„Sundowner“ unter Deck

Die Stiftungsarbeit soll in Freiburg besser vernetzt und bekannter gemacht werden. Dazu gibt es ein neues Veranstaltungsformat, von der Angell Schulstiftung ins Leben gerufen: Der Sundowner.

Setzen sich für eine vernetzte Stiftungsarbeit in Freiburg ein (v.l.): Matthias Akermann, Südwestbank Freiburg, Annette Schubert, von der Angell Schulstiftung, Oberbürgermeister Dieter Salomon und Antoinette Klute-Wetterauer, Schulleiterin und Stiftungsgründerin. Foto: Sabine Kiss

 

Der Brexit kommt, rechte Kräfte in ganz Europa erstarken, die Türkei schafft sich als rechtsstaatliche Demokratie ab und auch in Deutschland sind die Erfolge der AfD besorgniserregend. Schwarzmalerei? Viele Menschen sind verunsichert in diesen unruhigen Zeiten. Das hört und liest man nicht nur überall in den Medien, davon redete auch Freiburgs Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon, als er Mitte Mai auf dem Podium in den Räumen der Angell Schulstiftung in Freiburg stand, um über das bürgerschaftliche Engagement in der Region zu sprechen. Denn Gesellschaft formiere sich nicht nur durch einen Staat, gerade die Bürger seien dafür unerlässlich. Und für Freiburg herrscht in diesen Zeiten laut Salomon Zuversicht: 114 Stiftungen prägen das Gemeinwesen, das sei im bundesweiten Vergleich, gemessen an der Einwohnerzahl eine hohe Dichte.

Voll besetzte Räume und positve Stimmung im Angell: Die Schulleiterin und Stiftungsgründerin Antoinette Klute-Wetterauer mit ihren Gästen. Foto: Sabine Kiss

 

Bemerkenswert sei dabei, so Salomon, dass Freiburg keine klassische Stadt sei, mit Adelsgeschlechtern oder geprägt durch wohlhabende Industrielle, dennoch durchsetzt vom bürgerschaftlichen Willen zur Mithilfe und großer Bereitschaft zum Spenden. Das habe man zuletzt etwa bei der Flüchtlingswelle gesehen: „Das schlimmste daran war, dass wir diese breite Bereitschaft zu helfen damals gar nicht so schnell koordinieren konnten“, trotz des Frusts und der Einschnitte, die Salomon offen anspricht, seien viele dennoch bis heute dabeigeblieben. Viele Menschen haben derzeit das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten. In dem Moment aber, so Salomon, „da wir aufschrecken, weil die Selbstverständlichkeiten unserer Wohlstandsgesellschaft, in der wir doch fast alle hier aufgewachsen sind, in Frage gestellt sind, beginnen wir plötzlich nachzudenken“.

Mit dem Verschwinden von Selbstverständlichkeiten bekämen beispielsweise auch ethische Fragen mehr Gewicht, es werde hinterfragt und bemerkt, dass eigenes Engagement für die Gesellschaft vielleicht derzeit wichtiger  sei als jemals zuvor. Das Nachdenken über Missstände nehme dabei zu, viele Menschen fragen beispielsweise bei Banken nach, wo und wie ihr Geld zum Wohle der Gesellschaft angelegt werden könne. Viele informierten sich, wollten wissen, für was in der Welt ihr Geld verwendet wird und suchten alternative Formen, beispielsweise in Stiftungen. Keine Schwarzmalerei also.

Anette Schubert, städtische Projektleiterin und Mitglied der Angell-Stiftung moderiert die eigene Veranstaltung „Sundowner“ und befragt Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon zum bürgerschaftlichen Engagement in Freiburg. Foto: Sabine Kiss

 

Passend zu diesem positiven Grundtenor fand die Veranstaltung in hellen, lichtdurchfluteten Räumen statt. Marinefarben das Logo der Angell Schulstiftung, in Blau und Weiß und ebenso passend das Motto: Der „Sundowner“ sei ein Begriff aus der Seefahrt, die Offiziere der Britischen Marine sollen sich einmal täglich an Deck ihres Schiffs getroffen haben, zum Sonnenuntergang.
Die Dachterrasse des Angells sollte daran erinnern, analog zum Schiffsdeck, doch an diesem regnerischen Abend Mitte Mai herrschte auch ‚unter Deck‘ ein adäquater Rahmen für namenhafte Gäste, Gespräche, für Austausch und Aufbruchsstimmung. Denn das Ziel sei, so Schulleiterin und Stiftungsgründerin Antoinette Klute- Wetterauer, Bewegung in das Freiburger Stiftungsleben zu bringen, denn von vielen Stiftungen in Freiburg hat noch nie jemand etwas gehört. „Dabei ist es für eine Stiftung, die etwas zum Wohle anderer bewegen will, doch unerlässlich, in die Öffentlichkeit zu treten und für ihre Sache zu werben.“ Daher sei ebenso Absicht, sich untereinander zu vernetzen, zusammenzuschließen, gemeinsam neue Projekte anzugehen und auf breiter Fläche Bewegung in die Arbeit der Stiftungen zu bringen, um gesellschaftliche Teilhabe unabhängig von Besitzverhältnissen zu ermöglichen. Und sie betont: „Aufgrund der Niedrigzinsphase sind Stiftungen kaum noch in der Lage, allein aus ihren Erträgen Projekte zu finanzieren. Aber Stiftungen können sich zusammenschließen, bei passenden Projekten kooperieren und auf diese Weise Projekte realisieren, die einzelne Stiftung eben nicht schaffen können.“ Gesellschaft funktioniere nicht allein durch Handeln staatlicherseits, sondern insbesondere auch aufgrund bürgerschaftlichen Engagements, aufgrund der Arbeit von Vereinen und Stiftungen und Menschen, die nicht nur einmalig, sondern langfristig und aktiv über Jahre hinweg mitarbeiten. Bürger, ganz bunt gemischt, die mit organisatorischen Kompetenzen oder mit finanziellem Aufwand die Stiftungen unterstützen und prägen.

Romantisch verklärte Sichtweisen eines humanistisch geprägten Menschenbildes – Hilfsbereitschaft aus reinem Wohlwollen und dem Bedürfnis heraus zu helfen? Salomon jedenfalls scheint darin nicht verhaftet zu sein. Nüchtern, völlig unverblümt, macht er deutlich, dass bürgerschaftliches Engagement viel Anerkennung und Lob verdiene, gerade weil das auch Balsam für das eigene Ego sei. Eben auch ein Grund, warum sich Menschen engagieren. Nicht zu vergessen der Idealismus, der die Motivation antreibe und das Engagement für eine bessere Gesellschaft fördere.  (km)

 

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