Tradition: Wenn die Zeit still steht

Wolfgang Harms ist seit 50 Jahren ein klassischer Handwerker der alten Schule, noch dazu in einem immer weiter schrumpfenden Berufszweig. Zu Besuch bei einem Meister seines Fachs – der keinen Meistertitel hat. Und kurz vor der Rente einen Neustart gewagt hat.

Von Daniel Ruda

“Ich bin denn da angefangen und dann nahm alles seinen Lauf“, sagt Wolfgang Harms in seinem norddeutschen Sprech. Im weißen Kittel sitzt der 66-Jährige in seiner Werkstatt auf seinem abgewetzten Stuhl und versucht sich daran zu erinnern, wie er überhaupt zum Uhrmacher wurde. 50 Jahre ist das her. Eine Ewigkeit. Sein Vater hatte ihn gefragt, ob er sich das vorstellen könne, Uhrmacher zu werden. Konnte er, und ist es bis heute.

Eigentlich kurz vor der Rente, hat er sich vor rund einem Jahr noch selbständig gemacht, zum ersten Mal überhaupt. Schmuck & Uhren Harms steht in Müllheim auf dem Schild über der Eingangstür des Ladens. Harms hat das Traditions-geschäft im Markgräflerland, seit rund 150 Jahren steht an dieser Stelle ein solcher Laden, von seinem früheren Arbeitgeber übernommen. „Zu Hause rumsitzen, das möchte ich nicht. Da hab ich absolut keine Lust zu“, erklärt der gebürtige Wilhelmshavener den simplen Grund für den Neustart im hohen Alter.

Wobei vieles gar nicht neu ist, die Kunden hätten ihn die ganzen Jahre über als Chef angesehen. Seit rund 30 Jahren arbeitet Harms in dieser Werkstatt, die als Paradebeispiel für organisiertes Chaos herhalten kann. Auf vier aneinander gereihten Werkbänken tobt das Handwerkerleben. Zeit ist Geld Drumherum: Standuhren, Wanduhren, Büffetuhren, Kuckucksuhren und so weiter, hier „stehen und liegen überall so alte Dinger rum“. Gebrochene Federn und Räder, kaputte Zapfen et cetera.

Auf einem Tisch liegt eine Uhr, Höhe und Breite eines Handgepäckstücks, die Kopf und Herz einer wuchtigen Standuhr ist. Das Baujahr 1760 steht auf dem Zifferblatt. Harms hat sie erst repariert, jetzt liegt sie wieder vor ihm. „Ich weiß, was zu tun ist“, sagt er nüchtern und erklärt das Problem: Der Besitzer sei umgezogen und habe jetzt eine Fußbodenheizung, die hat in dem Holz etwas gearbeitet. „Dadurch hat sich der Ablauf des Räderwerks verändert. Ich bring die wieder zum Laufen.“

netzwerk südbaden

Seit 50 Jahren sorgt er dafür, dass die Zeit nicht – zumindest nicht lange – still steht. Foto: Alexander Dietrich

Hinter dem Ziffernblatt setzt sich eine Uhr aus zig Einzelteilen zusammen. Gerade bei Armbanduhren („Ich zerlege jede Uhr bei der Reparatur bis zum Geht-nicht-mehr“) ist Zehntelmillimeterarbeit gefordert, so fein sind die Anforderungen. „Wollen wa mal so sagen: Mich haut nix mehr um“, sagt Harms und erinnert sich an anstrengende Lehrjahre Ende der 60er Jahre: Bis er 28 war, musste er seinem Meister jede einzelne reparierte Armbanduhr zur Kontrolle zeigen.

In der Berufssschule nahm ihn ein Uhrenkonstrukteur von Lange & Söhne unter seine Fittiche. Davon profitiert Harms bis heute. Nach rund 20 Jahren Dauerstress auf der Arbeit in der Heimat und einem „Einbruch“ war es eine Annonce in der Zeitung, die ihn und seine Frau Roswitha nach Südbaden brachte. Harms weiß noch, dass er am 26. Januar 1990 zum Vorstellungsgespräch nach Müllheim fuhr: Den Job hatte er sofort.

Heute hat er immer zwischen 20 und 40 Uhren in der Werkstatt zur Reparatur – von der Größe eines Weckers bis hin zum Big Ben fürs Wohnzimmer. Dazu kommen noch Dutzende in Papiertütchen verpackte Armbanduhren. Viele davon sind ebenfalls tausende Euro wert. Quasi täglich kommen neue Aufträge dazu. Aber er nimmt sich wirklich die Zeit: „Zwei bis drei Monate dauert es, bis eine große Uhr fertig ist“. Manche bleiben teils noch wochenlang zur Kontrolle in der Werkstatt.

So tickt es denn auch von allen Ecken und Wänden. Kürzertreten kann oder will der 66-Jährige bei den vielen Reparaturaufträgen nicht: Gegen acht Uhr ist er morgens in der Werkstatt, um acht Uhr abends erst wieder zu Hause in Schopfheim. Eher an sechs als an fünf Tagen in der Woche geht das so. „Für mich ist die Arbeit nicht anstrengend. Wenn ich an so eine Uhr rangehe, dann läuft das von alleine“, sagt er gelassen. Harms‘ Handwerk ist keines, das über die Jahre am Körper zehrt.

Ein Uhrmacher muss nicht auf den Knien umher rutschen oder schwer heben, die Gefahr, von der Leiter zu fallen oder ein paar Finger an eine Säge zu verlieren, ist minimal. Aber die Augen sind mit den Jahren schlechter geworden. Die Lupen an Harms’ Auge dafür stärker, dank zukneifenden Gesichtsausdrucks bleiben sie dann auch freihändig dort. „Nach ein paar Jahren ist das Ding quasi eingewachsen“, kommentiert er die Beziehung Uhrmacher – Lupe. Hausbesuch vom Uhrenarzt Seine Kunden kommen aus der gesamten Region, aus Freiburg, Lörrach, der Schweiz.

Uhrmacher Harms hat sich in drei Jahrzehnten in Südbaden einen Namen gemacht. Lokale Kunden besucht er schon mal in deren Zuhause, wenn die Zeit stillsteht. „In der Regel ist die Sache in ein paar Minuten geklärt“. Oft trauen sich gerade ältere Kunden nicht, die Feder richtig straff aufzuziehen – aus Angst, sie zu zerbrechen. „Aber so eine Uhrenfeder kann man nicht kaputtmachen.“ Ein Meister ohne Meistertitel Wolfgang Harms ist ein Meister seines Fachs, das darf man so sagen, einen Meistertitel hat er aber nicht. Warum?

Am Anfang fehlte dafür schlicht das Geld, nachdem er als 21-Jähriger zum ersten Mal Vater wurde. „Das Geld war knapp und irgendwie musste man die Kinder durchbringen“, erklärt der fünffache Vater. „Wenn man zur Meisterschule geht, dann kostet das Geld. Aber zum Arbeiten brauchte ich auch erstmal keinen Meister“. Das sollte sich auch mit den Jahren nicht ändern. Die Notwendigkeit zur Meisterprüfung sah Harms schlichtweg nie.

Die meisten seiner 50 Jahre war er der einzige Uhrmacher in seiner Werkstatt. Vom Aussterben bedroht Unter der kleinen Lupe betrachtet, lag das an der jeweiligen Situation. Mit erweitertem Blickwinkel sieht man aber auch, dass der Beruf des Uhrmachers ein aussterbender ist. „In den letzten 20 Jahren sind die Uhrmacher im Umkreis entweder verstorben oder haben ihr Geschäft aufgegeben“, sagt Harms.

Eine Nachfrage bei der Handwerkskammer Freiburg ergibt, dass es in ganz Südbaden aktuell einen einzigen Uhrmacher- Azubi gibt. Im September wird ein zweiter hinzukommen: Harms‘ Sohn Sebastian wird bei ihm in die dreijährige Lehre gehen. Seit der Geschäftsübernahme arbeitet der 25-Jährige im Laden mit, kümmert sich um Buchhaltung, Bestellung, Verkauf und erledigt Kleinigkeiten wie Batteriewechsel. „Ich möchte, dass das Handwerk erhalten bleibt“, sagt er. Auch Harms‘ Ehefrau und Schwiegertochter arbeiten im Familienbetrieb mit.

„Wollen wir doch mal gucken, dass wir aus ihm einen Uhrmacher machen. Ich hoffe, dass ich noch so lange gesund bleibe. Denn da ist recht viel, was ich weitergeben kann, was andere so nie gelernt haben“, sagt Wolfgang Harms. Normalerweise bräuchte er einen Meistertitel, um einen Lehrling ausbilden zu dürfen. Kürzlich waren Vertreter der Kammer da, um ihn kennenzulernen und die Situation zu besprechen, nun geht das auch so. „Im schlimmsten Fall muss ich mal nach Freiburg und meine Fähigkeiten nachweisen.“