VdU: Süchtig nach Veränderung

Als Sophie Bender noch ein kleines Mädchen war, begann ihr Vater damit, alte Zeitungen zu sammeln und sie als Geschenke zu verkaufen. Daraus wurde mit dem Unternehmen Historia ein Millionengeschäft. Seit sieben Jahren leitet die Tochter nun die Geschicke der Firma, die kürzlich in ihr neues Gebäude am Freiburger Güterbahnhof umgezogen ist.

Von Daniel Ruda

Es ist ein Knopfdruck, mit dem Sophie Bender im Grunde ein Unternehmensportrait von Historia im Schnelldurchlauf in Gang setzt: Eine Regalwand fährt zur Seite und vor ihr tut sich eine rund acht Meter lange Schlucht auf. Links und rechts von unten nach oben türmen sich in den Fächern darin alte Zeitungen und Zeitschriften. Ob Teenager oder Rentner, diese eine bestimmte Ausgabe vom Tag der Geburt, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit in einem dieser 125 fahrbaren Regale, die auf drei Etagen und 1000 Quadratmetern Grundfläche verteilt das Herzstück des neuen Firmengebäudes bilden.

„Etwa fünf Millionen historische Einzelexemplare aus vielen Ländern haben wir hier, die als personalisiertes Geschenk verschickt werden können“, erklärt die Geschäftsführerin. Das Online-Geschäft mit den historischen Druckerzeugnissen macht den größten Anteil des Umsatzes aus, zuletzt lag der insgesamt bei etwa drei Millionen Euro. Jahrgangsweine und dutzende weitere Geschenkartikel von der vergoldeten Münze bis zum gravierten Holzspielzeug komplettieren das Angebot. „Wir wollen ein kuratiertes Sortiment an Geschenkideen anbieten, das es im Laden um die Ecke nicht gibt“, fasst es die 38-Jährige zusammen. Kunden stoßen vor allem über Suchmaschinen auf Historia.

„Unser Hauptprodukt ist ja so speziell, dementsprechend wichtig ist daher die Suchmaschinenoptimierung für uns.“ Auch aus der Schweiz, Frankreich, Österreich, Holland, Italien und Spanien laufen Bestellungen in Freiburg ein. Polen und Dänemark sind die nächsten Ziele. Rund acht Jahre ist es nun her seit dem Anruf des Vaters bei der Tochter. Ob sie, die sich da längst abseits des elterlichen Betriebs ihre eigene berufliche Karriere aufgebaut hatte, sich vorstellen könne, Historia mit seinen 30 Mitarbeitern mal zu übernehmen. Sie konnte. Das abgeschlossene BWL-Studium, den Doktortitel im Marketing, Erfahrungswerte aus der Arbeit in Hamburg und München, wo sie feststellte, dass die Strukturen von Großunternehmen für sie zu eng waren, nahm die damals einfache und heute dreifache Mutter mit zurück nach Südbaden, um sich fortan mit dem Vater die Geschäftsführung zu teilen.

Der 70-jährige Joseph Nietfeld zieht sich seither langsam aus dem operativen Geschäft zurück. „Für mich ist er immer noch unverzichtbar in unserem Familienunternehmen“, sagt Sophie Bender und entschuldigt sich fast für diesen Begriff, weil das ja auch immer ein bisschen pathetisch klinge angesichts der Größe des Unternehmens. „Aber unsere Buchhalterin kennt mich, seit ich ein 13-jähriges Mädchen war, das ist nur ein Beispiel. Wir duzen uns hier auch alle.“ Dass Altbewährtes indes auch Abwechslung brauche, ist die Maxime der Unternehmerin. „Ich bin ein Veränderungsjunkie und hinterfrage permanent alles“, sagt sie über sich selbst. Überall nach Optimierungspotenzial zu suchen, das bereite ihr Spaß. „Besser werden, immer an Schräubchen drehen“, lautet ihr stetiges Ziel.

Das hat sie vor allem in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit der Planung und Realisierung des drei Millionen Euro teuren Neubaus verfolgt. „Ich habe mich im Grunde mit nichts anderem beschäftigt“, so Bender. Das gerade zu Ende gegangene Weihnachtsgeschäft, für Historia die wichtigsten Wochen des Jahres, wurde mit dem Umzug kurz zuvor zu einer noch größeren Herausforderung. „Die neuen Prozesse haben aber gegriffen“, so Bender. „Es ist schwierig, große Veränderungen bei 30 Mitarbeitern auf die Schnelle anzuschieben, das hat ganz schön viele Kapazitäten gebraucht. Es hat sich gelohnt.“ Dass sie sich in der Umbruchphase auch im Verband Deutscher Unternehmerinnen (VdU) mit anderen Frauen in Führungspositionen austauschen konnte, hat ihr geholfen.

Gerade auch, wenn es um den Balanceakt in den Rollen als Mutter von kleinen Kindern und Geschäftsfrau ging. „Das ist ein wichtiges Thema“, betont Bender. Ihrer weiblichen Sicht auf wirtschaftspolitische und gesellschaftliche Themen möchte sie im VdU „eine hörbare Stimme geben“. Welche Schlagworte ihr zum Verband einfallen? „Ehrlich, Dynamisch, Herzlich.“ Geboren ist Sophie Bender 1980 am 8. März, dem internationalen Frauentag. Um die Zeitungen dieses Tages in den Händen zu halten, muss sie nur am richtigen Regal einen Knopf drücken.