jedenfalls um die Vermietung und Sozialmoderation im Green Tower kümmern, die soziale Durchmischung der Bewohnerstruktur steuern und faire Mietpreise anbieten. Das Ziel sei, mit dem Neubau auch Identifikationsmöglichkeiten für die Bewohner der Stadt zu schaffen, sodass sie aus Überzeugung sagen, ‚meins!’, so Frey.

Man darf gespannt sein, wie dieses Projekt letztlich umgesetzt wird und ob es mit seinem Konzept erfolgreich ist. Nicht weil es zeigen könnte, was in Zukunft möglich ist, weil es grün und nachhaltig und mit neuesten Akkutechnologien und Systemlösungen von Siemens bestückt ist.

Vielleicht ist es ein Gebäude, in dem tatsächlich gelebt und gearbeitet werden kann, kein Forschungslabor, kein reiner Modellbau und unzugängliches Repräsentationsobjekt, das international Aufmerksamkeit erzeugt, sondern eines, das hier Identität stiftet und Charakter hat, Akzeptanz bei den Bewohnern der Stadt erreicht und sogar Stolz erzeugt.