Der SC Freiburg macht sportlich dieses Jahr sehr viel richtig und tritt generell werbewirksam für den sonst darbenden Fußball auf – im direkten Dialog mit der Öffentlichkeit agiert er regelmäßig wie ein Geheimbund.
VON RUDI RASCHKE
Drei. Das ist die Gesamtzahl aller automatisierten Benachrichtigungen, die Menschen in den zurückliegenden 20 Monaten bekommen haben, wenn sie eine Dauerkarte im neuen SC-Stadion bestellt haben. Ganz egal, ob sie seit den 80er Jahren hingehen oder demnächst zum ersten Mal, ganz gleich, ob sie 195,- oder 699,- Euro im Jahr zu zahlen bereit sind, ob sie als Mitglied mit Schal kommen oder eher ein distanzierteres Interesse an Fußball verspüren.
Der Verein befindet sich ihnen gegenüber im Totstellmodus. Ganze drei E-Mails bis in die erste Maiwoche, nach denen immer noch keiner weiß, wie sein 20 Monate altes Anliegen bearbeitet wird. Die letzte vom April 2020 mit „Bitte um ein wenig Geduld“. Das ist nicht mehr nur auf die Pandemie und Einweihungsfragen oder auf offene Verfahren mit Anwohnern zum Lärmschutz zu schieben.
Dabei hatte sich der SC Freiburg ja nette Dinge ausgedacht, um seine wichtigsten Unterstützer im Dialog auf den Umzug vorzubereiten: Sitzplatz-Cliquen durften ihren „Kapitän“ ernennen, der als zentraler Ansprechpartner auftritt. Blöd halt, wenn Deine Freunde dich bald zweieinhalb Jahre lang jeden Monat fragen, ob Du schon was gehört hast und Du als Kapitän nichts antworten kannst. Dass dies die Schuld einer Fach-Abteilung sein dürfte: Nein.
Die Präsidenten-Frage
Keine Pressestelle, kein Ticketing und keine Marketing-Abteilung agiert derart geheimdienstmäßig, wenn sie selbst entscheiden kann. Es ist eher Methode der Vereinsführung, wenn man sich weitere Themen im Club anschaut, zu denen offenbar keiner etwas erfahren darf: Ein Brief und eine Mail waren ebenfalls das einzige, was die knapp 25.000 Mitglieder des Clubs zugestellt bekamen. Dass ihnen seither etwas über den weiteren Stand der abgesagten Mitgliederversammlung im Herbst oder das mehr als eineinhalb Jahre verwaiste Amt des SC-Präsidenten verraten wird? Warum auch?
So muss sich halt jeder selbst drum bemühen, was er erfährt. Als Namen für das Amt des Nachfolgers von Fritz Keller, der bekanntlich im September vor zwei Jahren zum DFB wechselte, kursieren in den Vereinsgremien der von Marc Schmid, einflussreicher Fan-Funktionär und der von Helmut Bausch, in der Freiburger Stadtgesellschaft engagierter Rechtsanwalt. Das war der Stand im Winter, es können inzwischen auch ganz andere Namen sein, vielleicht denkt der Verein auch über die Abschaffung des Amtes nach, man weiß es nicht.
Der Club nimmt in Kauf, dass eher Gerüchte ventiliert werden statt ein sauberer Prozess dargestellt wird. Auch hier ist nicht nur Corona daran schuld, dass Mitglieder und Anhängerschaft nicht informiert werden. Und nicht zuletzt die Stadionfrage am alten Standort: Seit dem 1. Februar 2015 steht fest, dass der SC ein neues Stadion baut. Seither konnte er mit der Stadtverwaltung die Nachfolgeregelung am alten Standort planen, der Schwarzwaldstraße im Freiburger Osten.
Der SC hat hier zu Recht Begehrlichkeiten für seine sozialen Aktivitäten, die Bundesliga-Frauen und die wohl demnächst in der 3. Liga spielende U23-Mannschaft angemeldet. Andere Vereine in der Nachbarschaft hatten ebenfalls berechtigtes Interesse an einem Teil des knapp sechs Hektar großen Geländes bekundet. Zu sehen ist über sechs Jahre nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid zum Stadionbau dagegen für den Altstandort: nichts.

Was passiert mit dem alten SC Stadion?
Keine Visualisierung, kein Architektenwettbewerb, kein Rückbau-Szenario, mit dem Fans und die übrige Öffentlichkeit entfernt für die Nachnutzung begeistert oder wenigstens informiert werden. Zu hören ist von einer gelungenen Präsentation des SC-Konzepts durch Finanzvorstand Oliver Leki in einer Sitzung des Sportausschusses.
Auch dass es Gespräche mit Vertretern von Post Jahn und der FT 1844 gibt. Und es gab ein etwas unglücklich gegen Amateurvereine und Ehrenämtler geschossenes Interview zu den schlechten Bedingungen für Freiburgs Frauenfußball in der „Badischen Zeitung“. Ob das alles überzeugend genug ist, um sich das städtische Grundstück mit den teils vom Verein finanzierten Bauten zu sichern? Das weiß erneut niemand.
Die Stadt hat das Thema jahrelang verschlafen, der Verein hat’s verschwiegen. Das Rätsel, warum der Club ausgerechnet in der größten Transformation seiner Geschichte, dem Umzug von seiner 66 Jahre alten Spielstätte an einen neuen Standort, kommuniziert wie ein Stummfilmheld? Es ist nicht zu lösen. Der Sport-Club braucht angesichts seiner Arbeit, der Erfolgsgeschichte und der Sympathiewerte wenig Angst vor Öffentlichkeit zu haben.
Und er tut vielleicht sogar gut daran, sich die eine oder andere schrullige Verschwiegenheit aus der Ära von Volker Finke in die Gegenwart gerettet zu haben – keine Vertragslaufzeiten, Nachwuchsheldenstories oder Gehaltsdetails. Warum der SC aber zentralen Beteiligten (neudeutsch: Stakeholdern) in seinem Umfeld so verlässlich ausweicht, bleibt sein Geheimnis.
Selbst wenn man im Pandemie-Zeitalter wie alle anderen nur Temporäres bekannt geben kann, wäre das bei derartig wichtigen Prozessen durchaus hilfreich. Demgegenüber steht ein Vereinsvorstand, der sich scheut, kurz mitzuteilen, was aus der vor 20 Monaten bestellten Saisonkarte, dem verwaisten Präsidentenamt und einer echten Konzeption zum alten Stadion wird. Von „einem Stück Leichtigkeit“ sprach Sportvorstand Jochen Saier, als die SC-Profis nach holprigem Saisonstart auf einstellige Tabellenplätze geschwebt sind. Es täte abseits des Platzes auch gut.
Schleppende Informationspolitik
Das alles mag nicht das Wichtigste sein, solange die Profis ansehnlich spielen und die Gesamtausrichtung stimmt. Allerdings ist Dialog für ein Mitglieder-getragenes Unternehmen mit rund 90 Millionen Euro Umsatz auch mehr als nur schnöde Kür. Ist es denn zuviel verlangt? Nur mal ein Zwischenstand, was sich tut, eine Skizze, wie etwas ausschauen könnte, ein Hauch Partizipation in der offenbar arg hinterzimmerigen Gremien-Welt von Vorstand, Ehrenrat und Aufsichtsrat?
Der Verein selbst teilt zu alldem soviel mit: Er werde allen Bewerberinnen und Bewerbern auf eine neue Dauerkarte „noch vor Ablauf der laufenden Saison konkrete Informationen über den weiteren Prozess, insbesondere der Platzvergabe, zukommen lassen“ schickt er als Zitat von Daniel Däuper, Leiter Vertrieb und Services: „Die Kommunikation läuft direkt mit den einzelnen Bewerberinnen und Bewerbern und über unsere Vereinsmedien.“
Das heißt wenig anderes, als dass der Club von seiner zauderigen Linie nicht abrücken will und man sich die Information zusammensuchen muss. „Über den finalen Zeitpunkt eines konkreten Dauerkartenverkaufs können wir unter den gegebenen Bedingungen nach wie vor keine seriösen Angaben machen“, sagt Däuper Anfang April weiter. „Wir sind in der laufenden Saison richtig damit gefahren, den Verkauf nicht vorschnell in Gang zu setzen.“ Das ist tatsächlich seriöser als bei anderen Clubs, die bereits abkassieren.
Allerdings dreht sich die Frage gar nicht um die Öffnung der Kassenhäuschen oder den Abpfiff der Pandemie, sondern schlicht um die Informationspolitik. Zu zwei weiteren Fragen hierzu wollte der Verein bis Redaktionsschluss eine Antwort schicken, hat sich dann aber gar nicht mehr gemeldet. Quod erat demonstrandum.
Nebenbei hat der SC reagiert und mit Christoph Ruf einen der versiertesten freien Fußballjournalisten der Republik als Angestellten gewonnen. Er tritt im September sein Amt an der Schnittstelle zwischen Kommunikationsabteilung und Mitglieder-/Fanwesen an. Entgegen der Beteuerungen, dass es in letzter Zeit lediglich „nichts Neues“ zu vermelden gab, ist das Ausdruck davon, dass hier offenbar viel Arbeit wartet.
Über diese Geschichte: Der Verfasser leitete selbst knapp acht Jahre die Medienabteilung des SC Freiburg. Seit 2015 hat er wieder die Seiten gewechselt und berichtet als Redakteur regelmäßig im Jahr über den Verein, dessen Spiele er seit 43 Jahren besucht.