Nachfolge: Ein gerechter Generationenvertrag

Wie lässt sich die erfolgreiche Übergabe eines Hand-werks- Betriebs stemmen? Ein Malerbetrieb aus Hartheim hat die klassischen Fehler bei der Nachfolge vermieden.

Rudi Raschke

Dass es in diesem Unternehmen sehr familiär zugeht, sieht man beim Felber Malerfachbetrieb schon am Klingelschild: Maria-Luise Sienert, die frühere Chefin, hat Büro und Wohnung im selben Haus, vor dem auch die Firmenfahrzeuge parken. Dass es familiär bleibt, dafür hat Sienert vor vier Jahren gesorgt, als sie die Übergabe des Betriebs in die Wege geleitet hat – und mit Florian Hannig einen jungen, externen Meister fand, der das gemeinsam mit ihr schrittweise vornahm.

Das ist umso bemerkenswerter, als die heute in Hartheim ansässige Firma knapp eineinhalb Jahrhunderte alt ist, gegründet wurde sie im Jahr 1878. Das 140-Jahre-Jubiläum sollte der Betrieb unter ihrer Leitung auf jeden Fall noch erleben – das hatte sich Maria-Luise Sienert vorgenommen, wollte aber danach nicht mehr allzu lange das Unternehmen führen. Im Jahr 2009 war ihr Mann gestorben, der die Firma zwölf Jahre zuvor übernommen hatte, damals ebenfalls nach einem Todesfall. Zur Trauer um ihren Mann kam in dieser Zeit die Erinnerung an die Vorgänger – der frühere Firmenchef hatte Frau und fünf minderjährige Kinder hinterlassen, ehe Heinrich-Peter Sienert das Unternehmen übernahm und es von Wehr nach Hartheim übersiedelte.

„Ich kann diesen Betrieb nicht schließen“, wusste Maria-Luise Sienert damals. Ihre eigenen Kinder kamen allerdings nicht in Frage für die Nachfolge. Zugleich war ihr klar, dass das Tempo als alleinige Chefin schwer durchzuhalten wäre. Und dass sich ein Meister des damasl sechsköpfigen Betriebs im Jahr 2018 in den Ruhestand verabschieden sollte. „Vorher musst du jemanden haben“, sagte sich die gelernte Apothekenhelferin schon sechs Jahre zuvor, eine keineswegs selbstverständliche Haltung in Handwerksbetrieben. Und die Suche gestaltet sich auch nicht einfach.

Auf Nachfolgebörsen wie „nexxt-change“ versammelt das Wirtschaftsministerium in Berlin 800 Regionalpartner wie IHK und Handwerkskammer, um aktuell 7500 Betriebe auf Nachfolgersuche mit 3000 Suchenden zusammenzubringen. Der Trend geht allerdings zu regionaleren und spezifischeren Börsen, die Handwerkskammern entwickeln gerade in einigen Bundesländern Entsprechendes. Häufigster Fall in der Region Südbaden bleibt eine Konzentration, bei der der Nächstgrößere den Kleinen „schluckt“. Auch in Südbaden ist die Nachfolge aus der Familie seltener geworden gegenüber einer externen.

Bei Maria-Luise Sienert fand die rechtzeitig gestartete Suche gemeinsam mit der Handwerkskammer statt, sie unterzog sich 2015 einer aufwändigen Betriebs-Bewertung, es gab den Tipp von Kollegen („ich hab da einen auf der Meisterschule“), Vorträge zum Thema und drei Treffen, nach denen der gebürtige Oberbayer Florian Hannig den Wunsch hatte, sich den Betrieb „mal anzugucken“, wie er lachend sagt.

Eine Betriebsübernahme nach der Meisterschule stellt eher die Ausnahme dar. Hannig sagt, dass von 19 Absolventen in seiner Klasse lediglich zwei oder drei in die Selbstständigkeit gegangen seien, die meisten wären mit der Urkunde zunächst wieder in den angestammten Betrieb zurück. Der neue Chef kam in einem tatsächlichen Übergang, keiner schnellen Übernahme, in den Betrieb: Noch im Jahr 2015 wurde der Vertrag aufgesetzt, 2016 stieg Florian Hannig ein, zunächst mit 25 Prozent. Seit 1. März des vergangenen Jahres ist er alleiniger Besitzer des Malerunternehmens, Maria-Luise Sienert bleibt bei ihm als Assistentin der Geschäftsführung angestellt und geht stufenweise in den Ruhestand.

Über das Atmosphärische sagt er, er sei von Anfang an „gut aufgenommen“ worden, auch wenn die lange Betriebszugehörigkeit der Angestellten dazu führt, dass alle mindestens zwölf Jahre älter sind als er. Deshalb hat er zum Start neben den Verwaltungstätigkeiten vor allem einen Akzent darauf gelegt, im Team mit den Malern mitzuarbeiten, um es besser kennenzulernen. Inzwischen haben sich Abläufe eingespielt, der Umsatz ist mit Hannig im technischen Geschäft und Sienert in der Buchhltung gewachsen, die Mtarbeiterzahl auf neun gestigen, die Kundenstruktur recht klar.

Die Mehrzahl der Aufträge sind Renovierungen, Arbeiten im Neubau gibt es mit Rahmenverträgen für gute Bestandskunden wie eine Drogeriekette odr öffentliche Auftraggeber. Florian Hannig hat mit drei neuen PKWs, einem modernen Waschplatz mit Wasseraufbereitung und einer komplett neuen Bürogestaltung zum Einstieg investiert, Maria-Luise Sienert sagt, dass sie seit dem Besuch beim Ausstatter office plus neben altem Mobiliar auch einige Gepflogenheiten über Bord geworfen hätten.

Die schrittweise Übergabe hat beiden Denkanstöße gegeben, wie sie ihr Handwerk ausüben wollen. Und sicher einige Effekte geschaffen, die auch für andere Betriebe ihrer Größe lehrreich scheinen: Maria-Luise Sienert sagt, dass ihr Ziel nie der Verkauf zum höchstmöglichen Preis war, sondern der Erhalt des Traditionsbetriebs. Florian Hannig sagt, dass bei Betriebsübergaben an Externe häufig überzogene Vorstellungen ein Problem seien, auch, dass der Zeitpunkt, an dem sie erfolgen, häufig zu spät gewählt sei.

Und wo früher eben eine gut aufgebaute Kundenkartei Gegenstand ordentlicher Erlöse werden konnte, spiele das heute keine große Rolle mehr. „Der Kunde ist weg, wenn etwas nicht passt“, sagt Hannig. Deshalb habe er sich für den Einstieg in die Selbstständigkeit zuerst überlegt, welche Größe passt – einen Betrieb mit 50 oder gar 70 Angestellten hätte er nicht gewollt. Und nicht zuletzt: Das Menschliche. „Es muss stimmen“, sagt sie. „Es muss Spaß machen, miteinander zu arbeiten“, sagt er.

Hannig ist 34, Sienert 62 Jahre alt, an der Wand hängen zwei Meisterbriefe, der von ihm und der vom verstorbenen Heinrich- Peter Sienert. „Wir gehen da durch“ hat sich die Chefin gerade angesichts von Betrieben gedacht, die keine Nachfolgelösung finden. Und sie wusste rechtzeitig, dass sie eben nicht in einer Situation ist, in der sie „keinen Zugzwang“ verspürt – um dann bis zum 70. Geburtstag weiterzumachen.