Bestattungen: Über die Laufstrecke zur Liegestuhlwiese?

Auf dem Weg zu einer neuen Friedhofskultur: Nicht nur in Freiburg werden Konzepte diskutiert, die für Hinterbliebene wie für Bestattungsorte Neues bringen.

Von Annette-Christine Hoch

„Wo liegt eigentlich Lena begraben?“ Die Frage an ihre Mutter kurz nach der Trauerfeier, wo ihr Kind denn künftig besucht werden kann, bringt die erstaunliche Antwort: Dort, wo es die 13-Jährige immer cool fand – zu Hause. „Wir wissen noch nicht, wo wir sie beerdigen lassen wollen. Und weil wir sie in der Schweiz haben kremieren lassen, konnten wir die Urne mitnehmen. Jetzt steht sie in ihrem Zimmer.“ Spontan sorgt so ein Satz entweder für Atemlosigkeit oder nachdenkliches Innehalten.

Er lässt einen aber auch lebenszugewandt- pragmatisch fragen: Warum eigentlich nicht? Was ist so schlimm daran, wenn Trauernde sich etwas Zeit nehmen, um in Ruhe zu überlegen, welcher Bestattungsrahmen der richtige für ihre Lieben sein könnte? Das Kuratorium Deutscher Bestattungskultur e. V. formuliert es so: „Die Bestattungskultur hat sich zu jeder Zeit und in allen Kulturen immer wieder verändert und neuen gesellschaftlichen Strömungen angepasst. Dies ist auch in der Gegenwart der Fall, wobei die Geschwindigkeit der Veränderungen in den letzten Jahren zugenommen hat“.

Das klingt nach dem Versuch, einen etwas mühsamen Spagat hinzubekommen – nämlich den zwischen dem gesellschaftlich deutlich spürbaren Veränderungsdrang und dem eher traditionellen Ansatz des Trägers des Kuratoriums, dem Bundesverband Deutscher Bestatter. Mit Veränderungen tut sich die konservative Branche etwas schwer – sie hat sich über die Jahre mit den seit etwa 1900 immer strenger werdenden Reglementierungen für die Friedhöfe im Land arrangiert. Und die bundesrepublikanische Trauergemeinde (jedes Jahr sterben in Deutschland rund 900.000 Menschen) geht da, wenn auch grummelnd, grundsätzlich mit.

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Bisher nur Bänke fürs Verweilen: Auf dem Hauptfriedhof könnte sich das bald ändern. Fotos: Alexander Dietrich

Es werden hie und da Rufe nach alternativen Bestattungsformen laut – das schwedische Unternehmen Promessa etwa stellt eine ökologische Bestattungsform durch Gefriertrocknen mit Kompostierung des Granulats in Aussicht und hat auch einige deutsche Fans auf seiner Interessierten-Liste. Und doch hält man sich hierzulande, wenn auch zähneknirschend, an den nach wie vor bestehenden Bestattungszwang in Sarg oder Urne, der für alle Menschen ab 500 Gramm Geburtsgewicht gilt. Die körperlichen Reste eines toten Menschen müssen auf einem Friedhof oder einem anderen „diesem Zweck gewidmeten“ Ort beigesetzt werden.

Das Meer geht auch – allerdings nur, wenn die Angehörigen glaubhaft versichern, dass ihr geliebter Mensch sich zu Lebzeiten eine Seebestattung wünschte. Und auch wenn der Stadtstaat Bremen im Jahr 2015 den strengen Friedhofszwang abgeschafft hat: Der Bestattungszwang gilt nach wie vor. So dürfen die Bremer die Asche ihrer Liebsten zwar auf privatem Grund verstreuen. Aber nur dann, wenn das einst schriftlich verfügt wurde und nach vollzogenem Akt auch eine eidesstattliche Bestätigung erfolgt. Ist das nicht sehr viel Paragrafentum für den Moment des ultimativen Loslassens?

Was einen einigermaßen entspannten Umgang mit Friedhöfen betrifft, ist man in Wien schon einen Schritt weiter. Eher sogar viele Schritte. Denn in der österreichischen Hauptstadt wurden Ende Mai die ersten beiden Laufstrecken über den Zentralfriedhof eingeweiht. Im Eingangsbereich des Friedhofs weist eine Übersichtstafel auf die Routen hin und gibt Infos, die Strecken selbst sind GPS-vermessen und ausgeschildert. „Der Friedhof als Ort der Besinnung und als Lebensraum stellt keinen Widerspruch dar.

Ich finde es einen schönen Gedanken, unsere Verstorbenen an unseren Leben teilhaben zu lassen“, sagt Renate Niklas, Geschäftsführerin der Friedhöfe Wien, in der Ankündigung auf das Fest, mit dem die Joggingstrecke offiziell eröffnet wurde. Dort, wo seit 1874 die Wiener ihre vielbe- schworene letzte Ruhe finden? Läuft: Die Nekropole, eine der größten Begräbnisanlagen Europas, wird von den Lauf-Fans gern angenommen. Viele nutzen den Zentralfriedhof ebenso wie die anderen Ruheplätze der Stadt nicht nur zum Rennen und Spazierengehen, sondern auch zum Nordic Walking.

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Wenn immer weniger Ruhestätten belegt sind, wird die Naherholung zum Thema: Weiher auf dem Freiburger Hauptfriedhof

Der Blick nach Wien ist gewiss auch von Freiburg aus lohnend. Hier ist man sich gerade uneins, ob Liegestühle zur Entspannung für Hinterbliebene und Gäste eine sinnvolle Erweiterung für den Hauptfriedhof sein könnten oder vielleicht doch eher der „Pietät“ – wie immer man sie definieren mag – entgegenstehen. Fakt ist: Auf dem Friedhof finden sich Leerflächen zuhauf, gleichzeitig sind Erholungssuchende in der boomenden Breisgaumetropole dankbar für einen Ort zum Innehalten. Viele Ruhestätten sind nicht mehr belegt und ehebettgroße Familiengräber aus der Mode gekommen, der Trend geht zum Minigrab.

Ende 2017 wurde auf Anregung der Steinmetz- Innung ein Urnenstelenfeld mit unterschiedlichen Grabaufbauten eingeweiht. Nicht zuletzt ist die Wahl der Bestattungsart auch eine Frage des Geldbeutels: „Wer von Ihnen hat 5000, 6000 Euro auf der hohen Kante?“, hieß es etwa im Frühjahr bei einer Diskussion der Freiburger Grünen zum Thema „Wandel der Trauerkultur“. Abtransport, Kühlung, „hygienische Versorgung“, Sarg, Überführung und Trauerfeier in der Trauerhalle, Orgelmusik, Holzkreuz, Briefe, kleiner Grabstein, Todesanzeige und der finale Platz zum Verweilen – das summiert sich.

Geht es denn nicht günstiger? Doch. Zumindest, was die letzte Ruhestätte betrifft: Unter www.grabrechner.de, dem Kalkulationsprogramm der Deutschen Friedhofsgesellschaft, werden die Kosten für ein Einzelgrab ohne Namensnennung auf dem Freiburger Hauptfriedhof mit 687 Euro aufgelistet. Laufzeit 15 Jahre, Lage direkt auf der Wiese. In Villingen kostet ein vergleichbares Grab fast genauso viel – 669 Euro –, in Lörrach sogar 975 Euro. Mittelreidenbach hingegen, es liegt inmitten von Rheinland-Pfalz nahe Idar-Oberstein, bietet die bevorzugte Ruhelage schon für 200 Euro an.

Ob der Trend sich zur kostenbewussten Bestattung in hübsch-abgelegenen Orten neigt? Oder ob Öko-Aficionados für Kompostgräber in Südbaden auf die Straße gehen? Ein weites Feld, ganz sicher. Zwar gilt nach wie vor der alte Branchenspruch „Gestorben wird immer“, allerdings ist die Branche im deutlichen Wandel. Zu den „Drive-thru“-Bestattungsunternehmen, bei denen man wie in Japan und den USA mit dem Auto bei der Verabschiedungszeremonie durchfahren kann, ohne aussteigen zu müssen, wird es vermutlich nicht kommen, aber tun wird sich dennoch einiges. Und ob künftig Bestattungen im Kinderzimmer möglich sind? Wir werden sehen. Lena fände das wahrscheinlich ziemlich cool.