Hotellerie: Eine erfrischende Brise

Der Heimathafen in Lörrach zeigt, wie man ganz ohne Schwarzwaldklischees ein erfolgreiches Hotelleriekonzept auf die Beine stellen kann.

Von Anna-Lena Gröner

Das Meer ist gut 500 Kilometer entfernt und trotzdem hat Lörrach einen Hafen. Hier legen keine Schiffe an, keine Container werden verladen und keine Möwe weit und breit – zumindest keine echte. Trotzdem weht einem sofort eine maritime Brise vors Auge, wenn man an der Rezeption des „Heimathafen“ in der Brühlstraße steht. Daran sind nicht nur die zahlreichen Details und Accessoires aus der Seefahrt oder die Schiffstapete schuld, sondern auch Bene Schmiedl. Der 23-jährige kümmert sich ums Hafen-Booking und versprüht mit seiner gestrickten Seemannsmütze samt eingesticktem Anker und seinem dialektfreien, beinahe nordischen Akzent einen Hauch von Hamburg mitten im Südschwarzwald. Dabei kommt der studierte BWLer mit Schwerpunkt Tourismus eigentlich aus der Nähe von Frankfurt. Das Studium hatte ihn vor knapp vier Jahren nach Lörrach gespült und hier hat er seither seinen Anker gelegt. „Willkommen im Heimathafen“, dazu ein Lächeln und ein fester Händedruck.

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Sven Tetzlaff, Mick Gäntzel und Bene Schmiedl (v.li.) bringen den Heimathafen auf Kurs. Fotos: Johannes Meger

Der Heimathafen in Lörrach, das ist ein gelungenes Gesamtkonzept: Hostel, Hotel, drei Apartments, die meist von einer Firma aus Stuttgart für deren Pflegedienst angemietet sind, dazu ein ordentliches Pub, das die ganze Woche geöffnet hat. Im Heimathafen wurde nicht der x-te Bollenhut „fetzig“ in Szene gesetzt, es springt nicht jede Stunde ein Kuckuck aus der inzwischen gerne quietschbunten Strumbel-Uhr und weit und breit kein Hirschgeweih, das einen plakativ im Schwarzwald willkommen heißt. Hier weht ein erfrischender Wind fernab von Tannenwald und Trachtenkluft. Eine salzige Meeresbrise mitten im Südschwarzwald. Bene Schmiedl ist der Herr der Kajüten. „Unter Deck“, im ersten Stock des Heimathafens sind die Hostel-Zimmer, alle mit viel Liebe zum Detail. „Wir wollen unseren Gästen ein Erlebnis bieten und haben uns daher für jedes Zimmer etwas Individuelles überlegt. Wir wollten kein Abklatsch sein“, so der Direktionsleiter.

Kleine Karten mit Seemannssprüchen, -liedern oder -zitaten zieren die Zimmerwände, die Lampen hängen an dicken Schiffstauen von der Decke, Blautöne dominieren, dazwischen viel Holzoptik. In den langen Gängen wurden Spiegel eingesetzt, in denen sich beispielsweise die Hamburger Speicherstadt spiegelt, die als Fototapete gegenüber die Wand schmückt. Während man sich unter Deck die großzügigen Waschräume und Toiletten teilt, herrscht „Über Deck“, im zweiten Stock, etwas mehr Luxus. Auch hier gleicht kein Zimmer dem anderen. Kleine Details, wie der Spruch „Moin Kinners“ an jedem Bett, lassen einen vergessen, dass man im Schwarzwald zu Gast ist. Antike Möbel werden mit modernen Highlights wie Plexiglaslampen oder Spiegelelementen aufgepeppt, immer kombiniert mit den gewohnt maritimen Accessoires. „Wenn man aus den Zimmern kommt, soll man denken, man steht an der Reling“, sagt Schmiedl und verweist auf die gegenüberliegende Fototapete.

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In den Hotelzimmern des Heimathafens werden antike Möbel mit modernen Designelementen kombiniert.

Tatsächlich hat man das Gefühl, Gast auf einem schicken Kreuzfahrtschiff zu sein, nur mit mehr Platz und weniger Seniorengruppen. In den Zimmern des Heimathafens könnte man es gut und gerne eine ganze Kreuzfahrt lang aushalten. Immerhin, auch ein Tattoostudio, ein Friseursalon im Rockabilly Stil und ein Massageraum mit dem Namen „Knetstube“ haben unter diesem Dach eine Heimat gefunden. Crewmitglied Schmiedl führt mit so einer Begeisterung durch den gesamten Heimathafen, dass man am liebsten sofort anheuern möchte. Auch der Kapitän ist angenehm anders und passt zum Heimathafen wie die Faust aufs Bullauge. Seine Stimme klingt nach Whiskey, seine Haut zieren zahlreiche Tattoos und seine alemannischen Wurzeln sind nicht zu hören. Stattdessen ein „Moin“ und dazu wird der mit der Nadel verewigte Seemann auf seiner rechten Hand geschüttelt. „Mein Herzenswunsch war es immer, irgendwann ein eigenes Pub zu haben“, sagt Pächter und Geschäftsführer Mick Gäntzel.

„Ich habe in Lörrach Discos, Bars und Lounges betrieben, doch ich bin nirgends wirklich angekommen. Ich wollte ein schönes Pub mit Live-Musik, in dem es auch mal lauter zugehen darf. Einfach etwas Ehrliches.“ Vor vier Jahren erfüllte sich der Vollblut- Gastronom diesen Traum und eröffnete das Jolly Rogers, eine Kneipe, in der man sich an die Nacht erinnern soll und der Tag vergessen werden darf, wie es auf der zugehörigen Website (www.heimathafen-loerrach. de) heißt. Hier war Gäntzel endlich angekommen und hatte Lust auf mehr. Nur drei Jahre später wurde der Kneipenkutter zum stattlichen Hafendampfer aufgerüstet. Nach Kernsanierung, großer Investition und jeder Menge Arbeit, eröffneten im Mai 2017 das Hotel sowie das Hostel und die Apartments. „Die Leute brauchen eine Anlaufstelle, ein Stück Heimat, eben einen Hafen.“, sagt Gäntzel in Bezug auf die Namensfindung für das Großprojekt. Das Wortspiel war passend, der 1.200 Quadratmeter große Heimathafen geboren.

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Die gemütlichen Kojen der Hostelzimmer im Heimathafen.

Das Hotel bietet heute neun Einzel- und sechs Doppelzimmer. Im Hostel stehen fünf Dreibett- und drei Vierbett-Zimmer zur Verfügung. Hier schläft der Gast ab 35 Euro pro Nacht, im Hotel ab 79 Euro im Einzel- und im Doppelzimmer ab 115 Euro. Frühstück kostet 9,50 Euro. „In Basel sind die Hotels momentan unbezahlbar“, sagt Gäntzel. „Daher ist es wirklich lustig, welche Gäste wir auch in unserem Hostel haben: vom schicken Geschäftsmann, über den einfachen Handwerker bis hin zu Schülern. Im letzten Jahr hatten wir beispielsweise eine Fußball-Jugendfördermannschaft aus Liverpool hier. Das Hostel war voll mit 10-jährigen Jungs, da war Action im Laden, das war toll.“ Man profitiere eindeutig von der Nähe zu Basel, der beliebten Region Südschwarzwald und der guten Lage in Lörrach. Statt mit dem Schiff können die Gäste direkt mit der Bahn quasi vor den Bug fahren.

Die meisten Übernachtungsgäste des Heimathafens seien Businessreisende oder Passagiere, die nach kurzem Stopp in Richtung Spanienoder Italienurlaub weiterschippern. Der Durchschnittsaufenthalt im Heimathafen liegt bei knapp über zwei Nächten. Den typischen Ferientouristen findet man in Lörrach dagegen leider selten. „Das ist schade, da man von hier aus wirklich optimale Möglichkeiten hat“, sagt Bene Schmiedl. „Im Winter ist man innerhalb von einer Stunde in drei verschiedenen Skigebieten, in der Schweiz, den Vogesen oder auf dem Feldberg. Und mit der Konus-Karte, die man bei uns bekommt, kann man mit dem Bus und der Bahn kostenlos bis nach Karlsruhe oder fast bis zum Bodensee fahren.“ Mit der Auslastung ist man nach nur einem Jahr recht zufrieden, doch die genaue Zahl bleibt ein Geheimnis.

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Im Gang des Hostels wird mit Fototapete und Spiegelelementen gearbeitet.

Trotzdem stünde der Hafen noch auf wackligen Beinen, so Gäntzel. Der Umbau hatte den kalkulierten Budgetrahmen gesprengt, das Hostel wurde nur langsam angenommen. Schuld daran sei unter anderem die Begrifflichkeit gewesen. Bei einem Hostel wüssten viele nicht, was sie erwartet, so Schmiedl. Doch der Heimathafen ist auf gutem Kurs. Die Gäste kommen und viele kommen wieder. „Unseren Stil finden die Leute wahnsinnig cool, viele sind begeistert. Nachdem sie ihr Gepäck auf das Zimmer gebracht haben, kommen sie zurück und strahlen“, sagt Schmiedl. Wenn es so weitergeht ist der Heimathafen bald fest verankert.