Zukunftsmobilität: Alles aufs Rad setzen

Das Freiburger Unternehmen Jobrad hat im elften Jahr seiner Existenz das Dienstrad bundesweit etabliert. Mit dem Gründer Ulrich Prediger lässt sich weit mehr zur Mobilität der Zukunft besprechen als nur das Thema Fahrrad.

Von Rudi Raschke

Nur so ein Gedanke am Ende des Gesprächs mit Ulrich Prediger: Das mit „Jobrad“ mag ja alles noch überschaubar sein, trotz eines starken Wachstums und stolzen 240 Mitarbeitern – aber wenn man sich den Mobilitätsunternehmer der Zukunft vorstellt, dann sieht man halt eher einen umsichtigen Manager wie ihn vor sich als Vollgas-Diktatoren wie Ferdinand Piech oder Martin Winterkorn.

Und dass man heutzutage so denken kann, ist eigentlich ein Wunder. Denn nachdem Prediger Jobrad im Jahr 2008 gründete, musste er vier Jahre überstehen, bis sein Modell überhaupt gesetzlich umsetzbar war: Die fiskalische Gleichstellung eines Dienst-Fahrrads mit einem Dienstwagen. Erst mit der 1-Prozent- Regel für Fahrräder lief das Geschäft richtig an, vergangenes Jahr konnte Zehnjähriges gefeiert werden. Und dazu eine neu erleichterte 0,5-Prozent-Regelung bei der Bemessung des geldwerten Vorteils. Prediger und sein später dazu gekommener Mitgeschäftsführer Holger Tumat haben dafür einen „Kampf gegen Windmühlen“ geführt, wie er es nennt.

Das aussichtslose Don-Quichote-Rennen in seinem Fall: Eine Interessenvertretung aufzubauen, die ähnlich der Auto-Lobby an die Türen von Ministerien und Parteizentralen klopfte. Bis diese schließlich aufgegangen sind. Heute ist es schier nicht mehr nachvollziehbar, dass der Dienstwagen steuerlich begünstigt wurde, das Dienstrad aber nicht. Eben auch, weil Prediger nie als dogmatischer Kampfradler auftritt, sondern im Stil eines sympathischen Start-up-Helden. Als Weltverbesserer, aber pragmatisch. Er betont den gesunden, motivierenden und umweltfreundlichen Sinn des Radelns.

Bei der 10-Jahres-Feier im Vorjahr haben sie bei Jobrad neben allerhand ernster und heiterer Fahrrad-Theorie auch gleich noch eine Modenschau mit Rad-Klamotten angeboten, die nicht uncool aussehen. Prediger steht beim Gespräch am Stehtisch seines kleinen Chefbüros, im Hintergrund sind an die 20 Hocker von Firmenversammlungen oder -events gestapelt und, logisch, ein Fahrrad steht auch da. Es herrscht eine Atmosphäre zwischen professionellem Interieur an der sogenannten Freiburger Business-Meile und jener Art Unternehmen, das eine nette Palettenmöbelhaftigkeit und Postit-Zettel-Ausstrahlung mitbringt.

Ulrich Prediger sagt, dass seiner Ansicht nach zu wenig für Fahrradmobilität getan wird, der Verkehr sei hierzulande weiterhin zu autozentriert. Und er wundert sich, wie zäh der Mobilitätswandel von Poltik uns Industrie als Chance begriffen werde. Die Aufregung ums Elektroauto sieht er kritisch, angesichts der Energie, die für die Herstellung benötigt werde, spricht er von „Augenwischerei“, Zuschüsse für die Luftreinhaltung seien unverändert „zu sehr aufs Auto fixiert“. 42 Woher er weiß, wovon er spricht? Prediger hat im niederländischen Maastricht studiert und in ganz Holland, aber auch in Skandinavien gelernt, was für den Radverkehr getan werden kann.

Deshalb ist sein Blick auf die jüngste „Fahrradklima“- Umfrage des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) auch skeptisch: Die Stadt Freiburg feiert ihren dritten Platz hinter Karlsruhe und Münster zwar, aber tatsächlich hat sich ihre Durchschnittsnote verschlechtert. Er glaubt zu wissen, warum: Gemessen am Aufkommen seien Radwege wie der Schnellweg an der Dreisam längst zu schmal. Der Autoverkehr müsse Platz machen, wenn wirklich auf das Umsteigen gesetzt werde, „es geht nicht anders“.

Eine breite Markierung am Rand der Autofahrbahn genüge beispielsweise nicht mehr, die Spur könne auch mit baulichen Veränderungen, durchlässigen Pollern od.ä. abgesichert werden, wenn man es ernst meine. Prediger, man ahnt es, findet, dass Fahrradfreundlichkeit eben auch im Stadtbild zu sehen sein dürfe. Gerade Freiburg mit seinen vielen Zweirad-Innovatoren sei hierfür ein Treiber. Ein 40-prozentiger Rad-Anteil wie in Kopenhagen sei möglich. Zu so einem Erfolg gehören für ihn städtische Leihräder, auch über den E-Tretroller denken sie bei Jobrad nach – sofern sie kein Wegwerfartikel werden. Zwölfmal weniger Kilowattstunden als ein Elektroauto brauchen sie.

Die „letzte Meile“, also der Weg vom und zum Bahnhof oder zum Termin, ist auch für Prediger ein Thema. Noch nicht ganz auf der letzten Meile unterwegs sind für ihn die etablierten Anbieter von Verbrennungsmotoren, aber er sieht drastische Umwälzungen. Egal, ob Sixt gleich mehrere seiner Angebote von Sharing, Fahrdienst und Miete zusammen legt oder BMW und Mercedes ihre Mobilitätsangebote gemeinsam bündeln: Richtig spannend, sagt er, werde es, wenn das Autonome Fahren sich durchsetze. Denkbar nicht sofort, aber durchaus vorstellbar, dass der Markt es regeln könnte.

Zum Beispiel jener der KfZ-Versicherungen, die ein Modell mit weniger Auffahrunfällen und Park-Remplern deutlich honorieren dürften. Und die Unsicherheit, wieviele Menschenleben das kosten kann? Prediger sagt ruhig, dass der größte Unsicherheitsfaktor der Mensch bleibe. Nach einer Umstellung auf das fahrerlose Fortkommen werde sich die Zahl der Verkehrstoten eher um 90 Prozent reduzieren, rechnet er. Das sei möglicherweise noch ferne Zukunft, aber hey, wer hat vor 15 Jahren mit dem Smartphone gerechnet? Das Thema Digitalisierung ist bei Jobrad omnipräsent: „Im Selbstverständnis sind wir ein digitaler Dienstleister“ sagt Prediger zu jenen Annehmlichkeiten, ohne die das beste Dienstrad- Leasing nicht funktionieren würde.

Denn der Erfolg von Netflix, Uber, Tesla oder Airbnb ist auch der von kinderleichten Benutzeroberflächen. Bei Jobrad gehören zum Arbeiten und Denken in agilen Prozessen eben auch rund 15 Entwickler dahinter. Und damit ein nahezu perfekter Service, der das Radeln beispielsweise bei Unfällen gegenüber einer Berufsgenossenschaft absichert. Oder die einfach zu buchende Abholung bei Händlern, die Partner des Leasing-Unternehmens sind. An der pdf-Vertragsabwicklung tüfteln sie noch, um Ausdrucke und Abheften entfallen zu lassen. Aber eine eigene Leasinggesellschaft, vergleichbar der Volkswagen Bank, ist ebenfalls im Anrollen. Predigers Jobrad ist mit etlichen Nachteilen vor mehr als zehn Jahren gestartet.

Inzwischen leistet das Unternehmen nicht nur einen ganz relevanten Beitrag zur Entlastung des Pendler-Verkehrs und steht für visionäre wie alltagstaugliche Mobilität. Es hat Dienstradfahrern auf unkomplizierte Weise auch ein Lebensgefühl geschenkt, das die Automobil-Industrie (selbst im größten Stau) seit jeher als „Freude am Fahren“ kennt. Kein Wunder, dass auch zwei ganz besondere Unternehmen ihre drängenden Mobilitätsprobleme als Jobrad-Kunden lösen: Es sind BMW und Porsche.

 

Jobrad
wurde 2008 von Ulrich Prediger in Freiburg gegründet und beschäftigt heute mehr 240 Mitarbeiter. Rund 2 Millionen Menschen sind Jobrad-Berechtigte in den 15.000 Unternehmen, die Kunden sind. Ein Jobradler hat die freie Auswahl bei über 5.000 Fachhändlern. Die Modellpalette reicht vom Stadtrad bis zum Liegeoder Lastenrad.