Unternehmenskultur: Jenseits von Knigge-Regeln

Die in Freiburg lebende Lin Jun ist als Romanautorin, Übersetzerin, Dozentin und Trainerin aktiv. Sie ist eine der wichtigsten China-Expertinnen in Südbaden und kennt die feinen Unterschiede in den Kulturen: Warum die Chinesen ungern Kritik, aber dafür umso mehr Lob vertragen – und die Deutschen manchmal blauäugig sind.

Von Rudi Raschke

Am Tag nach unserem Gespräch in den letzten Maitagen wird sie wieder für zwei Wochen Richtung Shanghai aufbrechen: Ziel sind zwei Schulungen für Unternehmen wie den deutschen BASF-Konzern, das Thema ist „Business Culture“. Sie versteht ihre Aufgabe dabei nicht als die einer Ratgeberin für den chinesischen Markt, sondern als kulturelles Training für die chinesischen Führungskräfte eines deutschen Konzerns.

Das beginnt sie in der Regel mit einem kurzen Abriss der Geschichte und Werte zum Einstieg. Das Besondere, was Unternehmen hier wie dort bekommen, wenn sie eines der Trainings mit Lin Jun buchen, ist nicht nur das Einebnen von Bildungslücken – es ist auch das unterhaltsame Erzählen von Geschichten zu Gast und Gastgeber, die vor allem auf eines verzichten: eine Art „Knigge“ für Unternehmen zu sein.

Einen solchen hält die Trainerin südbadischer Unternehmen wie Endress+Hauser, Wiha oder Erdrich Umformtechnik heutzutage nicht mehr für nötig. Die globalisierte Welt nähere sich auch über Kontinente hinweg einander an, Frau Lin will bei ihren Schulungen keine „unnötige Angst“ aufbauen, sagt sie, es ginge auch bei deutsch-chinesischen Geschäften schlicht darum, dass man nicht verkrampft.

Ob eine Visitenkarte korrekt entgegen genommen wird (in China weiterhin wie auch in Japan mit Daumen und Zeigefingern am linken und rechten Rand), spiele nicht annähernd eine Rolle, wenn die Beziehung ansonsten funktioniere. Und umgekehrt. „Der Aufbau von Beziehungen ist in China hundertmal wichtiger als in Deutschland“, ist dagegen ein Rat, den Lin Jun deutschen Unternehmen mitgibt. Und dass sie in diesen Beziehungen nicht zu blauäuig und naiv sein sollten, wie es häufig vorkomme.

Dass sie sich weiterhin auf starke Hierarchien in China einstellen sollten und die wechselseitigen Interessen nie identisch sein werden. Vor allem aber: „Zeigen Sie ein wenig Stolz“. Denn während die französischen Nachbarn in China überwiegend als nachlässige Hallodris wahrgenommen würden, zeige man für die Deutschen großen Respekt, von der Reputation her zähle unser Land zu den Lieblingen im Reich der Mitte.

Umso unverständlicher sei es für manchen Gast von dort, wenn er hierzulande, gerade im universitären Milieu, erst einmal über Probleme, Herausforderungen oder Risiken der bundesrepublikanischen Gesellschaft informiert werde. Auch weil Chinesen selbst aus ihrer eigenen Perspektive ein riesiges, sich „glorreich“ fühlendes Land, seien. Entsprechend begegne man auch aufrichtig gemeinter europäischer Kritik, sie sorgt für Unverständnis.

Die 45 Jahre alte Lin Jun stammt aus der Nähe von Shanghai, einer, wie sie sagt, „Kleinstadt“, die sich auf Nachfrage in der vierfachen Einwohnerzahl ihrer Wahlheimat Freiburg präsentiert. Sie hat in Reutlingen Betriebswirtschaftslehre studiert und in Basel gearbeitet, ehe sie in Freiburg ihr eigenes Business voranbrachte. „Nach drei Tagen habe ich gewusst, dass ich hier bleibe“, sagt sie über die Anfänge als Studentin. Das Dreiländereck empfindet sie keineswegs als zu wenig dynamisch, wie es der Gesprächspartner von einer Chinesin erwartet.

Sie hegt eher Vorbehalte gegen manche Ökologie-Einstellungen hierzulande, die selbstbewusst ohne jede Verzichtüberlegungen vorgetragen werden. Ihre Veranstaltungen hält Lin Jun stets mit dem gleichen Aufbau ab, ganz egal, ob sie für chinesisches oder deutsches Personal doziert. Ihr Ziel: Im großen China auch stets Eindrücke von dem zu zeichnen, was sie als „die Außenwelt“ bezeichnet. Sie habe etwas erreicht, sagt sie, wenn sie in der Businesskultur einfach „andere Möglichkeiten zeigen“ kann. Und dabei keiner Frage ausweicht.

Eine in China immer noch dezent provokante Antwort kündigt sie stets gleich zu Beginn an: „Ich weiß auch nicht alles.“ Noch in diesem Jahr wird übrigens ihre Übersetzung von „Business Culture Design“ des in New York lebenden Bregenzers Simon Sagmeister in China erscheinen. Eine seiner zentralen Thesen über Unternehmenskulturen passt zu dem, was Lin Jun in ihren Trainings jenseits von Benimmregeln vermittelt, es ist der Vergleich mit einem Eisberg: Dass es unterhalb der Oberfläche weit größere verborgene Dinge gibt, auf denen die Sichtbaren aufbauen.