Wohnraum: „Freiburg endet nicht an der Stadtgrenze“

Ein Baudezernent und ein Architekt: Im neuen Rathaus der Stadt Freiburg kommen Martin Haag und Klaus Wehrle ins Gespräch: Über bezahlbaren Wohnraum, Stadt und Region – und was sie beide in der jeweils anderen Funktion unternehmen würden

Interview: Rudi Raschke

In Südbaden geht aktuell folgender Sarkasmus um: „Ein Mann hat im Lotto eine Million Euro gewonnen und kauft sich davon eine 2-Zimmer-Wohnung. – Und was macht er mit dem Rest? – Den finanziert er über die Bank.“ Wie schaut die Situation aus Ihrer Sicht aus: gibt es Hoffnung, dass in Freiburg eines Tages wieder bezahlbar gewohnt werden kann?
Haag: Wohnen war in Freiburg schon immer teuer. Ich selbst habe das am eigenen Leib erfahren, als ich vor 25 Jahren selbstgesucht habe. Aber momentan erleben wir eine Situation, die so zugespitzt ist wie noch nie. Und darauf ist keiner in der Stadt stolz. Es ist unsere stadtpolitische Aufgabe, diesen Zustand zu beenden. Damit Menschen mit kleinem, aber auch mit normalem Geldbeutel eine Wohnung hier finden können.

Wie sehen Sie als Architekt diesen Zustand?
Wehrle: Wohnen wird immer ein Dauerthema bleiben. Gestatten Sie auch mir einen Rückgriff: Es war auf Bundes- wie auf Landesebene vor 20 Jahren ein Riesenfehler, dass jeder dachte, es sei alles gebaut. Und es bringt gar nichts, hier nach Schuldigen zu suchen – wir müssen in die Gänge kommen und dafür braucht es eine gewisse Zeit, aber auch Konzepte. Wie zum Beispiel die interregionale Zusammenarbeit: Ich finde es eine klasse Idee, dass Freiburg mit kleineren Kommunen zusammenarbeitet, um entlang der S-Bahn-Trassen gemeinsam den Druck zu nehmen. Die Stadt wird das Problem allein nicht lösen können. Trotzdem finde ich es wichtig, dass auch ein neuer Stadtteil wie Dietenbach entsteht, damit Freiburger weiter in Freiburg leben können.

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Architekt Klaus Wehrle

Kann die Region im Umland denn dazu gebracht werden, dass sie Flächen abtritt? Die Gegenleistung dafür dürfte überschaubar sein.
Haag: Die Gegenleistung für eine regionale Zusammenarbeit ist es auch nicht, dass die Stadt Freiburg etwas bringt, sondern, dass wir gemeinsam versuchen, erfolgreich zu sein: Wir haben keinen lokalen Wohnungsmarkt im engeren Sinne, sondern einen regionalen. Bei aller Unabhängigkeit voneinander macht es für Kommunen Sinn, wenn sie gemeinsam unterwegs sind. Vor fünf Jahren sind wir mit dieser Idee angetreten, jetzt trägt das Projekt erste Früchte. Wir müssen aber auch unsere Hausaufgaben machen, in der Innen- wie in der Außenentwicklung. Vor allem aber mit dem neuen Stadtteil Dietenbach.

Erstaunlicherweise ist der neue Stadtteil umstritten, obwohl niemand die Notwendigkeit eines Dachs überm Kopf bezweifeln wird. Was erwarten Sie beide von der Realisierbarkeit der 50:50-Regel für sozial geförderten Wohnraum?
Haag: Zunächst ist das ein klarer Beschluss des Gemeinderats, dass er diesen Stadtteil für alle Schichten der Bevölkerung bauen will. Und eine 50-Prozent-Förderung bedeutet, dass keineswegs nur die Empfänger von Hartz-4-Leistungen bei den Einkommensgrenzen berücksichtigt werden, sondern das geht bis in die Mitte der Gesellschaft. Viele Menschen, die einer Beschäftigung nachgehen, haben bereits Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein, weil sie sich sonst in dieser Stadt die hohen Mieten nicht mehr leisten können. Ich halte die 50 Prozent-Regel für ein klares politisches Signal. Dieser Herausforderung wollen wir uns stellen.

Wehrle: Das ist im Prinzip eine politische Frage, es braucht den Sozialwohnungsbau. Ich bezweifle aber, dass es 50 Prozent sein müssen, vermutlich tut es auch weniger. Weil wir viel mehr versuchen sollten, Menschen in Eigentum zu bringen. Alles, was wir heute diskutieren, ist vor rund 25 Jahren in ähnlicher Form schon einmal auf dem Tisch gewesen: Es gab damals die Wiedervereinigung mit erheblichen Wanderungsbewegungen und die Zuströme von Menschen aus dem Osten Europas. Allerdings wurden 1995 in Deutschland über 600.000 Wohnungen im Jahr gebaut, heute sind es immer noch weniger als die Hälfte, 2017 waren es 284.000. Ganz offensichtlich war es damals für die Menschen leichter, mit Eigentum der Altersarmut vorzubeugen.

Was sind damals wie heute die Instrumente dafür?
Wehrle: Neue Baugebiete für die Außenentwicklung und eine Nachverdichtung im Bereich der Innenentwicklung. Zusätzlich helfen Aufstockungen, Sanierungen, Anbauten, Umbauten im Bestand, es gibt genügend Mittel. Auch um Anbieter zu finden, die entsprechend günstig bauen können. Unter anderem Baugruppen, in Freiburg ist das ja ein sehr gut eingeführtes Thema.

Haag: Ich finde das, was Herr Wehrle anspricht, auch sehr wichtig: Wir brauchen neben dem Mietwohnungsbau auch Eigentum – das trägt auch zur Stabilisierung eines Stadtteils bei. Im Dietenbach wird es trotzdem keine freistehenden Einfamilienhäuser geben, da wir kompakt und urban bauen wollen und möglichst wenig Fläche verbrauchen möchten. Ich hoffe, dass sich viele Menschen dort zu Baugruppen zusammenschließen. Und wir hoffen natürlich, dass Dietenbach ähnlich erfolgreich wird wie die Stadtteile Rieselfeld und Vauban.

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Martin Haag, Baudezernent der Stadt Freiburg

Ist es eine Last für die Stadt, dass Baugruppen und vergleichbare Gemeinschaften vielleicht gar nicht so viele Einheiten bauen können? Entsprechend hat sich der Projektentwickler Hans-Peter Unmüßig geäußert.
Haag: Für uns als Stadt ist es zunächst wichtig, dass wir sagen, was wir wollen und die Rahmenbedingungen für Baugruppen, Genossenschaften, das Mietshäuser Syndikat und die eigene Stadtbau dort schaffen. Zu Dietenbach ist zu sagen, dass nicht alle der 6500 Wohnungen mit Baugruppen und Genossenschaften zu machen wären. Deshalb brauchen wir Quoten, um festzulegen, was für welche Akteure vorzuhalten ist. Damit schaffen wir Sicherheit für Planungen und Grundstücke.

Wehrle: Grundsätzlich halte ich die Verteufelung von klassischen Bauträgern für nicht gerechtfertigt. Jeder von ihnen trägt ein ordentliches Risiko am Markt und dieses Risiko wird bei einem Wiederanstieg der Zinsen deutlich nach oben gehen. Die Konzepte von Bauträgern braucht es genauso wie es eben auch Baugenossenschaften, Baugruppen und die Stadtbau als sinnvolle Ergänzung braucht. Ein Baugebiet muss auch die Vielfalt der Gesellschaft abbilden.

Haag: Wir brauchen tatsächlich alle Modelle. Nur so erreichen wir die Leute auch.

Wie haben wir uns die nicht geförderten 50 Prozent im Dietenbach vorzustellen? Preislich dann im extrem hohen Bereich?
Haag: Wir haben hier eine ganz wichtige Stellschraube in der Hand, um über bezahlbaren Wohnraum zu reden, sowohl bei Dietenbach als auch beim vorher entstehenden Stadtteil Stühlinger- West: Das ist der Besitz der Grundstücke. Damit lässt sich einiges abpuffern, weil wir zu anderen Preisen verkaufen können, als der Markt derzeit abfragt.

Täuscht das Gefühl, dass aktuell ein wenig die Einstellung „Geld ist genug da“ die Runde macht? Lange Zeit mussten Grundstücksveräußerungen auch dazu herhalten, um städtische Schulden zu tilgen. Jetzt gibt es wieder Forderungen, beispielsweise aus Kreisen der SPD, dass Erschließungen und Infrastrukturen wie Kita etc. nicht über die Grundstückspreise bestritten werden sollen?
Haag: Ich halte diese Diskussion für wenig zielführend. Natürlich achtet die Stadt auf eine vernünftige soziale Infrastruktur in einem neuen Stadtteil, auf Schulen, und Kitas auf Straßenbahnen und Einkaufsmöglichkeiten. Aber zu meinen, es müsse alles aus dem Haushalt kommen und dann werden die Grundstücke quasi verschenkt, wird auch in Freiburg nicht gehen. Genau wie wir umgekehrt nie die Kitas, Schulen und den ÖPNV so aus dem Stadtteil finanzieren würden, dass die Grundstücke exorbitant teuer werden. Es geht sehr wohl mit einer guten Ausstattung und bezahlbaren Grundstücken.

Wehrle: Ergänzend dazu möchte ich anmerken: Man kann nicht die ganze Infrastruktur über den Preis fürs Bauland abdecken. Nicht umsonst gibt es ja auch die Schlüsselzuweisung des Landes, die sich an der Einwohnerzahl orientiert. Wichtig ist dass die Diskussion zielorientiert geführt wird. Auch weil hier ein sehr guter städtebaulicher Entwurf vorliegt, mit dem man sehr viel machen kann. Haag: Ich will noch einmal betonen, dass es auch aus ökologischen Gründen ganz wichtig ist, wenn der Flächenverbrauch dadurch minimiert wird, weil diese Anzahl an Wohnungen eben nicht im Umland entsteht, sondern verdichtet in der Stadt. Wehrle: Und wer wirklich will, dass Normalverdiener in Freiburg bleiben, braucht so ein differenziertes Angebot. Aber es braucht dazu auch die Solidarität derer, die schon hier sind. Mit „Das Boot ist voll“-Sprüchen kann man weder geflüchteten Menschen begegnen, noch Mitbürgern aus dem eigenen Land.

Herr Haag, wenn Sie Architekt im Raum Freiburg wären…
Haag: Dann würde ich ebenfalls versuchen, das Thema Wohnen sehr differenziert zu betrachten, weil unsere Gesellschaft sehr vielfältig geworden ist. Damit würde ich mich als Architekt intensiv auseinandersetzen. Auch mit Blick auf gemeinschaftliche Wohnprojekte, wie wir sie vor kurzem in München angeschaut haben und im Viertel Gutleutmatten bereits bei uns umgesetzt haben, wenn auch in einem kleineren Maßstab. Herr Wehrle, als Politiker und Baudezernent im Rathaus…

Wehrle: … würde ich im Endeffekt die gute Zusammenarbeit mit der Architektenschaft weiter ausbauen. Gerade weil die Architekten hier sehr gute Ideen für Neubauprojekte haben. Das zweite wäre, dass auch ich auf die regionale Zusammenarbeit setzen würde. Freiburg endet nicht an der Stadtgrenze.

 

  • Bürgermeister Prof. Martin Haag leitet seit acht Jahren das städtische Baudezernat und ist soeben in seine zweite Amtszeit gestartet. Vor seiner ersten Amtszeit ab 2011 lehrte er als Professor an der Technischen Universität Kaiserslautern Verkehrswesen. Von 2000 bis 2007 war der promovierte Diplom-Ingenieur Leiter des Freiburger Tiefbauamts.
  • Klaus Wehrle ist Architekt in Gutach und hat mehrfach in Fachzeitschriften publiziert. Sein Schwerpunkt ist das kostenoptimierte und nachhaltige Bauen. Wehrle war 12 Jahre Mitglied im Landesvorstand der Architektenkammer Baden-Württemberg und Vorsitzender der Strategiegruppe Klima-Energie-Nachhaltigkeit. Bei netzwerk südbaden schreibt er allmonatlich die Kolumne „Baden baut“. Diesen Monat pausiert sie und wird kommenden Monat mit dem fünften und letzten Beitrag einer Reihe zum bezahlbaren Bauen fortgesetzt.