Wirtschaftsdetektiv: „Wie ein Chamäleon“

Betrug, Diebstahl, Spionage: Wenn die firmeneigene Sicherheit von innen heraus bedroht wird, werden Wirtschaftsdetektive beauftragt, um auf Suche nach Indizien zu gehen. Friedhelm Oswald ist seit über 30 Jahren in diesem Geschäft aktiv und ist Geschäftsführer und Mitinhaber der bundesweit tätigen Detektei Condor. Ein Gespräch über den Alltag eines Detektivs und das Ringen um Anerkennung für diesen speziellen Berufsstand.

Von Daniel Ruda

Wenn man Friedhelm Oswald auf dem Handy anruft, ertönt erst einmal die Melodie zum Agentenfilm „Mission Impossible“. In den Wochen vor diesem Interview war sie oft die einzige Verbindung zum vielbeschäftigten 61-Jährigen, der äußerst schwierig ans Telefon zu bekommen ist. Es sei denn, man ist einer seiner Kunden, für die ist er stets erreichbar. Oswald, der sein Büro in Stuttgart hat, ist täglich im gesamten Bundesgebiet und regelmäßig im Ausland unterwegs, um vor Ort Gespräche mit seinen Auftraggebern zu führen und Einsätze zu koordinieren. Mit etwa 800 Fällen im Jahr macht die Detektei Condor einen Jahresumsatz von rund drei Millionen Euro. 150 Detektive sind insgesamt unterwegs, zehn davon sind in Freiburg im Einsatz, wo auch Oswald selbst schon ermittelt hat. Der volle Terminkalender ließ letztlich nur ein kleines Zeitfenster und ein persönliches Treffen am Autobahnrasthof Baden-Baden zu. Abgemacht. Wegen eines Unfalls im Baustellenbereich und 18 Kilometern Stau auf der A5 platzte das lange geplante Treffen mit der Zielperson jedoch. Auf dem Weg zu einem Einsatz in Österreich war Oswald kurz vor Redaktionsschluss dann doch noch für ein Gespräch zu haben.

Herr Oswald, was war Ihr letzter abgeschlossener Fall?
Eine führende Mitarbeiterin bei einem großen Unternehmen aus der Autozulieferer-Industrie wurde im Zuge des Neubaus einer Filiale verdächtigt, im Zusammenspiel mit Handwerkern Geld unterschlagen zu haben. Das ging in den sechsstelligen Bereich, woraufhin unsere Detektei beauftragt wurde, nach Indizien zu suchen, die den Anfangsverdacht erhärten würde. Am Ende haben wir neben umfangreichen Recherchen die Zielperson über einen Zeitraum von mehreren Wochen auch intensiv observiert. Wir konnten dann mit unserem Abschlussbericht hieb- und stichfest den Nachweis erbringen, dass die Zielperson weit über ihren eigentlich möglichen Verhältnissen lebte und einen engen Kontakt zu den fraglichen Handwerkern hatte. Der Fall ist mittlerweile gerichtsanhängig und die Beweislast erdrückend.

Wie viele Detektive waren dabei im Einsatz?
In der Observation sind es immer abwechselnd Teams von zwei Leuten. Jeder ist mit einem Auto unterwegs. Jede Bewegung der Zielperson wird verfolgt. Damit man dabei nicht auffällt, gerade über einen längeren Observationszeitraum, werden immer wieder die Fahrzeuge gewechselt. Es muss einfach alles immer verdeckt ablaufen. Wir können uns natürlich nicht unsichtbar machen, aber wir verstehen es, uns dem Umfeld anzupassen, in dem wir observieren.

Ist das Auto das wichtigste Arbeitsmaterial für einen Detektiv?
Ja, das ist so. Das Auto ist quasi unser Arbeitsplatz. Es muss unauffällig, aber möglichst schnell sein. Einen auffälligen Sportwagen fahren wir also nicht, sondern zum Beispiel einen schnellen, wendigen Golf. Zur Hand haben wir immer eine Fotokamera mit Teleobjektiv, Diktiergerät, Laptop und natürlich alle Kommunikationsmittel wie Handy oder Funkgerät. Ich habe zum Beispiel auch Kleidung zum Umziehen griffbereit, so dass ich mich unterschiedlichen Situationen anpassen kann. Als Detektiv muss man sich wie ein Chamäleon seinem Umfeld anpassen können. Detektive müssen in der Observation, neben einem ausgeprägten Beobachtungssinn, vorausblickend den Straßenverkehr einschätzen und reagieren können.

Wo liegt bei einer solchen Observation die Grenze?
Das Auftragsziel kann immer nur in Verbindung stehen mit dem, was gesetzlich erlaubt ist, das ist die eine Grenze. Wenn jemand observiert wird, wie er privaten Tätigkeiten nachgeht, die keinen Bezug zu dem Fall haben, dann kommt das auch nicht in den Bericht. Hier geht es um das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen. Lassen Sie uns über Stereotype sprechen.

Als Detektiv begegnen Sie sicherlich öfters Vorurteilen?
Ja, und manchmal kann ich das ja auch verstehen. Wenn ich irgendwo erzähle, dass ich Detektiv bin, sagen neun von zehn Leuten direkt „Ah, du beschattest also Ehemänner, ob sie betrügen“. Aber das ist ja nur ein Bruchteil unserer Arbeit. Im Privatbereich geht es vor allem um existenzielle Dinge wie Sorgerechtsstreit, Verschleierung von Einkünften oder auch Vermisstensuche. Die wenigsten Detektive laufen mit einer Waffe durch die Gegend, ein weiteres Vorurteil. Mir ist wichtig, dass sich meine Mitarbeiter in keine Gefahr begeben und sich zurückziehen, wenn es die Situation erfordert. Wir observieren und ermitteln, beides Fähigkeiten, die man nur schwer erlernen kann. Ermittlungen sind die hohe Schule des Berufs, das habe ich schon immer sehr gerne gemacht. Professionelle Arbeit ist es, wenn mein Gegenüber nicht mitbekommt worum es bei der Ansprache eigentlich geht.

80 Prozent Ihrer Aufträge kommen aus der Wirtschaft. Welche Fälle sind dabei besonders häufig?
Es werden immer mehr Unternehmen geschädigt, die sehr viel Geld in industrielle oder technische Innovationen und Entwicklungen stecken. In solchen Bereichen nimmt das Abgreifen von sensiblen und geheimen Informationen immer mehr zu. Der Schaden ist unermesslich, wenn die Konkurrenz das selbst erarbeitete Wissen nutzt. Für solche Wirtschaftsspionagen werden Personalstrukturen bis hin in den privaten Bereich unterwandert oder Informanten Geldleistungen bezahlt. Wir werden beauftragt, das aufzudecken, den Schaden zu begrenzen und die Einzelstellung des Unternehmens hervorzuheben. Ansonsten dreht sich bei uns vieles um das Schwerpunktthema Arbeitsrecht. Da geht es um Lohnfortzahlung, Betrug im Krankheitsfall, Spesenbetrug, Wettbewerbsbetrug, Diebstahl, Sabotage und so weiter. Die Bereiche sind sehr vielfältig. Unsere Auftraggeber ziehen sich durch die ganze Unternehmerschaft, auch kleinere Firmen sind dabei.

Lehnen Sie auch Anfragen ab?
Im Wirtschaftsbereich eigentlich nicht, da sind wir gefordert. Im privaten Bereich gab es mal eine Zeit, in der sogenannte Treuetests gefordert wurden. Sowas lehnen wir ab. Und politisch motivierte Aufträge sind nicht unser Klientel.

Warum kommen Unternehmen bei starken Verdachtsfällen zu Ihnen und gehen nicht direkt zur Polizei?
Bei der polizeilichen Arbeit geht es darum, den Straftäter zu überführen und weniger um Schadensbegrenzung und Wiedergutmachung. Die Kosten für einen Detektiveinsatz kommen als Return on Invest zurück. Wir sorgen mit unserer verdeckten Arbeit letztlich für einen geordneten Ablauf im Unternehmen, was wiederum zu vielen positiven weiteren Effekten führt. Wir sind dabei ständig mit dem Auftraggeber in Kontakt, der immer entscheiden kann, ob die von uns gesammelten Indizien reichen. Es gibt immer wieder Fälle, die sind nach ein oder zwei Tagen schon erledigt. Etwa wenn eine krankgemeldete Person einer anderen Arbeit nachgeht. Größere Fälle, wie anfangs erzählt, können auch schon mal über Wochen dauern. Der Aufwand wird nach effektiven Stundensätzen je Detektiv und Einsatzwagen abgerechnet. Es gibt kein Unternehmen, in dem von heute auf morgen beschlossen wird, einen Detektiv zu beauftragen. Da ist meistens schon Vorarbeit geleistet. Man hat sich ein Bild gemacht, und intern etwas zusammengetragen. In mehr als 90 Prozent der Fälle wird der Verdacht bestätigt.

Müssen Detektive oft vor Gericht aussagen?
Nein, bei 100 Fällen müssen wir vielleicht bei dreien vor Gericht erscheinen. Die Firma Condor ist ein Unternehmen, das seit 1976 tätig ist, und hat inzwischen bundesweit eine renommierte Stellung. Wenn unsere schriftlichen Berichte vorliegen, sind die meist auch für die Richter beweiskräftig genug. Oftmals kommt es auch gar nicht zum Prozess, weil versucht wird, sich mit dem Beschuldigten außergerichtlich zu einigen. Dass zwei Kollegen gleichzeitig für einen Auftrag aktiv sind, bei Observationen, ist übrigens auch deshalb wichtig, falls es doch zu einer Ladung vor Gericht kommen sollte. So kann am Ende nicht Aussage gegen Aussage stehen.

Wie sind Sie Detektiv geworden?
Durch einen Zufall. Ich habe als Versicherungsfachwirt gearbeitet und bin auf einer Veranstaltung angesprochen worden von jemanden aus der Detektei. So hat es sich dann ergeben, dass ich mir diese Arbeit mal angesehen hab. Das war 1986. Ich kann gut mit Menschen umgehen und dieser Reiz, in das Verborgene zu gehen und Licht ins Dunkel zu bringen, hat mich sehr schnell motiviert, das ist bis heute so geblieben. Seit 1994 bin ich in der Geschäftsführung und seit 1999 auch Mitinhaber des Unternehmens.

Detektiv ist in Deutschland kein anerkannter Beruf.
Leider ist es noch so, dass wir um Anerkennung ringen. Der Detektiv wird noch immer als etwas zwielichtig angesehen. Hier kann jeder ein Gewerbe anmelden und sich Detektiv nennen, das hilft nicht gerade und da gibt es sicherlich auch ein paar schwarze Schafe. Aber glauben Sie mir, die gibt es überall. Ich habe schon Ärzte und Rechtsanwälte überführt, die sich strafbar gemacht haben.

Es gibt also überhaupt keine offiziellen Anforderungen für diese Arbeit?
Nur bei den Kaufhausdetektiven gibt es inzwischen ein paar Grundvoraussetzungen, zum Beispiel einen IHK-Befähigungsnachweis. Dass die große Lobby des Einzelhandels dort die Kosten gering halten will, ist dabei ein großer Grund, warum Detektiv noch immer kein anerkannter Lehrberuf ist. Bei uns Wirtschaftsdetektiven, die ja eigentlich einen höheren Anspruch haben, gibt es im europäischen Ausland ganz andere Vorgaben, die es zu erfüllen gilt. In Österreich und der Schweiz muss man Prüfungen etwa zu Rechtsfragen bestehen, um eine Zulassung zu erhalten. Ich bin seit mehr als 30 Jahren im Geschäft und auch auf Verbandsebene organisiert, da kämpfen wir schon lange für eine bessere Anerkennung. Es ist noch ein weiter Weg.

Sind Sie schon ein Stück vorankommen?
Erst vor ein paar Tagen ist es bei einer großen Versammlung in Berlin gelungen, die Verschmelzung des Bundesverbands Deutscher Detektive (BDD) und des Bundes Internationaler Detektive (BID) mit großer Mehrheit zu erzielen. Bald werden wir als Bundesverband des Detektiv- und Ermittlungsgewerbes (BuDEG) wahrnehmbarer und stärker gegenüber Politik und Wirtschaft sein. Das ist eine richtungsweisende Entwicklung. Ein weiterer großer Schritt war die Zertifizierung vom Dachverband der Internationalen Detektivverbände als Qualitätsnachweis. Nur so können wir den Gesetzgeber zum Nachdenken animieren, den Beruf als Lehrberuf anzuerkennen.

Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit missverstanden?
Der Gesetzgeber versucht uns leider immer mehr Riegel vorzuschieben, die es im europäischen Ausland nicht gibt. Ich denke da immer wieder an die österreichischen Kollegen, die dürfen fast alles. Wir dürfen dagegen fast gar nichts mehr. Wir leben leider in einem Staat, der scheinbar kein Interesse an Aufklärung hat. Ihm ist mehr daran gelegen, dass alles im Dunkeln bleibt. Aktuell das Bundeswehrschulschiff Gorch Fock, dessen Sanierung 135 Millionen statt 10 Millionen kostet, oder natürlich der Berliner Flughafen. Das sind bekannte Beispiele, die zwar mal in den Medien erwähnt werden, aber dann wieder untergehen. Warum? Weil Dinge von der Politik totgeschwiegen werden und scheinbar kein Interesse an Aufklärung besteht. In diesem Land fließen Millionen von Euro in korrumpierte Hände. Der Detektiv sieht sich als Erfüllungsgehilfe in der Aufklärung, als neutraler Zeuge der beweiskräftig dokumentiert, nicht mehr aber auch nicht weniger.

Zum Schluss: Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja, der hat mich emotional sehr getroffen. Da ging es um eine Kindesrückführung im Ausland, was ein sehr sehr kompliziertes und schwieriges Unterfangen ist. In diesem Fall ging es um zwei Kinder, die vom Vater nach Sizilien entführt worden waren. Die Kinder waren vor Ort immer getrennt voneinander und nur einmal zusammen zu sehen. Die Mutter, unsere Auftraggeberin, die im Hintergrund dabei war, wollte den Zugriff zum schlechtesten Zeitpunkt. Ich habe mich leider überreden lassen, den Versuch gestartet, der dann kläglich gescheitert ist. Das ist sehr lange her, aber ich denke bis heute daran.