Start-up: Digitale Werkzeugkiste

Ein Freiburger Glaser entwickelt eine App nach Art eines sozialen Netzwerks. Sie hilft ihm und Kollegen, dabei, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – und dabei Zeit für den Blick über das Tagesgeschäft hinaus zu gewinnen.

Simon Langemann

In kaum einer Branche liegt der Schwerpunkt so stark auf Kleinbetrieben wie im Handwerk. Das bedeutet auch: „Wenn andere Feierabend haben, sitzt du noch da und musst Rechnungen schreiben oder sonstiges erledigen“, sagt Markus Gentner. Der gelernte Schreiner weiß, wovon er spricht: Bereits 1996, mit Mitte zwanzig, gründete er seine eigene Firma – als Glaser, was sich aus den Tätigkeitsschwerpunkten bei seiner vorherigen Anstellung anbot.

Seither betreibt er die Glaserei Gentner als Ein-Mann-Unternehmen. „Am Ende des Jahres hast du zwar dein Geld verdient, aber so richtig zufriedenstellend ist es nicht. Letztendlich hatte ich immer das Gefühl, dass ich 30 Prozent mehr arbeite als andere.“ Und so war es Gentner schon Mitte der Nullerjahre nach Veränderung zumute. Er bildete sich via Abendschule zum Technischen Betriebswirt weiter. Er las Bücher über innovative Geschäftsmodelle, guckte etliche YouTube-Videos. Und er setzte auf Digitalisierung.

Heute verschickt er seine Rechnungen nicht mehr von Hand, sondern erstellt sie über den Online-Dienstleister easybill. Die Bezahlung seiner Lieferanten verwaltet er über die Buchhaltungssoftware Candis. So weit das Naheliegende. Doch noch drängender ging es Markus Gentner darum, die Koordination und Durchführung seiner Aufträge zu optimieren.

Knapp 20 Jahre, nachdem er sich mit seiner Glaserei selbständig gemacht hatte, wurde er deshalb erneut zum Gründer: 2015 hat er die Plattform Flixworker ins Leben gerufen – eine App, die im Idealfall sämtliche Produktions- und Kommunikationsschritte bündelt. Vereinfacht gesagt: Das Tool soll es Handwerkern erleichtern, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Womit nicht nur das Handwerk als Tätigkeit gemeint ist, sondern gerade auch strategisch- analytische Überlegungen zum Ganzen: „Im Handwerk sind wir so sehr damit beschäftigt, unser tägliches Leben zu organisieren, dass wir oft ein paar grundsätzliche Dinge vergessen“, sagt Gentner.

„Was mache ich in zehn Jahren? Welche Sektoren in meinem Betrieb laufen gut und welche laufen schlecht?“ Aufgebaut ist die App im Stile eines sozialen Netzwerks: Auf der einen Seite spielt der Betrieb sein Logo ein und listet seine Dienstleistungen auf. Auf der anderen Seite verbindet sich der Kunde, beispielsweise eine Hausverwaltung, mit den für ihn relevanten Handwerkern – Stichwort: Freundschaftsanfrage. Auftragserteilung, Terminvereinbarung und Statusabfrage erfolgen anschließend elektronisch.

Für den Handwerker bedeutet das vor allem: weniger Telefonate, weniger unsortierte E-Mails, stattdessen direkt dem konkreten Fall zugeordnete Nachrichten. Aber auch eine automatisierte Übersicht aller Aufträge samt farblicher Kennzeichnung für die Priorität. Eine digitale Bezahlfunktion soll folgen – überhaupt befindet sich das System noch im Wachstum. Seit einem Jahr arbeitet Gentner dabei mit einem hauptberuflichen Programmierer zusammen.

Auf dem Rechner läuft Flixworker nicht als zusätzliche Software, sondern im Browser. Bezahlen muss man dafür je nach Cloudspeicher und Nutzerzahl pro Kunde zwischen 2,50 und 25 Euro im Monat. Derzeit verzeichnet das Start-up circa 200 Kunden. Für Markus Gentner geht es darum, in seiner Branche weiter Überzeugungsarbeit zu leisten. „Ich glaube fest daran, dass die Digitalisierung auch ihren Weg ins Handwerk gehen wird“, sagt er. „Da werden sich viele wehren. Aber wir brauchen es, weil wir dadurch einfach sehr flexibel werden.“