Titelstory: Sind Sie sicher?

Sicherheit. Ja, bitte. Die Frage ist nur: Wie? Oder was ist das?

Von Daniel Ruda

Sicherheit: „Geschützt sein vor Gefahren“ – so lautet die obere in einer Reihe von Definitionen des Duden neben diesem schwierig greifbaren Begriff, den objektiv jeder kennt. Und subjektiv bestimmt schon jeder Dritte mit einer anderen Bedeutung auffüllt. Sicherheit unterliegt eben einer Dynamik, die auf gesellschaftliche Schwingungen reagiert. Dass das Pendel zuletzt vermehrt in einen Bereich der Angst geschwungen ist, ist angesichts von Terroranschlägen, drohenden Handelskriegen und Klimakatastrophen, Datenunsicherheit und Hacker-Angriffen im Netz sowie politischen Schieflagen nah und fern nicht unbedingt verwunderlich.

Kurz bevor diese Ausgabe in Druck geht, da trafen sich gerade ein US-Präsident und ein nordkoreanische Machthaber wieder einmal, um dann Gespräche über eine atomare Abrüstung abzubrechen. Donald Trump & Kim-Jong Un & Atomwaffen: Sicherheit ist anders. Aber wir in Südbaden haben mit dem Atomkraftwerk Fessenheim in Sachen anders gelagerter atomarer Abrüstung ja ohnehin eine ganz eigene Sicherheitsproblematik vor der Haustür. Die Forderungen nach einer wie auch immer zu definierenden Sicherheit für den öffentlichen Raum ist im gesellschaftlichen Diskurs jedenfalls durchaus laut.

„Wir haben eine Tendenz zur Versicherheitlichung“, umschreibt es der Philosophieprofessor Hans-Helmuth Gander, der sich an der Freiburger Uni in Lehre und Forschung intensiv mit dem Begriff Sicherheit auseinandersetzt. Der Leiter des Philosophischen Seminars ist auch Direktor des Centre for Security and Society, einer interdisziplinären Einrichtung in Sachen ziviler Sicherheitsforschung, die nun in das zehnte Jahr ihres Bestehens geht und in Europa als eine führende Institution in ihrem Bereich gilt. Dort sind Forschungsprojekte angesiedelt, unter anderem von der EU gefördert, die sich beispielsweise um Helfernetzwerke zur Bewältigung von Krisen und Katastrophen drehen.

Oder um die berührungslose Detektion von Sprengstoff (mehr dazu in der neuen Ausgabe). Bei aller realen Gefahr, die ohne Zweifel besteht, betont Gander: „Man muss aufpassen, dass man nicht in einen Sicherheitswahn verfällt. Das Leben lässt sich nicht so absichern, dass wir ohne Risiko leben. In unserer Ausrichtung auf die Zukunft leben wir immer in einem Risiko“. Dass ein Streben nach Sicherheit gleichzeitig die Freiheit einenge, sieht der Philosoph jedoch nicht als Folge. Diese Gegenüberstellung funktioniere nicht, findet er. Es müsse eine Balance geschaffen werden, Freiheit vollziehe sich mitunter ja erst in und durch Sicherheit.

Securitas, das lateinische Wort für Sicherheit, bedeutete in der Antike im Sinne der sogenannten stoischen Philosophie übrigens „ohne Sorge, Kummer und vor allem ohne Furcht zu leben“, erklärt Gander. Wie schwierig das Umsetzen dieses Anspruchs heutzutage sein kann, war und ist gerade in der bis dato idyllischen Region Freiburg zu erleben, wo das Sicherheitsgefühl in den vergangenen zweieinhalb Jahren enorm gelitten hat, vor allem unter jungen Frauen. Die Mordfälle an der Dreisam und im nahen Endingen sind in schrecklicher Erinnerung, vor einigen Monaten kam mit einer Massenvergewaltigung nachts vor einer Discothek erneut ein Fall hinzu, der fassungslos macht.

Die Justiz wird in den kommenden Monaten wieder ihre Urteile sprechen. Wie Polizei und die Stadt im Breisgau, die den unrühmlichen Titel als statistisch kriminellste des Landes trägt, seither in Sachen Sicherheit aufrüsten und wo die Trennlinie zwischen sinnvollen Maßnahmen und Symbolpolitik liegt, ist ein Thema in dieser Ausgabe. „Sicherheit durch Klarheit“, so sollte wiederum das Credo für ein sicheres Gefühl am Arbeitsplatz lauten, womit jetzt nicht die Bedeutung von Stahlkappenschuhen oder Baustellenhelmen gemeint ist.

Diese Botschaft nennt Coach und Berater Benedikt Mechler, der mit Führungskräften unter anderem an deren Außenwirkung arbeitet: „Mit fester innerer Stabilität und Sicherheit im Auftreten bewirkt eine Führungskraft vor allem eines: Sie schafft Vertrauen und kann damit für die Belegschaft eine feste Basis für Zuversicht auch in schwierigen Zeiten begründen“, beschreibt es der Freiburger. Was objektiv sinnig erscheint, ist dabei subjektiv nicht unbedingt einfach umzusetzen. „Klarheit muss bei Fragestellungen im Unternehmen darüber herrschen, wen ich als Führungskraft in welchem Maße bei Diskussionen und Entscheidungen beteilige“.

Denn wenn Transparenz und Klarheit geschaffen und gezeigt werde, „da gehen die Angestellten mit, das ist enorm“. Kontinuität, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit im zwischenmenschlichen Umgang, das schaffe Sicherheit in Unternehmen, betont Mechler. „Darauf baut alles auf.“ Dass der Bereich der Sicherheit in Südbaden auch wirtschaftlich hoch im Kurs steht, zeigt nicht zuletzt der Blick auf die anstehende Übernahme des regionalen Sicherheitsdienstleisters Ziemann durch ein schwedisches Großunternehmen (wir berichteten).

Das vor allem im Geldtransport und Objektschutz tätige Unternehmen aus Schallstadt bei Freiburg machte zuletzt 300 Millionen Euro Umsatz und beschäftigt 2700 Mitarbeiter, 540 davon in Südbaden. Und dass in Zeiten, in denen ein Hacker aus seinem Jugendzimmer in der elterlichen Wohnung persönliche Emails und weitere sensible Daten von Politikern und Prominenten ins Internet stellt, auch die digitale Infrastruktur von Unternehmen geschützt sein will, steht außer Frage. Auch um IT-Sicherheit dreht sich daher ein Beitrag unserer Titelstrecke.

Wer sich gar gegen Angriffe der eigenen Mitarbeiter oder Fälle von Spionage schützen muss, der engagiert einen Wirtschaftsdetektiv. Wir haben mit einem gesprochen (mehr dazu in der neuen Ausgabe). Zudem nehmen wir auch die Situation der Feuerwehren in Südbaden unter die Lupe und stellen ein Startup vor, dass heimische Rechner kindersicher machen möchte. Sicherheit, das ist letztlich kein Zustand, sondern ein Prozess, getragen von Wellen zwischen objektiver Sachlage und subjektivem Empfinden. „In einem umfänglichen Sinne kann es Sicherheit nicht geben“, zieht der Philosoph Hans-Helmuth Gander Bilanz.