Bildung: „China ist ein Gradmesser für das, was bei uns passieren kann“

Vielleicht eines der ungewöhnlichsten Engagements südbadischer Unternehmen in China: Haufe, ein Unternehmen, das in einem Software-Umfeld mit zahlreichen Unternehmens-Dienstleistungen erfolgreich ist, betreibt in Peking eine Akademie zur Weiterbildung. Inspiriert von der Freiburger Haufe-Akademie haben dort 90 Mitarbeiter seit 2012 bereits rund 70.000 Kunden geschult. Markus Reithwiesner, CEO der Haufe Group, erklärt, wie sich das Engagement gestaltet und wie er China wahrnimmt. Vor allem, was die Rahmenbedingungen im Vergleich mit Europa angeht.

Protokoll: Rudi Raschke

Markus Reithwiesner über die Dynamik am Standort:
Die Geschwindigkeit, mit der sich China verändert, ist mit den Entwicklungen hierzulande kaum mehr vergleichbar. Wenn ich nur sechs Monate nach meinem letzten Besuch wieder in China ankomme, hat sich jedes Mal rasend viel verändert. Ganz aktuell zum Beispiel gibt es keine Mofas mit Verbrennungsmotor mehr. Oder Taxen können nur noch per App geordert und bezahlt werden. Diese Geschwindigkeit kennen wir bei uns nicht.

…über die Entstehung der Haufe Akademie in Peking:
Wir waren seit 2012 dort mit einem Partner aktiv, das Geschäft baute auf zwei Säulen auf: Zum einen die Produktion von redaktionellem Content und zum anderen die Weiterbildung. In den letzten Jahren haben wir eine deutliche Verschiebung in Richtung Weiterbildung erlebt. Wo wir zu Beginn noch Inhalte für gedruckte Medien erarbeitet haben, ist heute der Bedarf an Weiterbildung stark gestiegen: Denn das sogenannte „Upskilling“ ist in der chinesischen Wirtschaft enorm wichtig für den beruflichen Aufstieg.

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Ein Freiburger Unternehmen in China: So sieht die Weiterbildung von Haufe in der Hauptstadt aus. Fotos: Haufe Akademie Peking

… über die Übernahme 2017:
Wichtig war, dass wir den chinesischen Regularien Rechnung tragen, in welcher Form und nach welchen Gesetzen wir uns beteiligen können. Dabei verlief der Aufbau unserer Akademie sehr konstruktiv und lösungsorientiert. Das Unternehmen in Peking wird wie alle anderen Gesellschaften von uns von lokalen Managern geführt, die von einem Aufsichtsrat gecoached und kontrolliert werden. Wir machen am Standort kein Micromanagement, bei dem wir auf zu enge Kontrolle setzen.

… über die Inhalte der Akademie:
Wir bieten Inhalte mit global gültiger Relevanz an, zum Beispiel rund um Themen wie Projektmanagement oder Leadership. Aber aus der chinesischen Businesskultur ergeben sich auch Unterschiede von großer Bandbreite: Teilweise herrschen dort hierarchischere Führungsmodelle als bei uns, aber andererseits auch sehr moderne, bei denen Führung nicht mehr top-down gelebt wird. Generell richten wir uns bei der Gestaltung des Weiterbildungsangebots an den Bedürfnissen vor Ort aus und sind als deutsch-chinesische Firma mit sehr viel Respekt vorgegangen.

… über die Unternehmenskultur in China allgemein:
Ungeachtet von Führungsfragen fällt in China besonders auf, dass Produkte und Ideen viel agiler und situativer entwickelt und produziert werden. Es gibt eine Kultur des Ausprobierens, kein „Overengineering“, wie es teilweise bei uns stattfindet. Die Chinesen starten Produktzyklen häufig mit einer Beta-Version, die aber sehr rasch von der zweiten oder dritten Überarbeitung abgelöst wird. Und diese ist dann meistens besser als das, was wir im Westen gewohnt sind.

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… über den Standort:
Peking ist für uns ein gutes Tor in den chinesischen Markt, wir wollen aber in naher Zukunft in weiteren großen Städten dezentral vertreten sein.

… über die Herausforderungen und den Markt in China:
Wie schwer es war? Es ist teilweise immer noch schwierig. Unternehmen brauchen hier einen langen Atem, am schwersten ist es für uns, das Marketing für ein Produkt oder eine Dienstleistung voranzutreiben. Klassisches Marketing funktioniert nur noch bedingt, alles ist Online, aber die chinesische Kommunikationsplattform „WeChat“ ist komplett überlaufen. Deshalb müssen wir persönliche Kontakte ausbauen und uns dem Markt mittels Netzwerken nähern. Gerade im Business-to-Business-Bereich muss man wissen, worauf man sich einlässt. Wir begegnen den Partnern und Unternehmen dort auf Augenhöhe und setzen auf ein gegenseitiges Lernen. Nicht zuletzt deshalb, weil China für uns ein Zukunftsmarkt und Gradmesser dafür ist, was in ein paar Jahren auch bei uns passieren kann.

… über politisch-wirtschaftlichen Situation in China:
Die USA waren immer ein Schlüsselmarkt, denn allein das Geschäft im Inland konnte den Unternehmen dort eine kritische Größe verleihen. Diese Rolle mit einem starken „Domestic Market“ nimmt jetzt China ein, was sich etwa an den dort entstandenen Internet-Giganten zeigt. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich nicht nur für uns die Frage, wie sinnvoll eine krampfhafte Abgrenzung ist.

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Markus Reithwiesner, CEO der Haufe Group. Foto: Haufe Group

Und über die Situation bei uns im Vergleich:
Wir müssen einen eigenen Weg finden. Deutschland und Europa müssen aufwachen, wenn sie ihre Verhinderungspolitik überwinden wollen. Das sollte Ziel einer gut aufgestellten Industriepolitik sein, die Schlüsselindustrien für den zukünftigen Erfolg strategisch fördert und für alle Unternehmen Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Wettbewerb im globalen Kontext schafft. Wenn wir nicht die Kosten unserer heutigen Unterlassungsmentalität tragen wollen, müssen wir die erhebliche Dynamik in China und anderswo ernst nehmen.

Themen wie Datenschutz und Privatsphäre sind wichtig, sie dürfen aber nicht als Waffe gegen den Fortschritt eingesetzt werden oder diesen im Ergebnis verhindern. Die Politik ist als Gesetzgeber gefragt: Das aktuelle EuGH-Urteil zur Arbeitszeiterfassung ist beispielsweise auf dem Stand von „Industrie 1.0“. Es wird Top-Talente zur Abwanderung bringen, weil solche Regelungen nicht deren Auffassung vom Arbeiten entsprechen. Schützenswertes muss geschützt werden, gerade in einem liberalen europäischen Kontext. Aber wir müssen auch einen Rahmen schaffen, der den nachfolgenden Generationen ein wirtschaftlich starkes und erfolgreiches Europa in den Geschäftsfeldern der Zukunft hinterlässt.