Pendler: Tägliche Grenzerfahrung

Der Franzose Lionel Macor leitet ein erfolgreiches Bauunternehmen mit Sitz in Mulhouse und Tochterfirmen bis Paris, sein Zuhause ist seit 17 Jahren das südbadische Kirchzarten. Unterwegs mit einem über die Grenzen pendelnden Geschäftsführer, der drei Staatsbürgerschaften besitzt.  Von

Daniel Ruda

„Bonjour, kommen Sie herein, es ist kalt“. Es ist Ende Januar, Donnerstagmorgen um 6.45 Uhr, gerade knapp über null Grad, als Lionel Macor pünktlich auf die Minute am Treffpunkt in Freiburg vorfährt. In einer dicken Jacke sitzt der erfolgreiche Unternehmer hinter dem Lenkrad eines Peugeot 5008: Der 44-Jährige fährt kein Statussymbol, wie es wohl die meisten Unternehmer in Deutschland fahren, die einer vergleichbaren Firma vorstehen.

100 Mitarbeiter hat das Unternehmen Galopin in Mulhouse, das auf den Bau von großen Industriegebäuden oder Supermärkten sowie auf Abdichtungen von Mülldeponien oder Tunneln spezialisiert ist. Der Jahresumsatz liegt bei 32 Millionen Euro, Macor hält als einer von drei Gesellschaftern die meisten Anteile an der Firma und fungiert als directeur général, Geschäftsführer. „Deswegen ein großes teures Auto zu fahren, das ist in Frankreich nicht so gut angesehen“, sagt er zu Beginn der Fahrt. Unternehmer hätten in Frankreich kein sonderlich gutes Image. „In Deutschland wird der Unternehmer aus meiner Sicht eher als jemand angesehen, der Menschen Arbeit gibt und die Wirtschaft nach vorne bringt. In Frankreich werde er als einer betrachtet, der reich wird, indem er Arbeitnehmer ausbeutet“.

75 Kilometer zur Arbeit jenseits der Grenze

Macor reiht sich in den morgendlichen Berufsverkehr in Richtung Autobahnzubringer ein. Über seine Arbeit, das Pendeln und die generellen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich hat der zweifache Familienvater viel zu erzählen. 75 Kilometer sind es von Macors Haustür in Kirchzarten bis zu einem Industriegebiet in Mulhouse. Seit 17 Jahren fährt er diese Strecke mehrmals in der Woche, anfangs als Angestellter, später als Teilhaber, inzwischen auch noch als Chef.

Als Macor im Jahr 2005 damit begann, erste Anteile zu übernehmen, hatte das Unternehmen 60 Angestellte und 24 Millionen Euro Jahresumsatz weniger. Neben französischen Baustellen arbeitet Galopin seit ein paar Jahren auch an Mülldeponie-Projekten in afrikanischen Ländern und ehemaligen französischen Kolonien wie Togo, Burkina Faso oder Benin. Deshalb sitzt er hin und wieder auch im Flugzeug in Richtung Westafrika. Oder im TGV nach Paris. „Die Firma wächst, das ist gut“, sagt Macor mit einem starken französischen Akzent.

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„Ich möchte, dass meine Firma meine Werte hat“, Lionel Macor, Geschäftsführer des Bauunternehmens Galopin. Foto: A. Maier

Deutscher Optimismus vs. Französischer Pessimismus

Wenn er Auto fährt, hört er Radio, das entspanne und informiere ihn. „Im deutschen Radio klingen die Nachrichten viel optimistischer als bei den Franzosen“. Dass die Nachrichtenlage auch hier nicht gerade zur Euphorie tauge, weiß der Unternehmer. „Aber in Frankreich geht vor allem die wirtschaftliche Entwicklung immer weiter nach unten.“ Die Franzosen sollten mehr Energie aufwenden, um den Kuchen größer zu machen, von dem jeder etwas abhaben möchte.

„Das ist der Job von Unternehmern“, sagt Macor, „und der Staat muss ihnen helfen, so wie Deutschland das damals mit der Agenda 2010 gemacht hat.“ Macor wird bei der diesjährigen Kommunalwahl in Kirchzarten auf der Liste der SPD stehen. „Man muss sich als Bürger einfach engagieren und helfen“, sagt er, und das gehe auch bei einer Arbeitswoche um die 60 Stunden und dem Unterwegs-Sein. Er wurde gefragt, „und dann habe ich Ja gesagt“.

Der Protektionismus auf beiden Seiten des Rheins

Zwei Tage zuvor haben Emmanuel Macron, den Macor als französischen Präsidenten schätzt, und Angela Merkel den Aachener Vertrag, auch Elysée-Vertrag 2.0 genannt, zur Festigung der Deutsch-Französischen Freundschaft unterschrieben. „Das war ein gutes Zeichen, aber noch nicht viel mehr“, urteilt der Unternehmer. Die Franzosen hatten sich wohl mehr von der deutschen Seite erhofft, denkt er. Dass im Zuge dieser Vertragsunterzeichnung in der südbadischen Unternehmenswelt auch über die Schwierigkeiten bei Aufträgen in Frankreich geklagt wurde, die etwa das Entsendegesetz mit sich bringe, hat Macor registriert.

„Aber das ist andersherum genauso schwierig“, sagt er in seiner zurückhaltenden Art und spricht über den Protektionismus auf beiden Seiten des Rheins, gerade im Baugewerbe. Sein Unternehmen bemühe sich deswegen seit gut zehn Jahren nicht mehr um Aufträge in Deutschland. Kontakte zu deutschen Unternehmen und Unternehmern sucht Macor dennoch – oder erst Recht. „Für unsere Region sind große grenzüberschreitende Projekte natürlich besonders wichtig“, fügt er hinzu und nennt die Wiederherstellung der Bahnlinie zwischen Freiburg und Colmar oder den Industriepark, der in Fessenheim nach der Abschaltung des Atomkraftwerkes in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft entstehen soll.

Da seien viele südbadischen Firmen sehr interessiert, was Macor angesichts der Preise für Gewerbegrundstücke nicht wundert: 95 Euro pro Quadratmeter sind es in unmittelbarer Nähe von Paris entfernt, wo eines der fünf Tochterunternehmen von Galopin sitzt, für das bald ein neues Gebäude gebaut wird. Dagegen koste der Quadratmeter in seinem südbadischen Wohnort 160 bis 200 Euro“, sagt Macor.

Der Franzose in Kirchzarten

In der 10.000-Einwohner-Gemeinde südöstlich von Freiburg lebt er mit seiner Frau Katja, einer deutschen Rechtsanwältin, sowie einer Tochter und einem Sohn, die beide im Grundschulalter sind und zweisprachig aufwachsen. Kennengelernt hat er seine Frau um die Jahrtausendwende während eines Studienjahrs in Florenz. Nach zwei Jahren Arbeit in Abu Dhabi begann er in Mulhouse bei Galopin und lebt seither mit ihr in Südbaden.

Zuletzt hat die Familie dort ein Haus gebaut, seit ein paar Wochen hat der in Paris geborene Sohn italienischer Eltern neben der französischen und italienischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Und sie seien einfach glücklich in Kirchzarten. Als Vater sei er froh, dass seine Kinder in Deutschland großwerden können. „Ich denke, hier haben sie mehr Zukunftschancen als in Frankreich. Es ist traurig, das zu sagen, aber das ist so“, sagt er.

 

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Das französische Bauunternehmen Galopin. Foto: A. Dietrich

Halb acht im Büro

„Das ist so“, sagt Macor auch, als er ein paar Minuten später mit seinem Peugeot die Landesgrenze anfährt, und meint damit die Kontrollen, „die gibt es seit den Terroranschlägen in Paris 2015“. Wenige Minuten später biegt er auf einen Parkplatz ein, es ist kurz nach halb acht. „Wenn ich in Mulhouse bin, bin ich vor allem für die Mitarbeiter da“, hat er zuvor noch auf der Fahrt gesagt, und schnell wird klar, wie er seine Rolle als Chef dahingehend ausfüllt. In dem zweistöckigen Gebäude geht er an einem Dutzend Büros vorbei, jeder und jede bekommt ein „Bonjour“ und ein paar Worte mit in den Tag.

Sein eigenes Büro ist unscheinbar: Kleiner Steht-Schreibisch, eine einfache Schreibtischlampe von Ikea, eine relativ verlorene Topfpflanze vor dem Fenster, ein afrikanisches Gemälde lehnt auf dem Aktenschrank an der Wand. Macor schließt den Laptop an, die Tür zum Büro steht ab da die ganze Zeit offen. Danach reihen sich kurze Besprechungen mit Kollegen aneinander, die in sein Büro kommen. Fast alle sind per Du. Ein paar Meter weiter am Gang hat Emmanuel Roth sein Büro, er ist einer der beiden anderen Gesellschafter der Firma.

Seit 22 Jahren arbeitet der Elsässer bei Galopin, seit 14 Jahren kennen Macor und er sich: „Lionel denkt immer nach vorne, an die Zukunft“, erzählt er. „Das liebe ich an ihm.“ Roth selbst ist für das operative Geschäft in der Gegenwart zuständig. „Wenn ich zu sehr im Hier und Jetzt bin, zieht mich Lionel mit seiner Art nach vorne. Andererseits muss ich ihn manchmal auch bremsen“.

Kaffeepause

Um 9 Uhr steht in der kleinen Küche direkt vor Macors Büro die Kaffeepause an, ein Kollege hat Croissants mitgebracht. Das Hauptthema ist die Handball-WM, bei der Frankreich und Deutschland gerade ins Halbfinale eingezogen sind. Dass Blau- Weiß-Rot neben dem Fußball auch im Handball die Nase vor Schwarz-Rot-Gold hat, sorgt hier für lockere Sprüche. Wie sehr die französische Unternehmenswelt indes zu den Nachbarn über den Rhein blickt, bringt Lionel Macor zur Sprache, als er erzählt, wie in den nächsten Jahrzehnten in Frankreich 20 Prozent des Stroms mit Photovoltaikanlagen erzeugt werden soll.

Und dass viele deutsche Projekte hier Vorbildcharakter hätten. Etwa auf Mülldeponien installierte Anlagen, für Galopin ein zukunftsträchtiges Feld. „Von dieser Erfahrung in Deutschland möchten wir gerne profitieren und solche Projekte nach Frankreich bringen, deshalb haben wir auch ein Joint Venture mit der Freiburger Firma Limhill geschlossen, die sich damit auskennt“, berichtet er.

Skype-Konferenz

Direkt im Anschluss steht eine Skype-Konferenz mit acht Kollegen der Tochterfirmen in Paris und Nantes an. Es geht um die Koordinierung der insgesamt rund 50 Baustellen, eine davon gehört zum Großprojekt des Ausbaus der Pariser Metro. „Wir haben viel zu viel zu tun“, fasst Macor die halbstündige Konferenz zusammen, während er in einer großen Excel-Datei farbige Blöcke verschiebt und neu beschriftet.

Home Office

Um die Mittagszeit endet dieser Arbeitstag in Mulhouse vorerst. Mit dem Auto geht es zurück nach Deutschland. Ziel ist das Home Office in Kirchzarten, „dort kann ich gut in Ruhe für mich arbeiten“. Die regelmäßige Arbeit von Zuhause aus hat er eingeführt, nachdem er vor etwa sechs Jahren wiederholt mental und körperlich zusammengebrochen war. „Ich war kaputt vor Stress“, erinnert er sich und muss um Worte ringen, als er auch noch von der persönlichen Tragödie eines Kollegen von damals erzählt, die ihn noch heute sehr mitnimmt.

Aus dieser schwierigen Zeit habe er viel für sich gelernt, sagt Macor: Etwa mit dem Kopf nicht ununterbrochen bei der Arbeit zu sein, bewusster Zeit mit seiner Familie zu verbringen sowie bei der Arbeit Aufgaben abzugeben und den Mitarbeitern Vertrauen und Aufmerksamkeit zu schenken. „Ich möchte, dass meine Firma meine Werte hat“, sagt er. Die Menschen sollten an erster Stelle stehen, nur dann könne man auch gemeinsam Erfolge feiern.

Grenzüberschreitendes Engagement

Unterwegs nach Kirchzarten hat der ambitionierte Hobbyläufer noch einen Termin in Breisach. Im Mai steht dort die dritte Auflage des grenzüberschreitenden Laufs „Run for Europe“ über die Rheinbrücke an, bei dem im vergangenen Jahr rund 1.000 Läufer symbolisch für die europäische Idee an den Start gegangen sind. Ein weiteres Engagement für den Vielbeschäftigten. Angesichts des zunehmenden Rechtspopulismus möchte der überzeugte Europäer ein Zeichen für die Gemeinschaft setzen und organisiert das Event erneut mit einem kleinen Team.

In diesem Jahr gehört zum Programm auch eine Podiumsdiskussion mit Akteuren aus Politik und Wirtschaft beiderseits des Rheins. „Es ist in diesen Zeiten einfach wichtig, ein Zeichen für Europa zu setzen“. Ein paar Stunden später, nach dem Feierabend im Home Office, schnürt Lionel Macor selbst die Laufschuhe, setzt sich eine Stirnlampe auf und geht raus zum Joggen, zur Vorbereitung auf seinen nächsten Marathon im April. Ein neues Ziel, der Unternehmer ist ständig auf der Suche danach. Oder wie er mit seinem französischen Akzent sagt: „Ich langweile mich ganz schnell. Wenn morgen das Gleiche wie heute ist, ist es für mich wirklich schlecht“.