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  • Arbeit und Auszeit 07/2026
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Rasthof: Ein Bett beim Kornfeld

  • 11. August 2026
Lkw auf Rasthof
Einmal duschen fünf Euro minus zwanzig Prozent Rabatt für Übernachtungsgäste: Den Europa-Park-Rasthof an der A5 bei Herbolzheim steuern viele Trucker an, weil sie dort schlafen und sich erfrischen können.
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Lkw-Fahrenden schreibt das Gesetz ihre Auszeiten vor: Nach viereinhalb Stunden müssen sie 45 Minuten rasten, einmal täglich elf Stunden Pause machen und pro Woche mindestens einmal außerhalb des Fahrzeugs übernachten. Auf diese Anforderungen hat sich der Autohof Herbolzheim eingestellt. Ein Besuch.

Text: Kathrin Ermert • Fotos: Santiago Fanego

Das weithin sichtbare Windrad ist das Erkennungszeichen des Europa-Park-Rasthofs an der A5, den man über die Ausfahrt Herbolzheim erreicht. Auf dem 50.000 Quadratmeter großen Areal neben dem Recyclinghof und der Kläranlage der Gemeinde finden Reisende alles, was sie unterwegs brauchen könnten: Ladesäulen für E-Fahrzeuge, eine Tankstelle samt Shop und Rasthof, zwei Schnellrestaurants, eine Spielhalle, ein Hotel, eine Waschanlage. Den größten Teil nimmt ein riesiger Parkplatz mit Stellplätzen für 150 Lkw ein. An diesem Montagabend im Juli gibt es kein Gedränge. Höchstens die Hälfte der Plätze sind belegt. Ganz anders sah es am zurückliegenden Wochenende aus, sagt Tatjana Grefenstein.

Die 44-Jährige, blonder Pferdeschwanz, große Brille, freundliches Lächeln, betreibt seit zweieinhalb Jahren als Pächterin Tankstelle, Rasthof und Parkplatz in Herbolzheim sowie am zweiten Standort in Kappel-Grafenhausen. Davor hatte die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte schon acht Jahre hier gearbeitet. Eigentlich plante sie, nach der Familienpause nur ein paar Stunden die Woche einzusteigen, doch aus dem Mini- wurde schnell ein Vollzeitjob und schließlich die Selbständigkeit. Denn der Gründer der Anlagen, Karl-Heinz Schneider, ist mittlerweile 74 Jahre alt und wollte ein bisschen kürzertreten. Als Inhaber war er ein Exot in der Branche – die meisten Tankstellen gehören den Mineralölkonzernen. Schneider kümmert sich mit seinen zwei Söhnen Maik Torsten und Dirk Jens Schneider noch um die Hotels an den beiden Standorten mit insgesamt mehr als 300 Betten. Die Schnellrestaurants hat er an Externe verpachtet, die Tankstellen an Shell und die verpachtet sie wiederum an Tatjana Grefenstein. „Das ist meine Alterssicherung“, begründet Schneider diese doppelte Struktur. Der Ölkonzern habe die Kosten in den 15-jährigen Vertrag schon eingepreist, ein einzelner Pächter könnte auch mal in Schwierigkeiten geraten.

Tatjana Grefenstein

„Tankstellen sind ein Gradmesser für die Wirtschaft.“

— Tatjana Grefenstein, Geschäftsführerin Europa-Park-Rasthof

Baustelle kostet Umsatz

Tatsächlich ist das Geschäft mit dem Sprit nicht einfach. Eigentlich sind die Sommermonate, wenn viele Menschen in den Urlaub fahren, Hochsaison für Rasthöfe. Doch in den vergangenen acht Wochen versperrte eine der Baustellen auf der A5 die Ausfahrt Herbolzheim für alle von Norden kommenden Fahrzeuge. Demnächst soll die Zufahrt von Süden geschlossen werden. „Das spüren wir richtig“, sagt Tatjana Grefenstein. „Die Leute fahren keine Umwege, um zu uns zu kommen.“ Ihr Umsatz sei während der fehlenden Ausfahrt um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Bekommt sie Entschädigung für die Ausfälle? Sie lacht und schüttelt den Kopf. Auch von den derzeit hohen Benzinpreisen profitiert der Autohof nicht, im Gegenteil. Er bekommt den Unmut der Kundschaft ab.

1,1 Cent verdiene sie pro Liter Sprit, den sie verkauft, erläutert Grefenstein. Das reiche nicht, um die Kosten zu decken und die Löhne ihrer rund 50 Mitarbeitenden zu bezahlen. Dafür ist sie auf den Umsatz von Shop, Restaurant und Waschanlage angewiesen. Dass die Zahl der E-Autos zunimmt und damit die Aufenthaltszeit der Gäste, weil Laden länger dauert als Tanken, sei ein Vorteil, sagt Grefenstein. Allerdings lassen nicht alle Geld bei ihr – viele essen auch bei McDonald’s oder Burger King. Bleibt die Gebühr für den Lkw-Parkplatz. Zwölf Euro kostet der pro Tag beziehungsweise Nacht, weitere fünf Euro für einmal Duschen. Wobei es zwanzig Prozent Rabatt für diejenigen gibt, die einen Parkplatz mieten, auch aufs Essen im Rasthof.

Rasthof Herbolzheim
Rumhängen, Wäsche trocknen, im leeren Frachtraum Hanteln stemmen: So nutzen die Fahrer die gesetzlich vorgeschriebenen elf Stunden Pause. Viele Lkw kommen aus osteuropäischen Ländern wie Polen, Litauen und Rumänien. Eine niederländische und eine norddeutsche Spedition nutzen den Herbolzheimer Autohof als Umschlagplatz.

Ins Angebot für Lkw hat ihr Vorgänger und Ex-Chef Schneider nicht nur investiert, weil er die Zustände fürs Fahrpersonal andernorts menschenunwürdig findet. Es muss sich auch rechnen. Der jüngste Ausbau vor zwei Jahren, bei dem 30 weitere Stellplätze und Sicherheitsfeatures wie Schranken entstanden sind, schlug mit 1,2 Millionen Euro zu Buche, berichtet Schneider. Immerhin: Zwei Drittel davon erhielt er aus einem Förderprogramm des Bundes. Ohne diese Unterstützung ließen sich die Ausgaben kaum amortisieren. Immer weniger Laster tanken den teuren deutschen Sprit. Weil die Motoren sparsamer und die Tanks größer geworden sind, kommen sie mit einer Tankfüllung von Polen bis Spanien.

Der Autohof spürt zudem die Konjunkturflaute. „Tankstelle sind ein Gradmesser für die Wirtschaft“, sagt Tatjana Grefenstein. „Weil die Autobranche und die Industrie insgesamt kränkeln, nimmt bei uns die Kundenfrequenz ab.“ Das bestätigt das Statistische Bundesamt: „Wirtschaftliche Aktivität erzeugt und benötigt Verkehrsleistungen“, heißt es in einer Pressemitteilung von Anfang Juli. „Daher besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Lkw-Maut-Fahrleistungsindex und Indizes zur wirtschaftlichen Aktivität, insbesondere der Industrieproduktion.“ Die entsprechende Grafik zeigt, dass die Lkw-Fahrleistung 2020 mit der Pandemie abstürzte, sich 2021 zwar schnell erholte, seither aber leicht unterhalb des Vor-Corona-Niveaus verharrt.

Duschen, essen, fernsehen, schlafen

Beim Besuch des Europa-Park-Rasthofs an einem Montagabend im Juli stehen hauptsächlich Trucks mit ausländischen Kennzeichen auf dem Lkw-Parkplatz – Polen, Litauen, Rumänien, Niederlande. An vielen Kabinen sind die Vorhänge zugezogen und die wenigen Fahrer, die man trifft, ähnlich verschlossen. Im leeren Frachtraum eines Transporters liegt ein Mann auf dem Rücken und stemmt Hanteln. Immer mal schlendert einer in Shorts mit nacktem Oberkörper Richtung Rasthof zu den Duschen. Der Fahrer eines Sattelschleppers mit rumänischen Kennzeichen sagt auf Englisch, dass er nach Italien unterwegs ist, mehr will er nicht erzählen. Der Mann, der gerade aus einem kleinen Laster mit schwäbischen Kennzeichen geklettert ist, spricht Deutsch mit leichtem Akzent und berichtet, dass er zwei Autos geladen hat, die er morgen nach Frankreich fährt, und dass er die zwölf Euro Parkplatzgebühr aus eigener Tasche zahlen muss.

Die Speditionen gehen sehr unterschiedlich mit ihrem Fahrpersonal um, weiß Tatjana Grefenstein. Einige übernehmen keinerlei Spesen, andere immerhin die zwölf Euro für den Parkplatz. Am großzügigsten seien die niederländischen und die deutschen. Sie hat Stammkunden aus den Niederlanden und Norddeutschland, deren Lkw täglich auf den Rasthof kommen. „Die schätzen die Sicherheit und Infrastruktur hier, planen uns in ihre Touren ein, satteln um, übernachten und fahren dann weiter.“ Dagegen seien vor allem osteuropäische Fahrer und manchmal auch Fahrerinnen meist auf sich selbst gestellt. Sie essen seltener im Restaurant. Wochenends sieht Tatjana Grefenstein manchmal Grills zwischen den Lastern. Einmal sei ein Fahrer mit seinem rohen Steak in der Restaurantküche erschienen und habe darum gebeten, es zu braten.

Auf einem schattigen Fleck am Rand des Parkplatzes steht ein 40-Tonner mit bayrischem Kennzeichen. Aus der Fahrerkabine grinst und winkt ein Mann mit Fünftagebart, der sich gerade mit einem Kollegen in Latzhose unterhält. „Ich habe das deutsche Kennzeichen gesehen und ihn deshalb angesprochen“, sagt er. Er heißt Tommy Gartenbach, ist 36 Jahre alt, Berufskraftfahrer und mag seinen Job gern. Zwei bis drei Nächte pro Woche verbringe er auf Tour, erzählt Gartenbach, am liebsten auf einem Parkplatz wie diesem. In den Ferien darf ihn manchmal sein zehnjähriger Sohn begleiten. Für den ist es Abenteuer, für den Vater Arbeitsalltag. Tommy Gartenbach mag Gesellschaft und freut sich, wenn er deutschsprachige Fahrer trifft: „Wenn ich mit jemandem reden kann, tu ich das gern.“

Sein Gesprächspartner bleibt dagegen lieber allein. „Ich muss mich den ganzen Tag auf Menschen konzentrieren, da will ich abends nur noch meine Ruhe haben“, sagt der Latzhosenträger fröhlich. Er wirkt nicht menschenscheu. Den Namen seines Arbeitgebers will er keinesfalls verraten, der habe strikt untersagt, mit Medien zu reden, aber seinen eigenen schon: Hermann Brandt, 52 Jahre alt, auch gelernter Berufskraftfahrer und seit mehr als zwanzig Jahren auf der Straße unterwegs. „Es ist mein Traumjob“, sagt er. Am liebsten fährt er die langen Touren. Früher in ganz Europa, jetzt nur noch in Deutschland. Der unterschiedlichen Bedürfnisse zum Trotz sieht das Abendprogramm der beiden Männer sehr ähnlich aus: duschen, essen, auf dem Laptop fernsehen und in der Kabine schlafen. Morgen früh um sieben ist ihre vorgeschriebene Auszeit beendet. Dann geht die Arbeit hinterm Lenkrad weiter.

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