Klassik: Trotz Eldorado fehlt der Mut

Deutschland ist ein Paradies der klassischen Musik mit den weltgrößten Festivals und der höchsten Orchesterdichte. Im schönen Südbaden wird schon lange über ein Sommer-Klassikfestival nachgedacht und dabei nach Norden, aber auch südlich in die Schweiz geschielt.

Von Leander Hotaki

Geburtsstunde der deutschen Klassik-Musikfestivals war das Jahr 1876 mit der Gründung der Bayreuther Festspiele durch Richard Wagner. Über die Jahre etablierten sich die großflächigen Sommer- Klassik-Festivals, das erste Schleswig-Holstein- Musikfestival gründeten 1986 Pianist und Dirigent Justus Frantz gemeinsam mit Dirigierlegende Leonard Bernstein. Der Veranstaltungszeitraum von Festivals dieser Größe zieht sich über Monate und die Veranstaltungsfläche über Dutzend Quadratkilometer hinweg. Bis heute zählt das Schleswig-Holstein-Musikfestival, das in diesem Jahr vom 30. Juni bis zum 26. August stattfindet, zu den größten der Welt. Sein Pendant im Rheingau ist das Rheingau Musik Festival, das dieses Jahr in seiner 31. Auflage von 23. Juni bis zum 1. September mit über 150 Konzerten stattfindet. In regelmäßigem Abstand taucht die Frage auf, warum es in Südbaden kein entsprechendes großes Klassik-Sommerfestival gibt. Im Festspielhaus Baden-Baden findet ein Sommerfestival statt, doch im August ist auch dort Spielzeitpause. Wer große Orchesterkonzerte in dieser Zeit hören mag, muss sich bis nach Luzern begeben, wo er beim Lucerne Festival bis Mitte September dann allerdings die Spitzen der Klassik zu hören bekommt.

Auf Festivals wird die klassische Musik verwoben mit dem Reichtum und der Schönheit der Umgebung, der Kulturlandschaft, wie beispielsweise in der berühmten Weingegend Rheingau. Es sind stets stimmungsvolle Veranstaltungsstätten wie Klöster und Abteien, Kirchen, Kurparks, hochherrschaftliche Schlösser und Burgen, Weingüter, Gutshöfe, Kelterhallen, Domplätze. Tausende von Besuchern aus ganz Deutschland und internationales Publikum werden jährlich angezogen, was großen Umsatz für Hotellerie, Gastronomie und für weitere Wirtschaftszweige mit sich bringt. Die Schönheit des Markgräfler Lands und des Kaiserstuhls sowie die Errungenschaften der Genießerregion und Weinlandschaft Südbaden bieten sich für ein Festival geradezu an. In der Tat gibt es in und um Freiburg eine Reihe kleiner, aber feiner Festivals, beispielsweise – in Freiburg selbst – das Emil-Gilels-Festival, die Musiktage Badenweiler, die Staufener Musikwoche und der Markgräfler Musikherbst. Doch sind dies zum einen eben nur kleinere Festivals, und zum anderen, mit Ausnahme der Staufener Musikwoche (28. Juli bis 4. August 2018), finden sie eben nicht in den eher unbelebten Sommermonaten statt, also zwischen den Spielzeiten der großen Klassikveranstalter. Festzustellen bleibt, dass sich an das große Klassik-Festival in Südbaden mit großen Orchesterkonzerten und berühmten Dirigenten und Solisten kein Veranstalter heranzutrauen scheint.

Für ein solches Großprojekt bedürfte es eines fundierten Konzepts mit Alleinstellungsmerkmalen, um sich von der Fülle anderer Klassik-Sommerfestivals abzuheben – denn zu Festivals reisen viele Gäste eben extra an, so dass ein harter Konkurrenzkampf herrscht. Meist dauert es viele Jahre, bis sich ein Festival etabliert hat. Es bedürfte also eines langen Atems und zuerst einmal eines fundierten politischen Willens. Von der Freiburger Stadtspitze, die keinen nennenswerten Widerstand gegen die Fusionierung des SWR Sinfonierorchesters leistete und beim Philharmonischen Orchester mit viel Steuergeld eine Orchester-Spielzeit 2018/19 finanziert, die „niemandem wehtun wird“ (Generalmusikdirektor Fabrice Bollon, Badische Zeitung, 24.5.2018), war jedenfalls bislang kein Impuls oder gar Wille zu erwarten. Hinzu käme eine entsprechende Vorfinanzierung, gleichwohl die Notwendigkeit etlicher Mäzene und Sponsoren, einer Fülle von Partnern, um eine illustre Veranstaltungs-landschaft zu schaffen.

Und nicht zuletzt bedürfte es viel Idealismus und Mut zum Risiko. Selbst wenn all diese Voraussetzungen erfüllt wären, bleibt noch immer fraglich, ob ein solches Festival existenzsichernden Erfolg haben könnte. Selbst die kleineren Festivals in der Region sind teilweise eher im Rückzug begriffen oder geben auf – zu hart ist der Konkurrenzkampf. Die größten Chancen sind in einem grenzübergreifenden Kammermusik-Festival zwischen Deutschland und der Schweiz zu sehen, also in einer Ausweitung der Idee, die der Schweizer Musikmanager Christoph Müller mit seinem „Solsberg-Festival“ rund um Cellostar Sol Gabetta bereits verwirklicht: Berühmte Künstler in erlesenen Spielstätten in einer wohldosierten Anzahl von Konzerten im Dreiländereck. Oder aber: die Musik in den Sommermonaten einfach mal schweigen zu lassen. Denn auch die Pause gehört zur Musik.